Reisekrankheit

Die Reisekrankheit bzw. Seekrankheit, im Englischen treffend als „motion sickness“ (Bewegungskrankheit) bezeichnet, ist ein wahrnehmungspsychologisches Phänomen und tritt auf Grund einer optischen Wahrnehmungstäuschung im Zusammenhang mit Bewegung. Übrigens können auch bestimmte kleinteilige Muster in Teppichen oder auf Bildschirmen bei längerem Betrachten dieses Phänomen auslösen, wobei besonders 3-D-Filme im Kino für die Entstehung dieses Unwohlseins sorgen können, denn hier widersprechen einander die Sinne und das Auge.

Es handelt sich nämlich in all diesen Fällen um einen Wahrnehmungskonflikt, denn die Augen registrieren, getäuscht vom Muster, eine Bewegung, während der Körper signalisiert, dass alles regungslos ist. Die Übelkeit beruht somit auf einer Verwirrung des Gehirns beim Bewerten von Bewegungen. Sowohl die Augen als auch das Gleichgewichtsorgan im Innenohr und das propriozeptive System, das für die Eigenwahrnehmung über die Lage im Raum, die Stellung, die Bewegungsaktivität, die Kraft und den Widerstand des Körpers sorgt, liefern ständig Informationen über die eigenen Bewegungen im Raum.  Wenn diese Informationen übereinstimmen, ist für das Gehirn alles in Ordnung, aber widersprechen sich die Informationen der Sinne, weil man etwa auf dem Schiff sein stillstehendes Gegenüber betrachtet und die Augen keine Bewegung melden, die anderen Sinne aber das leichte Rollen des Schiffes wahrnehmen, ist das Gehirn verwirrt und reagiert mit Schwindel und Übelkeit. Auch intensive Gerüche wie von Benzin, von Essen oder von Toiletten (Autobahnraststätten!) können die Übelkeit erhöhen.

Gegen die Reisekrankheit helfen einerseits Medikamente, die die Empfindlichkeit der Gehirnregion reduzieren, in der die Gleichgewichtsinformationen einlaufen, andererseits Wirkstoffe wir Antihistaminika, die die Wirkung von Histamin, das unter anderem den Brechreiz anregt, reduzieren. Es gibt spezielle Kaugummis, Tabletten oder Zäpfchen, die ohne Rezept erhältlich sind und sehr schnell wirken, wobei die Inhaltsstoffe die Brechreizrezeptoren im Gehirn beeinflussen. Solche Mittel sollten zwischen einer halben Stunde und einer Stunde vor Reiseantritt eingenommen werden. Wichtig: Da die meisten dieser Mittel müde machen, eignen sie sich nicht für die Fahrerin oder den Fahrer. Immer akuten Fall hilft ein Kaugummi, da der Wirkstoff schon nach fünf Minuten Kauen über die Mundschleimhaut in das Blut gelangt. Verschreibungspflichtige Pflaster helfen bei stärkeren Beschwerden und müssen einige Stunden vor Reiseantritt hinter das Ohr geklebt werden, wonach sie für ungefähr 72 Stunden von den Symptomen der Reiseübelkeit befreien können. Daher eignen sich solche Pflaster insbesondere für mehrtägige Reisen. Auf pflanzlicher Basis gibt es Ingwerpräparate, die in hochdosierter Form den Brechreiz verringern, was an den Scharfstoffen des Ingwers liegt, die die Wirkung des Serotonins einschränken, sodass die Übelkeit reduziert wird. Es gibt etwa Ingwertinkturen, doch Ingwer hilft auch gut als Tee, der bei Bedarf getrunken werden kann. Hilfreich sind auch Kamille, Pfefferminze und Schafgarbe, die beruhigend auf Magen und Darm wirken.

Man sollte vor Reiseantritt auch möglichst auf den Genuss von Milchprodukten, Alkohol, Nikotin und Kaffee verzichten, wobei besonders Rotwein eine hohe Konzentration des brechreizanregenden Histamin enthält. Mindestens 24 Stunden vor einer geplanten Reise sollten man auch keine schweren Speisen mehr zu sich nehmen.

kinetose

Auf dem Schiff oder im Autobus spielt auch die Blickrichtung eine wichtige Rolle, denn wer in Fahrtrichtung sitzt und aus dem Fenster schaut, fühlt weniger Übelkeit. Auf dem Schiff sollte man sich auf Deck den Horizont ansehen, denn in diesem Fall fühlt man die Bewegung des Schiffes nicht nur, sondern nimmt sie auch optisch wahr, sodass die Informationen im Gehirn zusammenpassen.

Gegen akute Beschwerden helfen einfache Verhaltensregeln wie sich flach auf den Rücken zu lgen, den Kopf ruhig zu halten und die Augen zu schließen, um die unerwünschten optische Reizen aus der Wahrnehmung, die Übelkeit auslösen können, zu vermeiden. Ist das aber nicht möglich, hilft es, möglichst ruhig sitzen zu bleiben, den Kopf nicht zu bewegen und mit den Augen einen Punkt am Horizont zu fixieren. Auch sollte man starke Gerüche meiden und sich ablenken, etwa durch Entspannungsübungen oder leise Musik. Auch spezielle Kaugummis aus der Apotheke können helfen, die Übelkeit und das flaue Gefühl im Magen zu lindern, wobei zur Vorbeugung der Reisekrankheit auch rezeptfreie Medikamente eingenommen werden können.

Besonders wird vielen Kindern beim Auto fahren, im Flugzeug oder auf einem Schiff schlecht, denn während die Augen der Kinder auf das Fahrzeuginnere, auf Bücher oder Spielsachen gerichtet sind und dem Gehirn Stillstand signalisieren, meldet das Gleichgewichtsorgan im Ohr und Messfühler in den Muskeln Erschütterungen und Bewegung. Bei Reisen mit Kindern kann man aber mit einigen Vorkehrungen versuchen, das Auftreten der Reiseübelkeit zu reduzieren oder gar zu verhindern. So kann man des Nachts fahren, denn während des Schlafes ist das Gleichgewichtssystem gedämpft. Während des Tages kann man ein Kind zum aktiven Beobachten der Umgebung, des Verkehrs etwa durch Autos zählen oder Kennzeichen bestimmen anregen. Kinder, denen leicht übel wird, sollten im Fahrzeug keine Aktivitäten machen, bei denen sie nicht aus dem Fenster blicken. Wichtig sind auch Pausen, denn mit festem Boden unter den Füßen kann sich das Gleichgewichtsorgan beruhigen, aber auch die frische Luft trägt zum besseren Wohlbefinden bei.

Siehe auch Kinetose.

Literatur
Stangl, W. (1998). Optische Täuschungen.
WWW: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/OPTISCHE-TAEUSCHUNG/ (98-11-12)





Falls Sie in diesem Beitrag nicht fündig geworden sind, können Sie mit der folgenden Suche weiter recherchieren:


Das Lexikon in Ihren Netzwerken empfehlen:

You must be logged in to post a comment.

Diese Seiten sind Bestandteil der Domain www.stangl.eu

© Werner Stangl Linz 2017