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Ambiguitätstoleranz


Das Konzept der Ambiguitätstoleranz stammt von Else Frenkel-Brunswik, einer österreichisch-US-amerikanische Psychoanalytikerin und Psychologin, die Mitarbeiterin von Karl und Charlotte Bühler am Psychologischen Institut der Universität Wien war, und wegen des Anschlusses Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich in die USA emigrierte und im gleichen Jahr den Psychologen Egon Brunswik heiratete. Else Frenkel-Brunswiks Konstrukt der Ambiguitätstoleranz wurde in großen Versuchsreihen empirisch untersucht, wobei vor allem Ökonomen über Ambiguitätstoleranz geforscht haben, etwa im Zusammenhang mit Kaufentscheidungen.

Nach Frenkel-Brunswik gibt es bei vielen Menschen diese charakterstische Eigenschaft einer Intoleranz der Ambiguität, die das Nicht-Ertragen-Können von Mehrdeutigkeit kennzeichnet. Einige Menschen können mehrdeutige und gegensätzliche Sachverhalte nicht ertragen und sind daher unfähig, sich in die Sichtweise anderer Menschen im Sinne eines Perspektivenwechsels hineinzuversetzen, sodass eine starre, unflexible, zwanghafte Haltung vorherrscht. Dabei werden Zwischentöne und komplexe Sachverhalte abgelehnt, da sie die Menschen irritieren, eine Abwehrtendenz, die eng verwandt ist mit einer negativen Einstellung gegenüber Andersartigem und der Ablehnung des kulturell Fremden.

Unter Ambiguitätstoleranz versteht man in den Erzieungswissenschaften und hier besonders in der Theorie der Identitätsbildung von Krappmann (2000) die Fähigkeit von Heranwachsenden, widersprüchliche Bedürfnisse auzuhalten, denn nur durch die Rollendistanz und Empathie lernt das Individuum neue und auch widersprüchliche Erwartungen der anderen, die den eigenen entgegengesetzt sind, zu ertragen.

Die Ambiguitätstoleranz ist demnach eine für die Identitätsbildung entscheidende Variable, da Identitätsbildung offenbar immer wieder verlangt, konfligierende Identifikationen zu synthetisieren. Ohne sie ist ein Individuum nicht in der Lage, angesichts der in Interaktion notwendigerweise auftretenden Ambiguitäten und unter Berücksichtigung seiner Beteiligung an anderen Interaktionssystemen und einer aufrechtzuerhaltenden biographischen Kontinuität zu handeln. Die Errichtung einer individuierten Ich-Identität lebt von Konflikten und Ambiguitäten. Werden Handlungsalternativen, Inkonsistenzen und Inkompatibilitäten verdrängt oder geleugnet, fehlt dem Individuum die Möglichkeit, seine besondere Stellung angesichts spezifischer Konflikte darzustellen. Wenn die Ambiguitätstoleranz eines Individuums in einer konkreten Situation nicht ausreichend vorhanden ist oder wenn eine Situation so widersprüchlich ist, dass ein zu hohes Maß an Ambiguitätstoleranz gefordert wird, kommt es zur Abwehr, d. h., entweder verdrängt es alle Widersprüche zwischen den Erwartungen anderer und den eigenen Bedürfnissen, oder das Individuum beharrt auf den eigenen Bedürfnissen, d. h., die Rollenerwartungen werden nicht hinterfragt, sondern deren Bedeutung wird geleugnet.

Vor allem das Bedürfnis, im Leben Irritationen zu vermeiden, beschreibt man in der Psychologie oft als Intoleranz gegenüber Ambiguität, wobei Menschen mit einer solchen Intoleranz alle mehrdeutigen oder unklaren Situationen als bedrohlich bzw. anstauslösend empfinden. Diese Menschen neigen dann dazu, wenig offen für unterschiedliche Perspektiven zu sein und halten im Zweifel lieber am Althergebrachten fest. Die bei diesen Menschen oft damit verbundene Suche nach einfachen, schnellen und eindeutigen Antworten verstärkt jedoch Stereotype und verhindert informiertes Abwägen von Alternativen.

Literatur

Krappmann, L. (2000). Soziologische Dimensionen der Identität. Strukturelle Bedingungen für die Teilnahme an Interaktionsprozessen. Stuttgart: Klett-Cotta Verlag.


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