Selbstverletzung

Für selbstverletzendes Verhalten (SVV) werden auch Begriffe wie Autoaggression, Automutilation, Parasuizid, Selbstbestrafung oder Selbstverletzung verwendet, allerdings stehen diese oft schon interpretierend für unterschiedliche Aspekte der Thematik. Eine mögliche knappe Definition beinhaltet die gezielte und bewusste Verletzung oder Beschädigung des eignen Körpers, ohne sich aber töten zu wollen, wobei dieses Verhalten sozial nicht akzeptiert ist und zum Abbau psychischer Spannungen durchgeführt wird. Dabei werden Verletzungen durch Piercings, Tätowierungen und Ähnliches  nicht dazugezählt, da diese in der Regel kulturell akzeptiert sind und das Schmücken des Körpers im Vordergrund steht. Auch risikoreiches Verhalten wie Drogenkonsum oder das Ausüben von riskanten Sportarten zählen laut vorgenannter Definition nicht zum selbstverletzenden Verhalten (vgl. Warschburger & Kröller, 2008, S. 210).

Selbstverletzung ist ein stilles Leiden, das Betroffenen, Angehörigen und professionellen Helfern gleichermaßen zunächst rätselhaft erscheint. Vor allem Frauen richten bestehende Aggressionen in zerstörerischer Weise gegen sich selbst. Um sich zu spüren und seelischen Schmerz vergessen zu können, fügen sie sich Wunden mit Messern, Scheren, Rasierklingen oder brennenden Zigaretten zu.
Unter selbstverletzendem Verhalten versteht man das absichtliche Zufügen von äußerlichen Wunden, also Ritzen oder Schnitte mit dem Messer oder anderen Klingen, Verletzungen mit einem heißen Bügeleisen oder das Ausdrücken von Zigaretten auf der Haut, wobei meist Arme und Beine verletzt werden. Eine Studie der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Heidelberg (Bestandteil der europaweiten Untersuchung „Saving and Empowering Young Lives in Europe – SEYLE“)  ergab, dass sich rund ein Drittel aller Schülerinnen zwischen 14 und 16 Jahren schon einmal absichtlich eine Schnittverletzung zugefügt hatten, von denen 18 Prozent der Mädchen und acht Prozent der Buben dies häufiger machen.
Ursachen sind häufig depressive Entwicklungen nach Störungen in der Kindheit, etwa wenn man als Kind abgelehnt wurde, wenig Liebe erfahren hat und so kaum ein Selbstwertgefühl entwickeln konnte. Doch auch traumatische Erlebnisse wie sexueller oder emotionaler Missbrauch, die Scheidung der Eltern oder der frühe Tod eines Elternteils können eine Ursache sein. Solche Erfahrungen können dazu führen, dass man innerlich wütend ist, viel mit sich machen lässt und sich nicht durchsetzen kann, wodurch sich Spannung aufbaut, die in Form einer Selbstverletzung gelöst wird. Betroffene berichten demnach, dass sie durch das selbstverletzende Verhalten den inneren Druck abbauen können, wobei viele dabei das Gefühl haben, irgendwie neben sich zu stehen, sich und ihr Leben von außen zu beobachten, begleitet von einem Gefühl der Taubheit und Leere.  Manche berichten auch, dass sie sich durch das Verletzen wieder spüren und lebendig fühlen.“
Oft gehen Borderlinestörungen in der Kindheit und Jugend mit Selbstverletzungen einher, denn hier liegt eine Störung der Gefühlsregulation vor, die sich in einer hohen Empfindlichkeit gegenüber emotionalen Reizen und sehr intensiven und langanhaltenden Gefühlen zeigt. Dann treten ausgeprägte Stimmungsschwankungen und Anspannungszustände und damit auch ein Kontrollverlust auf, die mit Selbstverletzungen und anderen selbstschädigenden Verhaltensweisen wie Essstörungen oder den verschiedenen Süchten kompensiert werden.
Da das selbstverletzende Verhalten keine Lösung ist, denn die eigentlichen Probleme verschwinden damit nicht, sollte in jedem Fall professionelle Hilfe in Kinder- und Jugendberatungsstellen, bei Kinder- und Jugendpsychotherapeuten oder spezielle Ambulanzen gesucht werden. Neben medikamentöser Behandlung gibt es auch spezielle Verhaltenstherapien, wobei man auch Ersatzverhaltensweisen lernt, die einen ähnlichen Effekt zum Spannungsabbau haben, aber deutlich weniger schädlich sind wie kaltes Duschen oder das Essen einer Chilischote.
In der genannten Studie werden vier verschiedene Präventionsmaßnahmen auf ihre Wirksamkeit hin überprüft:

  • Gatekeeper: Als Gatekeeper werden Personen bezeichnet, die Schlüsselfunktionen einnehmen und im Kontakt mit vielen Mitgliedern einer Gemeinde stehen. Im Rahmen dieses Projekts handelt es sich hierbei um Lehr- und Schulpersonal (= Gatekeeper), die durch sachkundige Studienmitarbeiterinnen einem Training unterzogen werden. Ziel dieser Schulung ist die Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten, die die Gatekeeper befähigen, gefährdete Schülerinnen und Schüler zu identifizieren und an professionelle Helfer weiter zu verweisen.
  • Schulung der Selbstwahrnehmung: In drei aufeinander folgenden Sitzungen werden Schülerinnen und Schüler von erfahrenen Psychologinnen oder Pädagoginnen in der Wahrnehmung der eigenen Gefühle geschult. Hierbei kommen unterschiedliche Materialen und Methoden wie eine Broschüre und Poster zum Einsatz.
  • Screening: Basierend auf dem Antwortverhalten der Eingangserhebung werden Schülerinnen und Schüler, die klinisch relevante Grenzwerte überschreiten, zu einem Gespräch im Studienzentrum eingeladen. Das Gespräch wird von erfahrenem Klinikpersonal durchgeführt und dient der Abklärung der berichteten Symptome sowie einer eventuellen Einleitung von weiteren Hilfsmaßnahmen.
  • Minimale Intervention: Im Anschluss an die Eingangserhebung hängt das Studienpersonal sechs Poster im Klassenraum aus, die wichtige Informationen über riskante und selbstschädigende Verhaltensweisen proklamieren. Weiterhin werden Visitenkarten mit Kontaktinformationen an alle teilnehmenden Schülerinnen und Schüler ausgeteilt.

Auch Tätowierungen zählen letztlich zum (selbst)verletzenden Verhalten, da sie ein Eindringen unter die Oberfläche der Haut notwendig machen. Früher dokumentierten Tattoos die Zugehörigkeit zu speziellen Gruppen, denn vor allem Häftlinge, Zuhälter oder Seeleute ließen sich tätowieren, während sich heute Männer und Frauen aus allen Schichten Bilder in die Haut stechen lassen. Das liegt teilweise daran, dass sich die Menschen mit Tätowierungen attraktiver fühlen, sodass ein Tattoo zumindest kurzfristig das Selbstbewusstsein mancher Menschen stärken kann. Nach Ansicht manchen Experten spielt daher auch Narzissmus eine Rolle, wobei Narzissmus in diesem Zusammenhang die übertriebene Liebe bezeichnet, die ein Mensch sich selbst entgegenbringt. Häufig lassen sich Menschen ihre Tattoos in besonderen Lebenssituationen stechen, das können sowohl positive Ereignisse aber auch Krisensituationen sein, wobei Tattoos dann oft dazu dienen, etwas vielleicht Unaussprechliches mit einem Symbol zum Ausdruck zu bringen. Vor allem wenn Veränderungen im Leben mit starken Emotionen verknüpft werden, etwa wenn ein geliebter Mensch gestorben ist, lassen sich manche Menschen ein Porträt mit dem Geburts- oder Sterbedatum tätowieren. Oft versuchen Menschen auch durch Bilder von gefährlichen Tieren einen Begleiter zu schaffen, der Eigenschaften zeigt, die man selber nicht hat. In einer Zeit, in der die eigene Inszenierung und Selbstdarstellung immer wichtiger werden, ermöglicht ein Tattoo eine schnelle Selbstdarstellung über den Körper, d. h., der Körper wird zum Darstellungsmedium. Hinzu kommt auch eine Art Initiationsritus, da man bei einer Tätowierung die Angst vor der schmerzhaften Prozedur überwunden haben muss, was bei vielen Menschen das Selbstwertgefühl festigt. Das zeigt sich auch darin, dass sich tätowierte Menschen oft für besonders stark halten. Bei manchen Menschen entsteht aus einem kleinen Tattoo im Lauf der Jahre eine Ganzkörperillustration, deren Wirkung mitunter fatal sein kann, denn selbst kleine Tattoos lassen sich nicht mehr ohne Spuren entfernen, wenn man sich eines Tages für diese schämt bzw. diese das Selbstwertgefühl eher untergraben. Im Übrigen gibt es dabei auch medizinische Risiken, denn wenn Laser auch eine Tätowierung unsichtbar machen kann, bleiben die Farbpartikel im Körper, deren toxische Anteile sich in der Leber oder den Lymphknoten ablagern können.

Siehe dazu das Arbeitsblatt Selbstverletzendes Verhalten.

Literatur
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/Seyle.114370.0.html (10-10-27)
Plener, P. L., Brunner, R., Resch, F. , Fegert J. M. & Libal, G. (2010). Selbstverletzendes Verhalten im Jugendalter. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 38(2), 77-89.
Levenkron, Steven (2006). Der Schmerz sitzt tiefer. Selbstverletzung verstehen und überwinden. Kösel Verlag.
Warschburger, P. & Kröller, K. (2008). Selbstverletzendes Verhalten. In H. Scheithauer, T. Hayer & K. Niebank, (Hrsg.), Problemverhalten und Gewalt im Jugendalter (S. 209-224). Stuttgart: Kohlhammer.
Stangl, W. (2011). Selbstverletzendes Verhalten.
WWW: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/EMOTION/Selbstverletzung.shtml (11-08-31)





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