Sozialisation

Kurzdefinition:  Sozialisation umfasst die Wirkungen soziokultureller Faktoren auf die Entwicklung im Bezug auf das Hineinwachsen in die gängigen Verhaltens- und Erlebensnormen eines Kulturkreises oder einer Gesellschaft. Diese Übernahme von mehr oder weniger tradierten, gesellschaftlichen Rollen und Aufgaben durch Kinder und Jugendliche erfolgt in der Regel durch verschiedene Instanzen, u. a. durch das Elternhaus, durch die Schule und damit einhergehend durch den gleichaltrigen Freundeskreis (Peers), Freizeiteinrichtungen, Jugendorganisationen, durch das Arbeitsumfeld und durch Massenmedien.

In der Sozialwissenschaft wird der Begriff Sozialisation oft als zweite, „sozio-kulturelle“ Geburt (Rene König) angesehen. Dies impliziert auch, dass unter Sozialisation nicht nur Erziehung sondern auch das Eingliedern des Individuums in die Gesellschaft und die Bildung von Normen und Werten bzw. die Rollenübernahme in der Gesellschaft gemeint ist. Zu Beginn wurde die Sozialisation begrenzt auf das Jugendalter gesehen. Heute unterscheidet man mehrere Phasen und sieht diese als lebenslangen Prozess an. Beginnend in den ersten Lebensjahren werden in der primären Sozialisation grundlegende Verhaltensmuster und –regeln erlernt. In der sekundären Phase, in der die Kinder bereits in die Schule gehen, erlernen sie Normen, Werte, Fähigkeiten, die sie benötigen um in der Gesellschaft zu „funktionieren“. Weiters definiert ist die tertiäre Phase, in der der Schwerpunkt auf Bewältigung und Auseinandersetzung mit beruflichen und sozialen Anforderungen, die an ein Mitglied der Gesellschaft gestellt werden, liegt. Der Begriff Sozialisation ist laut Gerhard Wurzbacher in 3 Arten unterteilt. Einerseits die Personalisation, unter der die Selbstformung der eigenen Triebstrukturen, die Herausentwicklung der eigenen Persönlichkeit gemeint ist. Zweitens die Sozialisation im engeren Sinn, die die Eingliederung des Menschen in die Gesellschaft meint und schließlich die Enkulturation, in der kulturelle Elemente in die eigene Persönlichkeit aufgenommen werden.

Sozialisation oder Sozialisierung kann verstanden werden als

  • Prozess oder Ergebnis
  • zwischenmenschlichen Lernens
  • bzw. des Hineinwachsens der einzelnen Menschen in eine Gruppe, Organisaton und Gesellschaft.

Melzer (1976, S.14f) bezeichnet Sozialisation als „Prozess, in dessen Verlauf sich ein Individuum den sozialen Erfordernissen der Umwelt … anpasst oder dazu veranlasst wird, indem es sich die Normen der sozialen Umwelt zu eigen macht und lernt, diesen Normen entsprechend zu handeln“.
Sozialisation enthält nach Wurzbacher die Teilprozesse

  • Soziale Prägung (Anpassung, Sozialisation i.e.S.)
  • Enkulturation (Hineinwachsen in eine Kultur)
  • Personalisation (Persönlichkeitsentwicklung)

Sozialisation endet nicht mit einem gewissen Alter oder einer bestimmten „Reife “ des Individuums, sondern „dauert … so lange an, wie neue Motive und Verhaltenserwartungen erlernt werden müssen“ (Rolff 1997, S.63). Als lebenslanger Prozess kann Sozialisation in bestimmte Phasen unterschieden werden, in denen jeweils bestimmte Instanzen, wie Familie, Schule oder Beruf zentral bedeutsam sind:

  • Primäre Sozialisation mit der Ausbildung grundlegender Verhaltensweisen und kognitiven und emotionalen Grundstrukturen erfolgt zumeist in Familien (Primärgruppen).
  • Sekundäre Sozialisation erfolgt meist in der Institution Schule und soll Heranwachsenden Fertigkeiten (z.B. Lesen, Schreiben, Rechnen) und Fähigkeiten (z.B. „Schlüsselqualifikationen“) sowohl fach- als auch persönlichkeitsbezogen vermitteln und so auf das weitere Leben vorbereiten (vgl. Melzer 1976, S.14f; Fend 1981, S.58f).
  • Tertiäre Sozialisation erfolgt hauptsächlich verbunden mit bestimmten berufsbezogenen Tätigkeiten, aber auch mit der persönlichen Lebensgestaltung als Erwachsene und mit den Gruppen und Organisationen, in den diese verschiedenen Aktivitäten ablaufen.

Nach Hurrelmann ist Sozialisation in keinem Fall eine abgeschlossene Verinnerlichung sozialer Strukturen, sondern die erfolgreiche Behauptung der Subjektivität und Identität, nachdem eine Auseinandersetzung mit sozialen Strukturen stattgefunden hat und auf dieser Basis eine Beteiligung an gesellschaftlichen Aktivitäten erfolgt ist.

Das Trichtermodell der Sozialisation beschreibt die Sozialisation als einen eher passiven Vorgang, während andere Theorien wie Eriksons psychoanalytische Entwicklungstheorie die Sozialisation als Bewältigung von Entwicklungsaufgaben ansehen. Andere sehen die Sozialisation als einen Prozess, der den Erwerb von Rollen zum Ziel hat.

Weitere Definitionen:
„Prozess der Einordnung des einzelnen in die Gesellschaft“ (Neues Hauslexikon, 1981, S. 1790).
„Unter Sozialisation versteht man jene Entwicklung, durch die der Mensch zur gesellschaftlich handlungsfähigen Persönlichkeit heranwächst. Dieser lebenslang andauernde Vorgang vollzieht sich im passiven und aktiven Umgang mit anderen Menschen“ (Illichmann, 1995, S. 118).
„Prozess, durch den das Individuum sich in eine Person wandelt“ (Danziger, 1974, S. 11).
Sozialisation ist begrifflich zu fassen „als Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt. Vorrangig thematisch ist dabei, wie sich der Mensch zu einem gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekt bildet“ (Tillmann, 1989, S. 10).
Sozialisation wird eingesetzt
1. zur Bezeichnung jener gesellschaftlichen Handlungen und Einrichtungen, die direkt oder indirekt auf die Entwicklung der Persönlichkeit von Gesellschaftsmitgliedern Einfluss nehmen
2. zur Bezeichnung eben dieser Entwicklung, sofern diese von Faktoren der soziokulturellen Umwelt bestimmt wird
3. zur Bezeichnung des Prozesses der Vermittlung von und der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Werten, Normen und Handlungsmustern, in dessen Verlauf das Gesellschaftsmitglied zu einem potentiell handlungsfähigen menschlichen Subjekt wird.
Dies bedeutet, dass der Sozialisationsbegriff im ersten Verwendungsbereich neben den klassischen pädagogischen Erziehungsbegriff tritt, dass er im zweiten Bereich mit dem klassischen psychologischen Entwicklungsbegriff konkurriert; und dass er in der dritten Verwendungsebene die Stelle der klassischen soziologischen Konzeption der Vergesellschaftung der menschlichen Natur einnimmt.
Der Begriff Sozialisation, so wird behauptet, könne seine nähere inhaltliche Bestimmung nur innerhalb inhaltlich ausgeführter Theorien erfahren. (Mühlbauer, 1980, S. 23).
Sozialisation gilt als einer der entscheidenden Faktoren der Persönlichkeitsbildung, denn durch seine Sozialisation erhält jeder Mensch Eindrücke davon, wie sein persönliches Umfeld miteinander umgeht, Konflikte bearbeitet, löst oder verdrängt. Dieses Umfeld agiert mit dem Menschen und reagiert auf sein Verhalten, denn wenn es sich wertschätzend ihm gegenüber verhält, hat das andere Auswirkungen auf seine Persönlichkeitsbildung, als wenn es sich abwertend, bevormundend oder gleichgültig verhält. Die Sozialisation bildet demnach die Grundlage für erste Erfahrungen mit dem menschlichen Zusammenleben, für die Art, wie miteinander kommuniziert wird. Daraus entwickelt der Mensch sein erstes eigenes Wertesystem, seine ersten eigenen Verhaltensstrategien, die er dann selbständig in Situationen erprobt. Dabei stellt er fest, ob diese Strategien erfolgreich sind oder nicht, ob er sie in dieser Form weiter anwenden und verfeinern oder sie ändern und anpassen sollte. Damit bilden Sozialisation und das Lernen am Modell einen wichtigen Baustein für die Persönlichkeitsbildung, die auch im Hinterfragen der Werkzeuge besteht, die durch die Sozialisation erlernt werden. Sozialisation ist ein Prozess, der lebenslang stattfinden kann und immer wiederholt wird, wenn ein Mensch in einen neuen Lebensbereich eintritt. Die erste Sozialisation findet in der in der Regel in der Familie statt, einen weiteren wichtigen Bereich bilden die Bildungsinstitutionen. Jeder Lebensbereich gibt eigene Regularien vor, denen die Menschen unterliegen, die sich in ihm bewegen. Eine erfolgreiche Sozialisation ist dann erreicht, wenn ein Mensch diese besonderen Regeln begreift und anwendet, also in diesem Lebensbereich überleben kann, wobei er seine Verhaltensweisen an die Gegebenheiten anpassst, um zu überleben. Ob er das schafft, ohne seine Persönlichkeit zu verleugnen oder zu verlieren, hängt von seiner inneren Widerstandsfähigkeit ab und auch von den besonderen Anforderungen des neuen Lebensbereiches.

Weitere Begriffsbestimmungen siehe unter Sozialisation
Siehe auch „Was ist Sozialisation?


[Bildquelle: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/WISSENSCHAFTPAEDAGOGIK/ModellSozialisation.gif]

Literatur

Bellebaum, Alfred (2001). Soziologische Grundbegriffe. Stuttgart. Kohlhammer.
Illichmann, A. (1995). Psychologie für Fachschulen. Wien: ÖBV Pädagogischer Verlag GmbH.
Danziger, K. (1974). Sozialisation. Düsseldorf: Pädagogischer Verlag Schwann.
Fend, H. (1981). Theorie der Schule. München: Urban & Schwarzenberg.
Melzer, G. (1976). Sozialisation in der Schule. Sozialpädagogik hilft Lern- und Verhaltensstörungen heilen. Freiburg: Herder.
Montada, Leo (2002). Fragen, Konzepte, Perspektiven (S. 3-53). In Rolf Oerter &Leo Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychologie. Weinheim: Beltz.
Mühlbauer, K. R. (1980). Sozialisation – Eine Einführung in Theorien und Modelle. München: Wilhelm Fink Verlag.
Rolff, H. (1997). Sozialisation und Auslese durch die Schule. Weinheim und München: Juventa.
Schneider, C. (2002). Die Schule ist männlich?! SWS-Rundschau, 42(4).
Tillmann, K. (1989). Sozialisationstheorien – Eine Einführung in den Zusammenhang von Gesellschaft. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH.
Neues Hauslexikon. (1981). Mannheim: Bibliographisches Institut AG.




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