infantile Amnesie

Kurzdefinition: Als infantile Amnesie oder Kindheitsamnesie bezeichnet man in der Entwicklungspsychologie das Phänomen, dass die meisten Erwachsenen sich nicht an Ereignisse erinnern können, die sich vor dem dritten Lebensjahr abgespielt haben.

Während Erwachsene vieles nur kurzfristig abspeichern und dann auch wieder schnell vergessen, fokussieren Kinder ganz anders auf die Umwelt und nehmen selbst kleine Ereignisse intensiver wahr, die die Erwachsenen oft gar nicht registrieren. Das erklärt auch das unterschiedliche Erinnern von Kinder an zurückliegende Erlebnisse. Bei Kindern kann auf das Gedächtnis erst im Alter von drei, vier Jahren zurückgegriffen werden, denn Erfahrungen und Erlebnisse aus den ersten Lebensjahren werden noch nicht im Langzeitgedächtnis so abgespeichert, dass sie auch sicher wieder aufgerufen werden können. Kindergartenkinder wissen noch recht wenig über das Gedächtnis und können ihre eigenen Gedächtnisprozesse nur sehr begrenzt überwachen und regulieren. Kinder in diesem Alter lassen sie sich hinsichtlich ihrer Gedächtnisleistung durch Suggestivfragen leicht verwirren und zeigen wenig intentionales Memorierverhalten, d. h., sie wiederholen nicht etwas absichtlich, um es zu behalten, und machen noch keine konzentrierten Erinnerungsversuche.

Zwar gibt es eine große Variabilität, aber die meisten Menschen erinnern sich  bei ihren frühesten Erlebnissen meist nur an etwas, was im dritten oder vierten Lebensjahr passiert ist. Man vermutet auf Grund von Studien, dass Kinder frühestens mit 18 Monaten fähig sind, sich an Erlebnisse zu erinnern, wobei diese bis zum sechsten Lebensjahr meist sehr bruchstückhaft und erst mit dem Eintritt in die Schule entwickeln Kinder eine beständigere Vorstellung ihrer Vergangenheit. Aus der Gedächtnisforschung weiß man, dass schon das Gehirn von Kleinkindern Erlebnisse speichern und bei Bedarf auch wieder abrufen kann, denn Säuglinge, deren Mütter in der Schwangerschaft regelmäßig Fernsehsendungen mit einer charakteristischen Kennmelodie gesehen hatten, lassen sich mit diesen Tonfolgen beruhigen und erinnern sich an ihre Zeit vor dem postnatalen Stress. Willentlich kann ein Kind Eindrücke und Erfahrungen jedoch erst ab dem Alter von zwei Jahren wieder hervorholen, denn viele Kinder finden etwa das Stofftier, das man in einer Schubladen versteckt, schon in diesem Alter wieder.

Neben Sprache und Gehirn entwickeln sich im  Alter von drei bis vier Jahren unzählige kognitive Schemata, also Konzepte von Zeit, Ort und Routinen, durch die  Kinder die Regelmäßigkeiten der Welt kennenlernen. Das ist aber für das autobiografische Gedächtnis von besonderer Bedeutung, denn erst wenn Kinder einen Eindruck von der Struktur ihres Alltags haben, können sie spezifische Erlebnisse davon abgrenzen und diese besser erinnern. Auch das Bewusstsein für die eigene Person, das Selbstkonzept, entwickelt sich erst im Alter von zwei bis drei Jahren. Dann lernen Kinder, dass sich ihr eigenes Wissen von dem anderer Menschen unterscheidet, und sie beginnen, sich in das Gegenüber hineinzuversetzen. Auch das spielt für den Abruf von persönlichen Erinnerungen eine Rolle, denn das selbst Erfahrene zu erinnern funtioniert nur dann, wenn ein Kind weiß, dass sein Ich es erlebt hat. Studien konnten daher auch zeigen, dass die Voraussetzung für dieses Erinnerungsvermögen das kognitive Selbst ist, also das Wissen um die eigene Persönlichkeit und ihre Erfahrungen, etwa indem sich Kinder im Spiegel selbst wiedererkennen (vgl. Lederer, 2014). Extreme Erfahrungen aus den ersten Lebensjahren können jedoch unbewusst bis ins Erwachsenenalter einen Menschen beeinflussen, was besonders bei traumatischen Erlebnissen und frühkindlichen Ängsten der Fall ist. auch wenn dazu die sprachliche Formulierbarkeit fehlt.

An das 5. und 6. Lebensjahr gibt es bei Erwachsenen meist nur wenige bewusste Erinnerungen, wobei es schwer zu entscheiden ist, ob viele Dinge nicht nur vom Hörensagen her erinnert werden.  Ab diesem Alter können Kinder ihre Erinnerungen in Worte fassen, mit sieben entstehen auch schon erste Erzählungen über frühere Kindheitserlebnisse. Ab dann sind deutlich mehr Erinnerungen an die frühe Kindheit vorhanden als etwa bei Neunjährigen. Gespräche über gemeinsame bedeutende Erlebnisse im Alter von drei Jahren zwischen Kind und Mutter sind für die Siebenjährigen noch zu etwa 60 Prozent präsent, zwei Jahre später hingegen nur mehr zu 35 Prozent, Ereignisse davor hingegen nur mehr in Ausnahmefällen. Je jünger ein Kind ist, desto schneller und intensiver das Vergessen. Am besten gelingt das Erinnern noch bei Ereignissen, bei denen das Mutter-Kind Gespräch mit starken Gefühlen verbunden war. Die Erinnerungsgrenze für die frühe Kindheit ist allem Anschein nach unabhängig vom Lebensalter. Die Berichte vor etwa einhundert Jahren nennen ganz ähnliche Zahlen für die infantile Amnesie wie jene im 21. Jahrhundert, doch es gibt auch Unterschiede: Der Erlebnisspeicher bei Erstgeborenen reicht weiter zurück als bei den Geschwistern, das Gleiche gilt für Frauen, die sich besser an die Zeit vor dem Kindergarten erinnern als Männer. Aber auch Kultur und das Umfeld scheinen einen Einfluss auf das Vergessen zu haben, denn so endet bei Europäern die Phase der vergessenen Jahre mit etwa dreieinhalb Jahren, bei Ostasiaten reicht sie dagegen bis ins sechste Lebensjahr, und bei den Ureinwohnern Neuseelands, den Maori, werden schon Erlebnisse im Alter von 2,5 Jahren erinnert. Man vermutet, dass das auch mit der Erzählkultur zwischen Mutter und Kind in den ersten Lebensjahren zusammenhängt, denn Europäer und Nordamerikaner besprechen gemeinsame Erlebnisse ausführlicher als das etwa Chinesen tun. Auch bei den Maori gehören Erzählungen über die Familie und über deren Vergangenheit zu deren Traditionen (vgl. Lederer, 2014).

Schon Caroline Miles (1895) hat vor über 120 Jahren hundert Frauen nach dem Zeitpunkt ihrer frühesten Erinnerung befragt und fand heraus, dass die ersten Gedächtnisspuren im Durchschnitt mit rund drei Jahren beginnen. Zu diesem als infantile Amnesie bezeichnete Phänomen, dass sich Menschen nicht mehr an Ereignisse erinnern können, die vor dem dritten Lebensjahr stattgefunden haben, gibt es zahlreiche Erklärungsversuche. Sigmund Freud  etwa führte die infantile Amnesie auf die Verdrängung traumatischer Erlebnisse der frühen Kindheit zurück. Mit diesem Ansatz lässt sich allerdings nicht erklären, warum auch positiven Erinnerungen verdrängt werden.

Die infantile Amnesie bedeutet aber nicht, dass Kinder vor dieser Zeit keine Erinnerungen haben, denn schon ein Neugeborenes erkennt den Herzschlag seiner Mutter wieder, den es im Bauch gehört hat. Ab der Geburt sammeln alle Kinder Wissen über sich und die Welt, speichern Abläufe und lernen dadurch. Von Erinnern im eigentlichen Sinn kann man in diesem Zusammenhang jedoch nicht sprechen, vielmehr lassen sich diese Leistungen dem prozeduralen Gedächtnis zuordnen, also dem Erinnern von Fähigkeiten, Abläufen oder Fertigkeiten, die automatisiert sind und ohne bewusstes Erinnern abgerufen werden können. Im deklarativen Gedächtnis speichert der Mensch neben seinem Wissen über die Welt auch seine biografischen Erinnerungen in ­ihrem Raum-Zeit-Kontext ab.

Eine andere Erklärung ist, dass frühe Erinnerungen als Handlungen oder Empfindungen enkodiert werden, später allerdings deshalb nicht mehr abrufbar sind, weil Enkodierung und Speicherung sprachlich, also in einem anderen Format, dominant werden. Nach der Umstellung auf das sprachliche Format setzt demnach also eine sukzessive Verzerrung von frühen Gedächtnisinhalten ein, die ein späteres Erinnern unmöglich macht. So erinnern sich ­nach Untersuchungen Europäer besser an frühe Kindheitsereignisse als ­Asiaten, denn in westlichen Kulturen ist das Sprechen über die eigene Lebensgeschichte ausgeprägter ist.  Zwei- bis Dreijährige erinnern mehr als doppelt so viele Details eines Ereignisses, wenn sie diese nonverbal beschreiben, etwa indem sie auf Fotos zeigen oder ein Verhalten nachahmen, als wenn sie ihre Erinnerung sprachlich ausdrücken müssen. Bei Berichten über die Vergangenheit nutzen sie zudem auch ein Jahr später kein Wort, das sie zum Zeitpunkt des Ereignisses noch nicht gekannt hatten, d. h., es ist ihnen also offenbar nicht möglich, frühe Erinnerungen in später gelernten Wörtern auszudrücken.

Ein neuroanatomischer Erklärungsansatz bezieht sich auf die in diesem Alter noch unvollständige Entwicklung von Gehirnstrukturen, die die Bildung bewusster Erinnerungen unterstützen müssten, wobei vor allem subkortikale Strukturen und Areale des Neocortex von Bedeutung sein könnten. Man vermutet auch, dass in diesem frühen Alter noch keine Rahmenstrukturen gebildet werden können, um Ereignisse adäquat zu klassifizieren und sie sich so einzuprägen, sodass distinktive Abrufreize fehlen, die ein gezieltes Erinnern ermöglichen. Eine Hypothese ist, dass die Neurogenese im Bereich des Hippocampus dabei eine Rolle spielt, wobei der Gyrus dentatus nämlich erst mit vier bis fünf Jahren ausreift. Hinter dem Erlernen der Sprache und anderen Entwicklungsschritten stehen umfangreiche Umstrukturierungen im Gehirn, denn im ersten und zweiten Lebensjahr nimmt die Vernetzung zwischen den Neuronen zu. Neurowissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass sich einige der Hirnstrukturen für das autobiografische Gedächtnis während der Kindheit und noch bis ins junge Erwachsenenalter stark verändern können, und da Erinnerungen als Muster neuronaler Aktivität werden, können nach einer Umstrukturierung Probleme auftreten, wenn man eine Gedächtnisspur abrufen will, denn dazu muss man das Muster erneut aktivieren, das in dieser alten Form nicht mehr vorhanden ist.

Bauer & Larkina (2013) haben experimentell untersucht, ab wann Kinder frühkindliche Erfahrungen vergessen. Für ihre Studie haben die Forscherinnen 83 Kinder im Alter von drei, fünf, sechs, sieben, acht und neun Jahren befragt. Die Eltern sollten dabei den Dreijährigen Erinnerungen an bedeutsame Ereignisse der vergangenen Wochen entlocken, etwa an ein Geburtstagsfest. Bei Erreichen der nächsten Altersstufe wurde ein Teil der Kinder erneut nach dem Ereignis befragt, über das sie mit drei Jahren berichtet hatten. Dabei zeigte sich, dass sich die Kinder im Alter von fünf und sieben Jahren noch an 63 bis 72 Prozent der Ereignisse erinnerten, im Alter von acht und neun Jahren jedoch nur noch an 35 Prozent. Die Forscherinnen schließen daraus, dass der Prozess des Vergessens hauptsächlich im Alter von sieben Jahren stattgefunden hatte, rund vier Jahre nach dem Erlebnis. Kinder im Alter von fünf bis sechs Jahren erinnerten sich zwar an mehr Ereignisse, ältere Kinder konnten aber mehr Details erzählen. Dies deutet darauf hin, dass bessere Sprachfähigkeiten den älteren Kindern dabei helfen, sich Dinge verstärkt einzuprägen.

Literatur
Bauer, Patricia J. & Larkina, Marina (2013). The onset of childhood amnesia in childhood: A prospective investigation of the course and determinants of forgetting of early-life events. Memory. DOI: 10.1080/09658211.2013.854806.
Hayne, H., Imuta, K. & Scarf, D. (2015). Memory Development During Infancy and Early Childhood across Cultures. International Encyclopedia of Social and Behavioral Sciences, doi: 10.1016/B978-0-08-097086-8.51025-3.
Howe, M. L. & Courage, M. L. (1993). On resolving the enigma of infantile amnesia. Psychological Bulletin, 113, 305–326.
Lederer, E. (2014). Infantile Amnesie: Frühnebel im Gehirn. DocCheckNews vom 23. Juni.
Miles, C. (1895). A Study of Individual Psychology. The American Journal of Psychology, 6,  534-558.





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