Wahrnehmung

Das Auge sieht nur, was der Geist bereit ist, zu begreifen.
Henri-Louis Bergson

Kurzdefinition: Wahrnehmung ist das Produkt zweier nacheinander ablaufender Prozesse, dem Prozess der Informationsaufnahme und dem Prozess der Informationsverarbeitung.

In der Psychologie bedeutet Wahrnehmung die Aufnahme, Interpretation, Auswahl und Organisation von Informationen, die zur Anpassung an die Umwelt durch z.B. Kommunikation notwendig ist. Wahrnehmung ist damit eine sehr allgemeine Bezeichnung für den Informationsgewinnn durch Umwelt- und Körperreize, wobei in der Psychologie zwischen der inneren und der äußeren Wahrnehmung unterschieden werden kann. Die innere Wahrnehmung meint die Körperwahrnehmung wie Gefühle oder Schmerzen, die äußere Wahrnehmung bezieht sich auf die Umweltwahrnehmung von vorwiegend Mitmenschen und Gegenständen. Die Wahrnehmung ist ein psychophysischer Prozess, bei dem der Organismus eine mehr oder minder anschauliche Repräsentation seiner Umwelt und des eigenen Körpers erhält, indem er äußere und innere Reize aufnimmt und verarbeitet.

Als Wahrnehmung bezeichnet die Psychologie also jenen komplexen Prozess, bei dem die sensorischen Informationen im Gehirn des Menschen organisiert und interpretiert werden, denn erst dieser Prozess ermöglicht es dem Lebewesen, die Bedeutung von Gegenständen und Ereignissen zu erkennen. Beim Wahrnehmen werden die ursprünglich einzelnen Empfindungen zu ganzheitlichen Abbildern von Dingen oder Ereignissen zusammengefügt (Perzeption). Eine gute Wahrnehmung setzt aber nicht nur den Einsatz aller Sinne voraus, sondern auch Fähigkeiten wie z.B. Aufmerksamkeit, Konzentration, das Auswählen relevanter Informationen aus der großen Menge an Eindrücken, den Perspektivenwechsel, das Analysieren, Ordnen und Abspeichern von Informationen.

So erschafft etwa die Hälfte der am menschlichen Sehvorgang beteiligten Nervenzellen im Gehirn auf der Grundlage der Sinnesdaten und der individuellen sowie der evolutionären Erfahrung aktiv erst die innere Welt der bewussten Wahrnehmung, wobei in diese visuelle Wahrnehmung auch Anteile phylogenetischer und ontogenetischer Erfahrung hineinspielen, d.h., das optische Bild, das man wahrzunehmen vermeint, wird zum großen Teil vom Gehirn selbst erst konstruiert. Vor allem in neuen und ungewöhnlichen Situationen ist hier viel Platz für Sinnestäuschungen, denn gerade dann verrechnet das menschliche Gehirn das Gesehene unbewusst mit dem vorhandenen Erfahrungshintergrund.

Zu den wichtigsten Merkmalen der sinnlichen Erkenntnis gehören die Gegenständlichkeit, die Ganzheitlichkeit, die Strukturiertheit, die Konstanz und die Sinnerfüllung. Die Gegenständlichkeit der Wahrnehmung äußert sich im Objektivierungsakt, d.h. dadurch, dass der Mensch beim Wahrnehmen prüft, ob die von der Umwelt empfangenen Informationen mit der objektiven Realität übereinstimmen. Dabei werden die Objekte der Umgebung nicht nur nach ihrer äußeren Formgebung, Gestalt bestimmt, sondern auch unter dem Aspekt ihrer praktischen Anwendung oder im Hinblick auf ihre we­sentlichen Eigenschaften. Bei Nichtübereinstimmung zwischen der Umwelt und ihrem Abbild ist das perzipierende Subjekt gezwungen, nach neuen Wahrnehmungsmethoden zu suchen, die das betreffende Objekt passender widerspiegeln. Die Ganzheitlichkeit entsteht bei der Wahrnehmung erst nach, indem die durch verschiedene Kanäle aufgenommenen Informationen über isolierte Merkmale und Eigenschaften zu einem Ganzen zusammengefügt werden. Im Zusammenhang damit steht die Strukturiertheit der Wahrnehmung, denn über die einzelnen Empfindungen und ihre Summe nehmen Menschen auch eine bestimmte räum­liche oder zeitliche Struktur, eine Regelhaftigkeit in den Erscheinungen wahr, wodurch ein Objekt erst seine Bedeutung gewinnt. Bekanntlich verändern Objekte ihr Aussehen unter den verschiedenen Bedingungen der Wahrnehmung beständig, dennoch sind Menschen in der Lage sind, diese Veränderungen zu kompensieren und das relativ Konstante an den Dingen herauszufiltern (Wahrnehmungskonstanz). Diese Konstanz in der Wahrnehmung ist wie die anderen Wahrnehmungsmerkmale nicht angeboren, sondern ein Ergeb­nis der Umwelterfahrung, ausgebildet durch das aktive Wirken eines perzeptiven Systems auf die Umwelt (Bildung von Schemata). Aus der Vielzahl der sich ständig ändernden Be­wegungen der Rezeptoren und den dadurch entstehenden Empfindungen gliedert das wahrnehmende Subjekt eine relativ konstante, invariante Struktur der Welt heraus. Hinzu kommt, dass das Wahrnehmen des Menschen eng mit dem Denken zusammenhängt, d.h., dass ein Ob­jekt bewusst wahrzunehmen auch bedeutet, es gedanklich zu benennen, es einer bestimmten Klasse oder Gruppe von Phänomenen zuzuordnen und auch mit Hilfe der Sprache zu verallgemeinern. Auch bei völlig unbekannten Gegenständen sind Menschen bestrebt, Ähnlichkeiten mit Bekanntem zu finden und sie als Vertreter einer bestimmten Kategorie zu identifizieren. Erst eine optimale In­terpretation gibt dem Gegenstand einen geeigneten Sinnzusammenhang, wobei dieser im Laufe der Entwicklung von einer Reihe subjektiver Faktoren bestimmt wird. Wie ein Gegenstand wahrgenommen wird, wird nicht allein von den Sinnesorganen sondern von der ganzen Persönlichkeit bestimmt, unter anderem von der Beziehung des wahrnehmenden Subjekts zum Objekt, von den aktuellen Bedürfnissen, Strebungen, Wünschen, Interessen und Gefühlen (Apperzeption). Je mehr Kenntnisse und Erfahrungen ein Mensch hat, desto reicher ist daher seine Wahrnehmung und desto mehr kann er beim Betrachten eines Gegen­standes erkennen. Der Inhalt der Wahrnehmung wird aber auch von den Zielen, Motiven und Einstellungen des Wahrnehmenden bestimmt.

Übrigens: Viele Wissenschaftler sind der Ansicht, dass man Wahrnehmung im Allgemeinen als kontrollierte Halluzination betrachten kann, denn auch die alltägliche Wahrnehmung hängt nicht allein von Sinneseindrücken ab. Die Bedeutung, die ein Reiz bekommt, ist in hohem Ausmaß geprägt von den Annahmen und der Erfahrung mit der Welt, sodass Halluzinationen vielleicht nur eine falsche Gewichtung von Erfahrungen und Erwartungen gegenüber einem ankommenden Reiz darstellen.

Siehe dazu auch Wahrnehmungspsychologie.



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