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Hypochondrie

Kurzdefinition: Die Hypochondrie – heute spricht man meist von Krankheitsangst – gehört zur Gruppe der psychisch bedingten Angststörungen und bezeichnet die Angst, ernsthaft krank zu sein, ohne dass sich ein objektiver organischer Befund finden lässt.

Hypochondrie bezeichnet die Tendenz von Menschen, eine starke Angst davor zu entwickeln, eine oder mehrere ernsthafte Krankheiten zu haben, meist Krebserkrankungen, Herzerkrankungen, multiple Sklerose, aber auch Aids oder Alzheimer. Den Betroffenen fällt es meist sehr schwer, sich von ihren Krankheitsgedanken zu lösen und fühlen sich von diesen Ängsten gefangengenommen. Häufig gelingt es ihnen nur durch wiederholte Arztbesuche, Suche in der Fachliteratur, heutzutage vor allem im Internet oder die Einbindung anderer Personen, eine Erleichterung zu erfahren, die aber meist nicht von Dauer ist.  Viele Menschen googlen ihre Symptome, wenn es ihnen nicht gut geht, bevor sie zum Arzt gehen, und meist auch danach, weil sie der Diagnose des Arztes nicht trauen. Nach Schätzungen leiden zwischen sieben und zehn Prozent der Erwachsenen gelegentlich unter Krankheitsängsten, machen sich Sorgen, dass mit ihnen etwas nicht stimmen könnte, wobei von Hypochondrie etwa ein halbes Prozent betroffen sind, wobei es keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen gibt. Krankheitwertig ist diese Sorge um seine Gesundheit aber erst dann, wenn sie den Alltag der Betroffenen beeinträchtigt.

Durch die Internetsuche nach Informationen, um eigene Beschwerden adäquat einschätzen zu können, oder häufigere Arztbesuche kommt es in den meisten Fällen dazu, dass sich die Betroffenen noch mehr mit dem Thema Krankheit beschäftigen und die Ängste langfristig zunehmen. Ein Hypochonder ist darauf konzentriert, seinen Körper intensiv zu beobachten und jede kleine Veränderung wahrzunehmen. Die Aussage anderer, er sei gesund, kränkt ihn, denn er verspürt körperliche Symptome und wertet diese als Hinweis auf eine schwere Krankheit.

Ausgelöst wird Krankheitsangst häufig durch einschneidende Erlebnisse mit schweren Erkrankungen, denn wer etwa erlebt, dass Angehörige an schweren Erkrankungen leiden oder plötzlich sterben, kann ein solches gedankliche Bedrohungskonzept entwickeln. Dabei spielt auch der Umgang mit dem Thema Krankheit im nahen Umfeld eine Rolle, denn wenn sich etwa die eigenen Eltern bei kleinen Erkrankungen immer große Sorgen machen und jedem Symptom eine große Bedeutung beimessen, wird das häufig von den Kindern übernommen. Menschen, die an Krankheitsangst leiden, sind dabei meist gar nicht übertrieben wehleidig und auch keine Wichtigtuer, die nur Aufmerksamkeit erzeugen wollen, denn häufig stehen tatsächliche Körperempfindungen hinter den Befürchtungen und Sorgen, wobei es eben manchmal harmlose Symptome sind, die etwa durch eine belastete Biografie falsch interpretiert werden. Erste Anzeichen für Hypochondrie gibt es häufig in der Pubertät, wenn es etwa einen traumatischen Verlust eines geliebten Menschen gibt, übervorsichtige Eltern, schlechte Erfahrungen mit Ärzten oder eine schwere Krankheit in der Familie.

Hypochonder neigen auch dazu, ihre Umgebung unwillkürlich nach potenziell bedrohlichen Reizen und solchen Informationen abzusuchen, die mit Krankheit und Tod zu tun haben, und wenden sich diesen dann ausführlich zu. Solche Aufmerksamkeitsprozesse laufen meist völlig unbemerkt ab und ohne eine bewusste Absicht. Solche Aufmerksamkeitsverzerrungen lassen sich meist durch eine kognitive Verhaltenstherapie auflösen.

Im Mittelpunkt einer hypochondrischen Störung stehen übermäßige Krankheitsängste und Krankheitsüberzeugungen, wobei die Störung nach dem ICD-10 häufig als Zweitdiagnose neben anderen somatoformen Störungen diagnostiziert wird, d.h., zusätzlich zu einer Somatisierungsstörung, somatoformen autonomen Funktionsstörung, anhaltenden somatoformen Schmerzstörung oder Konversionsstörung. Die hypochondrische Störung hat daher klinisch unter den somatoformen Störungen eine gewisse Sonderstellung inne, denn das zentrale Diagnosekriterium ist nicht das bloße Vorhandensein von körperlichen Beschwerden, sondern die länger dauernde und ausgeprägte Überzeugung und Besorgnis, eine schwere körperliche Krankheit zu bekommen oder bereits zu haben. Durch das Charakteristikum „Angst vor Krankheiten“ ist eine Nähe zu den Angststörungen gegeben, sodass die hypochondrische Störung als Bindeglied zwischen den Angststörungen und den somatoformen Störungen angesehen werden muss. In den üblichen Diagnoseschemata ist dabei die unbegründete und mindestens sechs Monate anhaltende Angst vor Krankheiten das zentrale Merkmal einer hypochondrischen Störung.

Nach Morschitzky (2000) kann man zwei Arten von Hypochondrie unterscheiden:

  • Primäre Hypochondrie. Die krankheitsbezogenen Ängste stehen in keinem Zusammenhang mit erlebten oder realistischerweise zu fürchtenden Krankheiten und können nicht auf eine andere, ihr übergeordnete Krankheit zurückgeführt werden. Die primäre Hypochondrie gilt im Vergleich zur sekundären Hypochondrie als die schwerere Störung und wird von manchen Fachleuten als Persönlichkeitsstörung betrachtet. Aus der Forschung über Angststörungen weiß man, dass manche Menschen eine erhöhte Angstvulnerabilität im Sinne eines Persönlichkeitsmerkmals haben, d. h., sie sind generell anfälliger dafür, sich vor etwas zu fürchten. Diese Neigung zur Panik ist vermutlich auch ein Erbe der Evolution, denn wer permanent seine Umgebung auf Bedrohungen absuchte, hatte höhere Chancen zum Überleben und gab daher seine Gene weiter.
  • Sekundäre Hypochondrie. Die Krankheitsängste haben sich nach einer anderen psychischen Störung (z.B. Panikstörung, Depression) oder einer körperlichen Erkrankung entwickelt, entweder der eigenen Person (oft bereits in der Kindheit, was nicht selten zu anhaltenden ängstlich-besorgten Reaktionen der Mutter geführt hat) oder – was noch häufiger der Fall ist – nach hautnahen Erfahrungen von Krankheit, Leid, Behinderung und Tod von Familienangehörigen, Verwandten oder guten Bekannten. Dies kann durch Modelllernen aufgrund guter emotionaler Beziehungen erklärt werden. Der mehrfach bestätigte Umstand „Das Leben ist immer lebensgefährlich“, wie es Erich Kästner so treffend formuliert hat, hat die Ausprägung einer sekundären Hypochondrie begünstigt. Es besteht oft eine Komorbidität von sekundärer Hypochondrie und Depression. Nach Ausschluss einer sekundären Hypochondrie ergibt sich eine viel geringere Zahl an hypochondrischen Menschen.

Sigmund Freud zählte die Hypochondrie zusammen mit der Neurasthenie und der Angstneurose zu den Aktualneurosen. Hypochondrie ist in diesem Sinne eine ernst zu nehmende psychische Störung, wobei bei manchen Betroffenen die Überzeugung so stark sein kann, dass sie mit der Zeit krankheitsspezifische Symptome entwickeln, d.h., sie werden im wahrsten Sinne des Wortes krank vor Sorge.

Von Hypochondire betroffene Menschen verhalten sich oft ähnlich wie Menschen, die an einer Zwangsneurose leiden, die ebendalls an ständig wiederkehrenden, aufdringlichen Gedanken leiden und unter dem ständigen Zwang stehen, sich immer und immer wieder von einem Arzt untersuchen zu lassen.

Anmerkung: Das aus dem Griechischen stammende Wort bedeutet “am Unterleib bzw. an den Eingeweiden leidend”, denn die Menschen vermuteten damals, dass alle Gemütskrankheiten aus dem Unterleib kommen. Auch ging man davon aus, dass vor allem die Milz für diese Beschwerden verantwortlich ist und nannte sie bisweilen auch Milzsucht.

Literatur

Morschitzky, H. (2000). Somatoforme Störungen. Diagnostik, Konzepte und Therapie bei Körpersymptomen ohne Organbefund. Wien: Springer.
https://web.de/magazine/wissen/psychologie/hypochondrie-ernst-menschen-krankheitsangst-hilft-33636832 (19-04-12)


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