posttraumatische Belastungsstörung

1. Definition
„Verzögerte oder verlängerte Reaktionen treten nach belastenden, meist bedrohlichen und katastrophalen Ereignissen auf und können Wochen bis Monate bzw. Jahre andauern, wie z.B. nach Gewalttaten, Unfällen, Naturkatastrophen oder Kriegsereignissen. Kernsymptome sind Wiedererinnerung des traumatisierenden Ereignisses und Vermeidung der Erinnerung sowie Erregung, Alpträume, Reizvermeidung, Abspaltung und „Vergessen“ oder auch Schlafstörungen“ (Schädle-Deininger, 2006, S. 371).
2. Definition
„Die Posttraumatische Belastungsstörung entsteht als eine verzögerte oder protrahierte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder auf eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophalen Ausmaßes. […] Die drei zentralen Symptome sind sich aufdrängende Erinnerungen (Intrusionen, Flashbacks), Vermeidungsverhalten und Übererregung. Die Störung entwickelt sich zumeist einige Wochen bis Monate (selten mehr als sechs Monate) nach dem Trauma“ (Hausmann, 2006, S. 56).
3. Definition
„Die Posttraumatische Belastungsstörung ist eine mögliche Folgereaktion eines oder mehrerer traumatischen Ereignisse (z.B. […]), die an der eigenen Person, aber auch an fremden Personen erlebt werden können. In vielen Fällen kommt es zum Gefühl von Hilfslosigkeit und durch das traumatische Erleben zu einer Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses“ (Flatten, Gast, Hofmann, Liebermann, Reddemann, Siol, Wöller & Petzold, 2004, S. 3).
4. Definition
„Auf eine kurz oder lang anhaltende Situation schwerster Bedrohung und massivsten Ausmaßes kann sich eine posttraumatische Belastungsstörung als verzögerte oder protrahierte Reaktion zeigen. […] Im Gegensatz zur akuten Belastungsreaktion folgt die Störung dem Trauma mit einer Latenz, die Wochen bis Monate dauern kann“ (Frank, 2007, S. 157).
5. Definition
„Unter der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTB) ist eine verzögerte und anhaltende Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung mit katastrophenartigem Ausmaß zu verstehen. Hierzu zählen natürliche oder von Menschen hervorgerufene Katastrophen, Kriegs- und Kampfhandlungen, schwere Unfälle oder das Erleben des gewaltsamen Todes anderer. Ebenso gehört die Erfahrung dazu, Opfer von Verbrechen, Vergewaltigung, Folterung oder Terrorismus zu werden“ (Steinhausen, 2006, S. 204).
6. Definition
Menschen mit der Diagnose posttraumatische Belastungsstörung haben in ihrer Vergangenheit traumatische Situationen wie etwa Unfälle, Kriegsszenarien oder Vergewaltigungen erlebt, wobei sich diese in ihrem Kopf auch Wochen, Monate, oder Jahre nach dem auslösenden Ereignis immer wieder von Neuem abspielen.

Einschneidende traumatische Ereignisse wie Unfälle, Katastrophen und Kriegserfahrungen können zu einem Leiden führen, das heute als posttraumatische Belastungsreaktion (engl.: post-traumatic stress disorder, PTSD), bezeichnet wird. Im Krieg wurde diese Störung früher als Kriegs- oder Bombenneurose bezeichnet. Der Begriff PTSD wurde geprägt, als dieses Stresssyndrom bei vielen amerikanischen Vietnamveteranen deutlich wurde, deren Wiedereingliederung in das zivile Leben sich als problematisch erwies. Die Symptome können unter Umständen erst Monate nach dem erlittenen traumatischen  Erlebnis auftreten. Sie äußern sich nach anfänglicher Abgestumpftheit u. a. in nervöser Reizbarkeit, Kontaktstörungen und Depression. Aber auch positive Veränderungen wie ein neuer Arbeitsplatz oder die Geburt eines neuen Familienmitgliedes können die normale Fähigkeit eines Menschen, Krankheiten abzuwehren, beeinträchtigen.

Eine bekannte posttraumatische Belastungsstörung im Zusammenhang mit Kriegen ist die Bezeichnung von Soldaten als Kriegszitterer, die im Ersten Weltkrieg und auch danach an dieser spezifischen Form einer posttraumatischen Belastungsstörung (Kriegstrauma) litten. Unter anderem war der ständige Artilleriebeschuss sehr belastend, wodurch die meisten Betroffenen unkontrolliert zitterten. Verursacht oder ausgelöst wurde das Krankheitsbild durch psychische Überlastung der Soldaten in Situationen, denen sie im Krieg ausgesetzt waren. Ursprünglich glaubte man, diese Störungen wären durch mechanische Ursachen bedingt, etwa durch die Druckwellen explodierender Granaten oder durch laute Explosionsgeräusche. Heute wird dieses Leiden als nichtorganischer Tremor bezeichnet und den Konversionsstörungen zugeordnet oder als Ausdruckskrankheit angesehen. Im Englischen hatte sich die Bezeichnung Bomb Shell Disease oder auch shell shock eingebürgert, da man glaubte, die Druckwellen der Explosionen hätten die Gehirne an die Schädelwände gedrückt und so beschädigt.

Auch zahlreiche Kinder leiden an posttraumatischen Belastungsstörungen, etwa nach dem Erleben von Katastrophen, schweren Unfällen oder auch familiären Problemen wie der plötzliche Verlust eines Elternteils durch Tod oder Scheidung können zu dieser Erkrankungen führen. Besonders schwerwiegend sind auch die Folgen von Vernachlässigung, sexuellem Missbrauch und anhaltenden Misshandlungen durch nahe Bezugspersonen.

Auch bei Amokläufen und ähnlichen Gewalttaten trifft es häufig psychisch auch jene, die bei Gewalttaten zwar körperlich unversehrt blieben, aber Stunden oder Tage bedroht, misshandelt oder missbraucht wurden oder um ihr Leben fürchten mussten. Bei vielen dieser indirekten Opfer findet sich ein posttraumatisches Belastungssyndrom, das erstmals als Krankheitsbild an Vietnam-Veteranen erforscht wurde. Symptome des posttraumatischen Belastungssyndroms sind auf lange Sicht sind Schlafstörungen, Angst, schmerzhafte Erinnerungsschübe, Gefühle von Schuld und Scham, Interessenverlust, Schmerzzustände und Konzentrationsstörungen. Kinder und Jugendliche fallen manchmal in frühere Entwicklungsstufen zurück (Retardierung), indem sie wieder anfangen zu nuckeln oder Bettnässen. Die Psychologie bietet dabei etwa die integrative Zeugnis-Therapie an, bei der es darum, dass die Betroffenen eigenständig und in selbst gewähltem Tempo verdrängte Schmerzen wieder zurück holen und sich die Erinnerungen an das traumatische Erlebnis von der Seele schreiben.

Für viele Betroffene sind aber solche dramatischen Ereignisse mit Tabus und Schweigen belegt, d.h., die Menschen frieren ihre Emotionen ein, was bei unerträglichem seelischen Schmerzen oft kurzfristig einen sinnvollen Überlebensmechanismus darstellt, aber langfristig jedoch die Lebensqualität extrem beeinträchtigen kann. Die Ursache ist meist der Umstand, dass Teile des Erlebten nicht in die übrige Gefühlswelt integriert werden, wobei der Betroffene durch unbewusste Verdrängung Erinnerungslücken entwickelt, aber das Trauma auf einer unbewussten Ebene trotzdem virulent bleibt und Spuren hinterlässt. So genügen ein bestimmtes Lied, ein spezieller Geruch oder der Anblick eines Alltagsgegenstands und schon kehren wie in einem Film die verdrängten Erinnerungsfetzen zurück. Viele traumatisierte Menschen leiden aber nicht nur unter diesen Flashbacks (s. u.), sondern auch unter Schlafstörungen, Albträumen und erhöhter Reizbarkeit, was auch in manchen Fällen Suchtprobleme und sozialen Rückzug zur Folge haben kann. Dadurch wird das alltägliche Leben zu einer schwer bewältigbaren Aufgabe. In der Regel führen grauenhafte Erlebnisse zu einer akuten Stressreaktion, sodass bei den Betroffenen Wochen später beim Gedanken an diese Erlebnisse immer noch vergleichbar starke Reaktionen auftreten, denn unter anderem ist bei dem traumatischen Erlebnis ihr Stresshormonsystem durcheinander geraten, was sie besonders empfindlich macht für Belastungen, auch für einfache Stresssituationen im Alltag. Die genauen neurobiologischen Ursachen der posttraumatischen Belastungsstörung sind noch nicht geklärt, doch bei den Betroffenen ist unter anderem die Amygdala ungewöhnlich aktiv. Gibt es aber eine Situation, die zu Unrecht als Gefahr erkannt wird, werden diese Alarmsignale bei gesunden Menschen schnell wieder abgeschaltet und die Aktivität der Amygdala sinkt. Bei von einer posttraumatischen Belastungsstörung Betroffenen ist jedoch die Aktivität der Amygdala erhöht, wobei gleichzeitig der ventromediale präfrontale Cortex eine deutlich verringerte Aktivität zeigt, also der Bereich in der Hirnrinde, der bei Gesunden die Furchtreaktion kontrolliert. Von einer posttraumatischen Belastungsstörung Betroffene speichern das traumatische Ereignis nicht als normale Erinnerung im Hippocampus ab, also dem Hirnareal, das für die Gedächtnisbildung zuständig ist, sondern es findet eine Art Fehlspeicherung statt, die das unwillkürliche Abrufen der Erinnerungen an das traumatische Erlebnis und damit diese quälenden Flashbacks zur Folge hat. Traumatisierte erleben daher traumatische Ereignisse in ihrer Erinnerung oft wieder und wieder als verstörende und lebhafte Bilder, d. h., als Flashbacks, wobei diese Eindrücke womöglich durch die verstärkte Erinnerung negativer Aspekte entstehen, die nicht an den Kontext gebunden sind, in dem sie stattfanden. Im Zusammenhang mit posttraumatischen Belastungsstörungen vermutet man auch, dass Menschen ohne den richtigen Kontext ihre traumatische Erlebnisse nicht einordnen und verarbeiten können, sodass eine fragmentierte Erinnerung entsteht. Bei „Flashbacks“ tauchen plötzlich Bilder des Geschehens und starke Gefühle wieder auf, die nichts mit der Gegenwart zu tun haben, aber ein Signal für zu leistende Erinnerungsarbeit darstellen können. Erst, wenn das Geschehene wieder ins Bewusstsein integriert wird, fühlen sich die Betroffenen besser. Jedoch sollte kein Betroffener, der von einem solchen traumatischen Erlebnis betroffen war, gezwungen werden, darüber zu reden, sondern es reicht, eine Behandlung anzubieten, d. h., der Wunsch zu einer Therapie muss vom Einzelnen selber kommen, da sonst die Symptome sogar noch verstärkt werden können.

Die Bedeutung individueller Denkmuster für die Entwicklung einer Posttraumatischen Belastungsstörung nach traumatischen Ereignissen

Bei einer Untersuchung an Notfallsanitätern (Wild et al., 2016) während ihrer Ausbildung zeigte sich, dass fast alle Teilnehmer während ihrer Ausbildung mindestens eine sehr stark belastende Situation erlebten. Unabhängig von der Anzahl der traumatischen Ereignisse waren besonders Menschen für eine Posttraumatische Belastungsstörung anfällig, die häufig über belastende Situationen grübelten. Insgesamt 8,6 Prozent der Befragten litten im Verlauf ihrer zweijährigen Untersuchung unter dieser psychischen Störung. Für die Vorhersage von Depressionen war der Grad an Selbstvertrauen in die eigene Fähigkeit, mit Belastungen fertig zu werden (Resilienz) besonders bedeutsam, denn eine Depression entwickelten 10,6 Prozent der Untersuchten. Obwohl sich die von psychischen Problemen betroffenen Sanitäter fast alle innerhalb von vier Monaten von ihren Problemen erholten, blieben sie stärker als ihre Kollegen in ihrer Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt, wobei sie auch schlechter schliefen und eine stärkere Gewichtszunahme berichteten. Man schließt daraus, dass es weniger die belastenden Ereignisse an sich sind, die eine psychische Störung vorhersagen, sondern vielmehr die eigenen Denkmuster und der individuelle Umgang mit diesen Erfahrungen.

Warum Mariahuana möglicherweise hilft

Im Gehirn spielen CB1-Rezeptoren bei der Entstehung der posttraumatischen Belastungsstörung eine wichtige Rolle. Nach neueren Untersuchungen finden sich im Gehirn von Betroffenen deutlich weniger Moleküle des körpereigenen Botenstoffes Anadamid, der an die CB1-Rezeptoren andockt.  Insbesondere weibliche PTSD-Patienten haben nicht nur weniger Anadamid in ihrem Gehirn, sondern besitzen auch mehr CB1-Rezeptoren in jenen Regionen, die mit der Verarbeitung von Angst zu tun haben. Dadurch entsteht ein geringer Anadamid-Levels, den das Gehirn durch Herstellung zusätzlicher CB1-Rezeptoren ausgleicht, um die körpereigenen Botenstoffe weiterhin nutzen können. Bisher gibt es keine medikamentöse Behandlung, die eine posttraumatischen Belastungsstörung heilen kann, doch weiß man, dass Trauma-Patienten, die Marihuana konsumieren, eine Milderung der Symptome empfinden, wobei möglicherweise dieses Suchtmittel einen Teil jener Wirkungen übernimmt, die normalerweise dem Anadamid zukommen.

Was kann man für traumatisierte Menschen tun?

  • Hören Sie geduldig zu, wenn der oder die Traumatisierte reden will. Aber akzeptieren Sie auch, wenn die betroffene Person dazu noch nicht bereit ist.
  • Vertrauen Sie darauf, dass der oder die Betroffene einen Weg findet, das Trauma zu überwinden. Helfen Sie wenn nötig dabei, diesen Weg zu gehen.
  • Bestärken Sie die traumatisierte Person darin, sich selber Gutes zu tun: lange Spaziergänge, Massage, Weekend-Urlaub et cetera. Und auch darin, nötigenfalls professionelle Hilfe anzunehmen.
  • Akzeptieren Sie Veränderungen: Viele Menschen sind nach einem solch einschneidenden Erlebnis nicht mehr dieselben wie zuvor.
  • Bleiben Sie über Wochen oder Monate hinweg aufmerksam und ansprechbar. Viele Reaktionen können erst stark verzögert auftreten – so etwa auch das Bedürfnis zu reden.
  • Vermeiden Sie tröstlich gemeinte, aber eigentlich unpassende Phrasen wie «Morgen sieht die Welt wieder anders aus» oder «Es wird alles wieder gut».
  • Decken Sie Ihr Gegenüber nicht mit unzähligen Vorschlägen ein, wie man wieder auf die Beine kommen könnte. Er oder sie muss einen eigenen Weg finden.
  • Fehl am Platz sind auch ungeduldige Bemerkungen im Stil von: «Jetzt ist es schon vier Wochen her, kannst du nicht endlich vergessen und wieder normal werden?»
  • Machen Sie gegenüber der betroffenen Person keine Versprechungen, die Sie nicht einhalten können.
  • Nehmen Sie der betroffenen Person nicht wochenlang alles ab, was sie ebenso gut (wieder) selbst bewältigen könnte.

Literatur & Quellen
Flatten, G., Gast, U., Hofmann, A., Liebermann, P., Reddemann, L., Siol, T., Wöller, W. & Petzold E.R. (2004). Posttraumatische Belastungsstörung. Leitlinie und Quellentext. Stuttgart: Schattauer GmbH Verlag.
Frank, W. (2007). Psychiatrie. München: Urban & Fischer Verlag.
Hausmann, C. (2006). Einführung in die Psychotraumatologie. Wien: Facultas Verlags- und Buchhandels AG
Schädle-Deininger, W. (2006). Fachpflege Psychiatrie. München: Urban & Fischer Verlag.
Steinhausen, H.-C. (2006). Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Lehrbuch der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. München: Urban & Fischer Verlag.
Wild, J., Smith, K., Thompson, E., Bear, F., Lommen, M. & Ehlers, A. (2016). A prospective study of pre-trauma risk factors for posttraumatic stress disorder and depression. Psychological Medicine, doi:10.1017/S0033291716000532.
http://www.beobachter.ch/leben-gesundheit/psychologie/artikel/trauma_ein_schock_der_das_leben_veraendert/ (12-07-06)
http://science.orf.at/stories/1717734/ (13-05-15)
https://www.dasgehirn.info (15-06-21)


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