Lernen

Unter Lernen versteht man in der Psychologie in der Regel den absichtlichen oder den beiläufigen, individuellen oder kollektiven Erwerb von geistigen, körperlichen, sozialen Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten. In der  lernpsychologischen Perspektive wird Lernen demnach als Prozess der relativ stabilen Veränderung des Verhaltens, Denkens oder Fühlens auf Grund von Erfahrung oder neu gewonnenen Einsichten aufgefasst. Das Wort Lernen geht übrigens auf das Gotische  lais (ich weiß) und auf das indogermanische Wort lis (gehen) zurück, sodass die Herkunft des Wortes  also darauf hindeutet, dass mit Lernen ein Prozess gemeint ist, bei dem man einen Weg zurücklegt und dabei zu Wissen gelang.

Einige Definitionen
„Lernen ist ein Sammelname für verschiedene komplexe Prozesse, die zur latenten Verhaltensänderung durch Erfahrung führen“ (o.A., 1976, S. 340).
„Wir bezeichnen mit dem Wort Lernen jede relativ permanente Veränderung im Verhalten aufgrund vorausgegangener Erfahrung“ (o.A., 1971, S. 92).
„Lernen: Oberbegriff für alle Verhaltensänderungen auf Grund von Erfahrungen und somit abgrenzbar gegen jene Verhaltensänderungen, die sich auf Grund von Reifung, Ermüdung, Erkrankungen, mechanischen Einflüssen und Drogeneinwirkung ergeben“ (o.A., 1992, S. 204).
„Lernen ist ein Vorgang, durch den eine Aktivität im Gefolge von Reaktionen des Organismus auf eine Umweltsituation entsteht oder verändert wird“ (o.A., 1974, S. 182).
In der modernen Lernpsychologie ist Lernen eine kontinuierliche Reifung von Einstellungen und Verhaltensweisen, die aufgrund von Erfahrungen stattfindet (vgl. o.A., 1994, S. 435).
Lernen im weitesten Sinne ist Aufnehmen, subjektives Einordnen und Bereithalten von Erfahrungen, von Wissens- und Erlebnisinhalten. Dies ist eine besondere Fähigkeit des Menschen, durch die er auf die Ansprüche der Umwelt effizient reagieren kann (vgl. o.A., 1975, S. 151).
Lernen ist absichtlicher beiläufiger, individueller oder kollektiver Erwerb von geistigen, körperlichen und sozialen Kenntnissen und Fertigkeiten. Aus lernpsychologischer Sicht wird Lernen als ein Prozess der relativ stabilen Veränderung des Verhaltens, Denkens oder Fühlens aufgefasst. Lebenslanges Lernen umfasst alles formale, nicht-formale und informelle Lernen an verschiedenen Lernorten von der frühen Kindheit bis einschlieβlich der Phase des Ruhestands (o.A., o.J.).
Jeder Mensch lernt. Es ist eine anthropologische Gegebenheit, dass wir ohne Kenntniszuwachs nicht überleben könnten. Das heißt der Mensch lernt, weil (oder: damit) er lebt. Lange Zeit war die einzige Form des Lernens das sozialisatorische Lernen im Alltag. Durch das unmittelbare Weitergeben der Kenntnisse und Fertigkeiten der älteren Generation lernten die Jungen von den Alten. Heutzutage treffen wir oft eine vom Leben abgetrennte Lernsituation. Sie besteht aus einem Lehrenden, der einen Wissens-oder Kompetenzvorsprung gegenüber dem Lernenden ausweist. Ziel des Lernens ist dabei die Aufhebung dieses Unterschieds. Der bildungswissenschaftliche Lernbegriff umfasst verschiedene Dimensionen. Die offensichtlichste ist die Inhaltsdimension. Durch das Lernen eignet man sich neue Lerninhalte, also Fertigkeiten oder Kenntnisse, an. In der Auseinandersetzung mit der Umwelt macht jeder abhängig von den eigenen Interessen neue Erfahrungen. Das dadurch erworbene Wissen führt zu einem Transformationsprozess, was auch ein Um- oder Verlernen bedeuten kann. Lernen wird als ganzheitlicher Prozess verstanden, der immer in eine soziale Praxis eingelagert. Lernen ist ein lebensbegleitendes Phänomen und es bezieht sich nicht nur auf das Lernen in Institutionen. Wir lernen bei der Ausübung unserer Hobbys, bei einer Reifenpanne, bei einer Wanderung, beim Backen oder Kochen. Die Zahl der Beispiele ist unendlich. Lernen findet immer und überall statt (Zinoun, 2014).
Lernen ist ein Akt der Erkenntnis zwischen Erfahrung und Begreifen. Es geht beim Lernen darum, durch Erfahrung interne, in sich drehende Kreisläufe des Denkens zu öffnen und das Neue zuzulassen. In den Routinen menschlicher Aktivitäten könnten so Lücken aufbrechen, woraus Widerstände hervordrängen. So kann Neues entstehen. Angestoßen wird Lernen durch Probleme, Irritationen, Diskrepanzen oder Krisen, welche die Reflexion dieser Erfahrungen provozieren und das Denken verändern. Lernen ist eine kognitiv-emotional-motorische Einheit. Impulse zum Lernen rufen immer auch Emotionen hervor. Lernanlässe ergeben sich so aus der Motivation, Probleme zu lösen, aus dem Wunsch, mehr zu wissen und zu können oder aus Bedürfnissen, die man befriedigen will (Faulstich, 2014).

Lernen ist für die Erziehung nach Prange (2002) unableitbar gegeben, soll heißen: Es gibt das Lernen. Punkt. Man kann und braucht es nicht aus etwas anderem herzuleiten, aus der Gesellschaft etwa, oder aus unserer leiblichen Verfassung oder unserer genetisch-evolutionären Erbschaft. Etwas vorsichtiger formuliert, aber mit demselben Resultat lässt sich sagen: Für die Pädagogik gibt es das Lernen und ist sozusagen die Betriebsprämisse aller Maßnahmen des Erziehens. Pädagogen beziehen sich in der Erziehung immer auf Lernen, setzen es als gegeben voraus, selbst dann, wenn sie auf Widerstand und Widerwillen stoßen. Auch in diesen Fällen rechnet man damit, dass Kinder oder sonstige Adressaten lernen können. Es muss nicht erst hergestellt werden; man kann nicht erst das Lernen lehren und dann wird gelernt. Dazu müsste man schon lernen können. Es muss schon gegeben sein, sonst käme es pädagogisch gar nicht in Gang. Das Lernen ist dem Erziehen vorgegeben, ein ursprüngliches Können, das zur menschlichen Verfassung gehört wie der Herzschlag und die Leberfunktion. Das Lernen ist eine anthropologische Konstante, eine Mitgift der Natur, so wie der Tatbestand, dass Menschen immer in einer geschlechtlichen Variante vorkommen, die man sich nicht aussuchen und auch nicht konstruieren kann, oder der Tatbestand, dass Menschen erst klein sind, heranwachsen, ausgewachsen sind, altern und sterben. Das sind anthropologische Konstanten, pädagogisch gesehen als Unterlage dafür, wie man diese Tatbestände verarbeitet, was man aus sich machen oder nicht machen kann. Darin besteht, was man Kultur nennt, eine Schöpfung auf dem Grunde der Ausstattung.

Siehe auch Was ist Lernen?

Literatur
Dorsch, F. (1976). Dorsch Psychologisches Wörterbuch – 9. Auflage. Bern: Hans Huber.
Faulstich, P. (2014):.Lerndebatten. Phänomenologische, pragmatistische und kritische Lerntheorien in der Diskussion. Bielefeld: transcript.
Ipfling, H.-J: (1974). Pädagogische Fachsprache. München: Ehrenwirth.
Köck, P. & Ott, H. (1994). Wörterbuch für Erziehung und Unterricht – 5. Auflage. Donauwörth: Auer.
Prange, K. (2002). Erziehen als gegliedertes Zeigen und Lernen. Praxis Schule 5–10, Heft 5, 6–8.
Rombach, H. (1971). Lexikon der Pädagogik 3 – neue Ausgabe. Freiburg: Herder.
Tewes, U. & Wildgrube, K. (1992). Psychologie – Lexikon. München, Wien: Oldenbourg.
Zinoun. K. (2014). Lernen ist immer und überall. Grundbegriffe Bildungswissenschaft.
WWW: http://www.zinoun.de/lernen-ist-immer-und-ueberall/ (14-11-13)
Zöpfl, H., Bittner G., Mühlbauer, R. & Tschamler, H. (1975). Kleines Lexikon der Pädagogik und Didaktik. Donauwörth: Auer.

 



Falls Sie in diesem Beitrag nicht fündig geworden sind, können Sie mit der folgenden Suche weiter recherchieren:


Das Lexikon in Ihren Netzwerken empfehlen:

You must be logged in to post a comment.

Diese Seiten sind Bestandteil der Domain www.stangl.eu