Ablenkbarkeit bezeichnet einen Zustand des Menschen, bei dem Aufmerksamkeit und Konzentration gestört werden bzw. fehlen, wobei Ablenkung durch Ă€uĂere Störungen und Reize bedingt sein kann, aber auch durch in der Person liegende Ursachen.
Biologisch betrachtet ist der Mensch auf Ablenkung ausgerichtet, denn zahlreiche mentale Prozesse, die sich im Laufe der Evolution entwickelt und bewĂ€hrt haben, sind auch heute noch vorhanden, etwa der Fluchtreflex oder die Neugier. So fĂŒhrt die angeborene Neugier dazu, stĂ€ndig in Sorge zu sein, etwas zu versĂ€umen (Fear of missing out-PhĂ€nomen). Besonders in einer Welt der modernen Technologien mit ihren vielfĂ€ltigen Kontaktmöglichkeiten sowie ihren sozialen Netzwerken tappt der Mensch oft in diese evolutionĂ€r angelegten Fallen.
Obwohl Ablenkbarkeit heute meist als Problem betrachtet wird, ist sie in einem normalen AusmaĂ aber durchaus funktional, denn sie macht Menschen auf Neues und eventuell auf gĂŒnstige Gelegenheiten aufmerksam oder schĂŒtzt vor Risiken und Gefahren. Dysfunktional wird Ablenkbarkeit erst dann, wenn diese unangepasst ist und einer Zielverfolgung im Wege steht. So beschreiben laut einer empirischen Untersuchung Eltern und Lehrer etwa vierzig Prozent der Grundschulkinder als auffĂ€llig unaufmerksam und unkonzentriert (vgl. Rapp, 1982, S. 31).
Siehe dazu den Lerntipp Musik, Arbeiten, Lernen.
Eine Studie von Xu et al. (2024) hat wichtige Erkenntnisse ĂŒber die Auswirkungen visueller Unordnung auf die neuronale Verarbeitung im Gehirn geliefert. Die Untersuchung zeigte, dass visuelle Ablenkungen, insbesondere im peripheren Sichtfeld, die WahrnehmungsfĂ€higkeit beeintrĂ€chtigen und den Informationsfluss im Gehirn beeinflussen. Dies hat weitreichende Folgen fĂŒr unser alltĂ€gliches Leben. Um diese Erkenntnisse zu gewinnen, fĂŒhrten die Forscher Experimente mit Makaken durch, deren visuelles System dem des Menschen Ă€hnelt. Die Tiere wurden trainiert, visuelle Reize sowohl im Zentrum als auch am Rand ihres Sichtfelds wahrzunehmen, wĂ€hrend die AktivitĂ€t der Neuronen im primĂ€ren visuellen Kortex gemessen wurde. Durch diese Herangehensweise konnten die Wissenschaftler die neuronalen Prozesse bei unterschiedlichen Sehbedingungen genau beobachten. Die Ergebnisse zeigten, dass bei visueller Unordnung der grundlegende Informationsweg im Gehirn zwar erhalten bleibt, die Verarbeitungsgeschwindigkeit jedoch leidet. Die Forscher verglichen diesen Prozess mit einem âTelefonbaumâ, bei dem die Reihenfolge der Informationsweitergabe konstant bleibt, aber die Ăbertragung langsamer oder weniger effizient verlĂ€uft. Interessanterweise variieren die Auswirkungen der visuellen Unordnung je nach dem spezifischen Ort der Verarbeitung im Gehirn. Diese Erkenntnisse sind besonders relevant fĂŒr alltĂ€gliche Situationen wie das Autofahren, bei denen die Aufmerksamkeit zwischen zentralem und peripherem Sichtfeld geteilt werden muss. Sie erklĂ€ren auch, warum es in visuell ĂŒberfrachteten Umgebungen schwieriger ist, Objekte klar zu erkennen und zu unterscheiden. DarĂŒber hinaus haben diese Forschungsergebnisse Implikationen fĂŒr die Gestaltung unserer Lebensumgebung. Sie zeigen, dass visuelle Ăberstimulation und Unordnung nicht nur lĂ€stig, sondern tatsĂ€chlich hinderlich fĂŒr unsere kognitive LeistungsfĂ€higkeit sein können. Architekten, Stadtplaner und Produktdesigner sollten diese Erkenntnisse berĂŒcksichtigen, um RĂ€ume und Objekte so zu gestalten, dass sie unsere Wahrnehmung und Informationsverarbeitung optimal unterstĂŒtzen. Insgesamt liefert die Studie von Xu et al. (2024) wertvolle Einblicke in die neuronalen Mechanismen, die hinter den Auswirkungen visueller Unordnung auf unser Gehirn stehen. Diese Erkenntnisse können dazu beitragen, unser VerstĂ€ndnis der menschlichen Kognition zu vertiefen und praktische Anwendungen in Bereichen wie der Ergonomie, Architektur und Produktgestaltung zu ermöglichen.
Das Gehirn entdeckt: Da ist etwas Neues.
Es sagt: âSchau einmal nach, da könnte etwas Wichtiges sein.â
Man lenkt seine Aufmerksamkeit darauf.
Das kann man nur schwer unterdrĂŒcken.
Das ist letztlich auch wichtig.
Wenn es zum Beispiel brennt und der Feueralarm losgeht, will man das ja mitbekommen und sich retten.
Aber wÀhrend man abgelenkt ist, kann man etwas anderes Wichtiges verpassen.
Zum Beispiel, was die Lehrerin oder der Lehrer gerade erzÀhlt.
Oder auch das, was man liest oder gerade gelesen hat.
Das wird dann vom Neuen verdrÀngt.
Das gerade Gehörte oder Gelesene kann sich nicht im GedÀchtnis einprÀgen.
Man fragt sich: Was habe ich gerade gehört oder gesehen?
Die Ablenkbarkeit nimmt mit dem Alter zu
Rösner et al. (2022) untersuchten die neuronalen Korrelate, die der Aufmerksamkeitsselektion im ArbeitsgedĂ€chtnis zugrunde liegen und konzentrierten sich insbesondere darauf, wie sich Ă€ltere und jĂŒngere Erwachsene in der Aufmerksamkeitsselektion bei der Wiederaufnahme einer primĂ€ren Aufgabe unterscheiden. In der Studie fĂŒhrten die Probanden eine ArbeitsgedĂ€chtnisaufgabe durch, wĂ€hrend sie hĂ€ufig mit einer kognitiv wenig oder hoch anspruchsvollen Rechenaufgabe unterbrochen wurden, sodass die Person ihre Aufmerksamkeitsressourcen auf die Erledigung der Unterbrechungsaufgabe verwenden und anschlieĂend Informationen der unterbrochenen Aufgabe (PrimĂ€raufgabe) reaktivieren musste. AnschlieĂend zeigte ein retrospektiver Hinweis den ArbeitsgedĂ€chtnisinhalt an, der fĂŒr einen spĂ€teren Bericht benötigt wurde.
Der nachteilige Effekt der Unterbrechung zeigte sich zwar in beiden Altersgruppen, aber wĂ€hrend jĂŒngere Erwachsene stĂ€rker von einer hohen als von einer niedrig anspruchsvollen Unterbrechung betroffen waren, trat das Leistungsdefizit bei Ă€lteren Erwachsenen unabhĂ€ngig von den kognitiven Anforderungen der Unterbrechungsaufgabe auf. Bei der Untersuchung der dabei aufgezeichneten EEG-Daten wurde ein Ă€hnliches Muster bei der frontal-posterioren KonnektivitĂ€t im Theta-Frequenzbereich festgestellt, was darauf hindeutet, dass mit zunehmendem Alter die FĂ€higkeit, relevante Informationen selektiv im ArbeitsgedĂ€chtnis zu behalten, offenbar abnimmt. Die StĂ€rke der mittleren frontalen Theta-Oszillationen (~4-9 Hz) wies in beiden Altersgruppen eine vergleichbare Wirkung bei Unterbrechungen auf. Die Leistung der posterioren Alpha/Beta-Oszillationen (~8-30 Hz) nach dem retrospektiver Hinweis war jedoch bei Ă€lteren Erwachsenen durch eine vorangegangene Unterbrechung stĂ€rker vermindert.
Diese Ergebnisse deuten daher auf ein altersbedingtes Defizit in der Aufmerksamkeitsauswahl und Aufrechterhaltung der primĂ€ren Aufgabeninformation nach einer Unterbrechung hin, das unabhĂ€ngig von den kognitiven Anforderungen der unterbrechenden Aufgabe zu sein scheint. Konkret bedeutet das, dass Ă€ltere Menschen weniger in der Lage sind, negative EinflĂŒsse der Ablenkung auf die Auswahl relevanter primĂ€rer Aufgabeninformationen zu bewĂ€ltigen, wobei aber nicht alle kognitiven Prozesse von Alterungsprozessen betroffen sind.
Literatur
Rapp, Gerhard (1982). Aufmerksamkeit und Konzentration. ErklÀrungsmodelle, Störungen und Handlungsmöglichkeiten. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt.
Rösner, Marlene, Zickerick, Bianca, Sabo, Melinda & Schneider, Daniel (2022). Aging impairs primary task resumption and attentional control processes following interruptions. Behavioural Brain Research, 430, doi:10.1016/j.bbr.2022.113932.
Stangl, W. (2022, 30. August). Die Ablenkbarkeit bei Arbeiten nimmt mit dem Alter zu. was stangl bemerkt âŠ
https:// bemerkt.stangl-taller.at/die-ablenkbarkeit-bei-arbeiten-nimmt-mit-dem-alter-zu>
Stangl, W. (2024, 25. Oktober). Wie sich Ablenkungen auf die Wahrnehmung auswirken . Psychologie-News.
https:// psychologie-news.stangl.eu/5432/wie-sich-ablenkungen-auf-die-wahrnehmung-auswirken.
Xu, X., Morton, M. P., Denagamage, S., Hudson, N. V., Nandy, A. S., & Jadi, M. P. (2024). Spatial context non-uniformly modulates inter-laminar information flow in the primary visual cortex. Neuron, doi:10.1016/j.neuron.2024.09.021
https:// notiert.stangl-taller.at/praxiswissen/was-passiert-wenn-man-abgelenkt-wird/ (18-11-12)