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Werther-Effekt

Als Werther-Effekt wird in der Medienwirkungsforschung die Annahme bezeichnet, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen Suiziden, über die in den Medien ausführlich berichtet wurde, und einer Erhöhung der Suizidrate in der Bevölkerung besteht. Goethes zeichnete in seinem Klassiker der Literatur “Die Leiden des jungen Werthers”, einem Briefroman, ein Porträt der jugendlichen Psychologie mit all ihrer Widersprüchlichkeit, Einsamkeit und Absolutheit der Gefühle. Werther, möchte in der unerfüllten Liebe zu Lotte die Regeln der Gesellschaft abstreifen und sich als Individuum grenzenlos erleben, liebt, dichtet, wütet und scheitert letztendlich.

Inzwischen ist nachgewiesen, dass Medien durch die Art und Weise der Berichterstattung auch die gesellschaftliche Information und Einstellung zum Suizid beeinflussen. Aufgrund wissenschaftlichenr Untersuchungen ist es mittlerweile erwiesen, dass manche Formen der medialen Berichterstattung über Suizide weitere Suizide auslösen können, sodass Medien durch die Form ihrer Berichterstattung einen Beitrag zur Suizidprävention leisten können. Eine Studie Etzersdorfer & Sonneck (2001) zur Berichterstattung über Wiener U-Bahnsuizide zeigte, dass die ab Mitte 1987 eine veränderte und zurückhaltende Medienberichterstattung mit   einem   deutlichen   Rückgang der U-Bahnsuizide übereinstimmte, wobei diese Zahl seither auf verringertem Niveau blieb. Medien können daher einen bedeutenden Beitrag im öffentlichen Bewusstsein leisten, indem eine Krise nicht als schicksalhafte Krankheit mit völligem psychischen Zusammenbruch ohne Veränderungsmöglichkeiten dargestellt wird, sondern als eine zeitlich begrenzte Phase tiefer Verzweiflung, die auch mittels konkreter und aktiver Hilfe der Umwelt gelindert werden kann und auch Chancen der Neuorientierung beinhaltet. Ein restriktives Berichtverbot über Suizide stellt keine wünschenswerte Lösung dar, da so die Realität dieser Thematik im öffentlichen Bewusstsein weiterhin tabuisiert wird.

Nachahmungs- oder Imitationssuizide werden medial verstärkt durch eine Erhöhung der Aufmerksamkeit, wenn der Bericht auf der Titelseite erscheint, bei sensationserregende Überschriften und spektakulärem Stil in Sprache und Darstellung. Insbesondere durch Details zur Person (Name, Foto, Lebensumstände, Abschiedsbrief), Details zur Suizidmethode („starb durch …“), Details zu Suizidort (durch Nennung oder Foto), Details zur Suizidhandlung (filmische Rekonstruktion des Suizides vor Ort), Details zu Suizidforen im Internet (z.B. Bekanntgabe der genauen Adressen), ereinfachende Erklärung („Selbstmord wegen Scheidung“), Heroisierung der Person („…wählte einen besonderen Tod“), Romantisierung des Suizides („…nun ewig vereint“) und Interviews mit Angehörigen in der Schockphase.
Der Imitationseffekt wird vermieden, wenn in den Medien die individuelle Problematik beschrieben wird, ohne vorschnell nach einer einzigen Erklärung zu suchen, und ein sorgfältiger Umgang mit Wertungen und sprachlichen Formulierungen, durch das Aufzeigen von konkreten Alternativen und Lösungsansätzen bzw. durch die Darstellung von Beispielen konstruktiver Krisenbewältigung, etwa in Form von Interviews mit ähnlich Betroffenen, wobei diese im Bericht direkt ermutigt werden, Hilfe anzunehmen. Hilfreich ist auch die Informationen über spezielle Institutionen mit aktuellen Telefonnummern und Adressen sowie deren Arbeitsweisen, und die Schaffung eines öffentliches Bewusstseins für die Suizidproblematik, dass Suizidalität oft mit seelischen Krankheiten, vor allem Depressionen einhergeht und diese behandelbar sind. Wichtig ist auch die gezielte Information zur Einschätzung von Suizidgefahr, etwa Warnsignale und der Hinweis auf Risikogruppen, um Angehörigen zu ermöglichen, die Signale der Suizidgefahr zu erkennen. Den präventiven Effekt medialer Berichterstattung bezeichnet man auch als Papageno-Effekt.

Netflix- statt Werther-Effekt?

Nach der Ausstrahlung der Netflix-Serie „13 Reasons Why“ ist Studien zufolge die Zahl der Suizide unter Jugendlichen in den USA gestiegen, und zwar fand man 58 mehr Selbstmordfälle bei 10- bis 17-Jährigen im Monat April, als auf Grund des Trends in den Monaten davor erwartet worden wäre. Die Studie untersuchte dabei mit verschiedenen Methoden das Selbstmordverhalten in der Fünfjahresperiode ab Januar 2013, wobei die Selbstmordrate vor der Veröffentlichung mit der erwarteten Entwicklung aufgrund historischer und anderer Trends verglichen wurde. Der Untersuchung zufolge gab es in den neun Monaten nach Beginn der Serie 195 zusätzliche Suizidfälle in der Altersgruppe zwischen zehn und 17 Jahren, ein Anstieg von fast 29 Prozent, wobei dabei vor allem männliche Jugendliche betroffen waren. Vor allem im ersten Monat, nachdem die Serie angelaufen war, gab es einen signifikanten Anstieg, wobei auch die Zahl der Internetrecherchen zum Thema Suizid um 19 Prozent gestiegen war.

In der Serie geht es um eine Schülerin, die sich das Leben nimmt, wobei Netflix dabei den Suizid der Hauptfigur besonders dramatisch inszeniert hatte und die für Medien geltenden Leitlinien zur angemessenen Darstellung dieses Themas nach Meinung von Experten missachtet hatte. Solche eine Darstellung kann für Menschen traumatisch sein, die bereits einen Suizidversuch hinter sich haben bzw. zeigt in manchen Fällen direkt den Weg zum Suizid.

Literatur

Bridge, Jeffrey A., Greenhouse, Joel B., Ruch, Donna, Stevens, Jack, Ackerman, John, Sheftall, Arielle H., Horowitz, Lisa M., Kelleher, Kelly J. & Campo, John V. (2019). Association Between the Release of Netflix’s 13 Reasons Why and Suicide Rates in the United States: An Interrupted Times Series Analysis. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, doi: 10.1016/j.jaac.2019.04.020.
Campo, John V. & Bridge, Jeffrey A. (2018). Exploring the Impact of 13 Reasons Why: Looking for Light Amidst the Heat. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 57, 547-549.
Etzersdorfer E., Sonneck G. & Voracek M. (2001). A dose-response relationship of imitational suicides with newspaper distribution. Australian and New Zealand Journal of Psychiatry.
Sonneck G. (2000). Krisenintervention und Suizidverhütung. Wien:UTB Facultas.
Ziegler W. & Hegerl U. (2002). Der Werther Effekt. Bedeutung, Mechanismen, Konsequenzen. Nervenarzt, 73, 41-49.


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