Kindchenschema

Das Kindchenschema umfasst eine Reihe kindlicher Körpermerkmale, etwa einen großen Kopf mit hoher Stirn, runde Wangen und große Augen. Verhaltensstudien bestätigen die Wirkung des Kindchenschemas auf Erwachsene. Das Kindchenschema ist als ein angeborener Auslösemechanismus eine vereinfachte Bezeichnung für Schlüsselreize, die besonders Kleinkinder und junge Tiere aussenden, wobei die Signale vor allem den Kopf betreffen, der durch seine relative Größe im Verhältnis zum übrigen Körper auffällt. Eine vorgewölbte Stirn, Pausbacken und große Augen lassen beim Betrachter Zuneigung entstehen. Die Gestalt wirkt gedrungen und durch die kurzen Extremitäten tollpatschig. Diese charakteristischen Merkmale lösen Betreuungs- und Brutpflegereaktionen aus. Diese speziellen Gesichtsproportionen aktivieren unter anderem das Belohnungszentrum im Gehirn Erwachsener und sorgen so dafür, dass man diese Wesen schützen und umsorgen will, und zwar umso mehr, je stärker die Züge dem perfekten Kindchenschema entsprechen

Zu den Merkmalen des Kindchenschemas gehören vor allem die typischen Proportionen junger Menschen oder Tiere, also im Vergleich zum Rumpf ein deutlich größerer Kopf, eine hohe Stirn im Vergleich zum übrigen Gesichtsbereich, ein fast kreisförmiges Gesicht und  im Vergleich zum übrigen Gesicht überdimensionale Augen. Darstellungen, in denen diese Proportionen stark übertrieben werden (z.B. Kopfgröße gleich Rumpfgröße bei Comicfiguren) wirken keineswegs schockierend oder abschreckend, sondern noch süßer“und niedlicher, obwohl ein Lebewesen mit solchen Deformationen in der Realität kaum lebensfähig wäre, da es seinen Kopf gar nicht tragen könnte.

Die Merkmale des Kindchenschemas spielen eine bedeutsame biologische Rolle bei der Aufzucht von Nachwuchs, denn sie aktivieren bei Elterntieren den Pflege- und Beschützerinstinkt, das Brutpflegeverhalten und hemmen bei anderen erwachsenen Tieren Aggressionen gegenüber dem Nachwuchs. Menschen finden bekanntlich nicht nur menschliche Babys niedlich und süß, sondern auch Tierbabys wie Kätzchen, Hundewelpen, Robbenbabys oder Eisbärbabys – man erinnere sich nur an Knut. Ähnliches gilt für Tiere, die gar keine Jungtiere mehr sind, sondern erwachsen, jedoch aufgrund ihrer arttypischen Eigenschaften dennoch auch als erwachsene Tiere Kindchenschema-Merkmale aufweisen wie Pandabären, Koalas, Kaninchen oder Hamster. Auch bei Cartoons wirken ebenfalls diese Mechanismen, denn der Erfolg der Figuren von Walt Disney sind zu einem Großteil darauf zurückzuführen, dass es die Zeichner verstanden, vielen Trickfiguren Merkmale des Kindchenschemas meist in überzeichnender und karikierender Form mitzugeben, sodass sie auf den erwachsenen und auch kindlichen Betrachter anziehend und sympathisch wirken. Das Kindchenschema zeigen übrigens auch Puppen und Plüschtiere, wodurch diese als Spielsachen attraktiv werden. Manche derartigen Merkmale werden dabei auch übertrieben.

Das Kindchenschema ist universell, d.h., es tritt unabhängig von der kulturellen Zugehörigkeit, unabhängig von Alter oder Geschlecht eines Individuums auf, wobei seine adaptive Funktion im Schutz der eigenen bzw. genetisch verwandter Nachkommen besteht. Das Kindchenschema ist somit ein genetisch bedingtes, angeborenes Wahrnehmungsschema, das dafür sorgt, dass junge Lebewesen automatisch erkanntwerden, meist ohne dass man sich der auslösenden Merkmale bewusst wird. Das Kindchenschema bereitet auf ganz bestimmte Verhaltensweisen vor, d. h., bei der Wahrnehmung von Kleinkindattributen stellt sich eine emotional getönte Zuwendungsreaktion ein und bringt erwachsene Individuen aber auch Kinder in eine emotionale Grundstimmung, von der aus eine erhöhte Bereitschaft zu Schutz und Pflege entsteht.

Die neurobiologischen Grundlagen dieses sozialen Instinkts sind eine ansteigende Aktivität im Nucleus accumbens, einer Hirnregion, die als Belohnungszentrum bekannt ist, und weitere Areale, die bei Gesichterverarbeitung und Aufmerksamkeit eine Rolle spielen. Offensichtlich gibt es eine neurophysiologische Basis für den Impuls, sich um alles zu kümmern, was einem Baby ähnlich sieht. Allerdings wird dadurch das Verhalten der Mutter nicht determiniert, dass sie quasi nur auf dargebotene Auslöser wie z.B. das „Kindchenschema“ bloß reagiert. Die Empirie zeigt , dass viele Mütter überhaupt nicht wissen, wie sie mit ihrem Kind umgehen sollen, sondern nur das jeweilige soziale Umfeld gibt ihnen die Regeln vor, wie sie ihr Kind behandeln sollen. Die soziale Determination bestimmt also das menschliche Miteinander und nicht ein genetisch determinierter Instinkt.

In Untersuchungen (Wang et al., 2016) hat man übrigens gezeigt, dass Opiate und Opioide offenbar die Reaktion auf das Kindchenschema verändern, und damit möglicherweise auch die Motivation, aus der heraus man für andere sorgt. Generell bestätigen die Ergebnisse, dass das Gehirn Opiatabhängiger grundsätzlich gegenüber natürlichen Belohnungsreizen abzustumpfen scheint

Literatur

A.L. Wang, S.B. Lowen, I. Elman, Z. Shi, A. Bouril, R. Gur & D.D. Langleben (2016).  Sustained opioid antagonism increases striatal sensitivity to baby schema in opioid dependent women. Paper presented at the 29th ECNP Congress – Vienna 2016.
http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/MORALISCHEENTWICKLUNG/NatuerlicheMoral.shtml (09-02-02)
http://www.beautycheck.de/cmsms/index.php/kindchenschema (12-11-21)




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