Unter dem Begriff Misbinding – Fehlverknüpfung oder Falschverbindung – versteht man in der kognitiven Psychologie und den Neurowissenschaften ein Phänomen, bei dem einzelne Merkmale eines Wahrnehmungsobjekts oder einer Erinnerung fehlerhaft miteinander kombiniert werden. Das menschliche Gehirn verarbeitet verschiedene Eigenschaften eines Stimulus – wie Farbe, Form, Ort, Klang oder zeitlichen Kontext – prinzipiell in spezialisierten, voneinander getrennten Arealen. Damit ein ganzheitlicher Gesamteindruck entsteht, müssen diese separaten Merkmale im Wahrnehmungs- oder Gedächtnissystem korrekt zusammengefügt werden; diesen Vorgang nennt man Feature Binding. Schlägt dieser Integrationsprozess fehl, entsteht eine illusionäre oder falsche Verknüpfung. Man unterscheidet in der Psychologie im Wesentlichen zwei Hauptformen des Misbindings:
- Illusionäre Verknüpfungen in der Wahrnehmung (Illusory Conjunctions): Wird das visuelle System durch extrem kurze Darbietungszeiten, Überlastung der Aufmerksamkeit oder Ablenkung überfordert, können wahrgenommene Merkmale falsch zusammengesetzt werden. Ein klassisches Alltagsbeispiel hierfür ist das rasche Blickfeld-Überfliegen im Straßenverkehr: Ein Beobachter sieht für den Bruchteil einer Sekunde ein rotes Auto und ein blaues Fahrrad. Wenn das Gehirn unter Zeitdruck die Merkmale falsch kombiniert, „sieht“ die Person fälschlicherweise ein blaues Auto und ein rotes Fahrrad. Das Merkmal „Rot“ wurde dem falschen Objekt zugeordnet.
- Fehlverknüpfungen im Gedächtnis (Memory Misbinding): Hierbei werden Einzelinformationen im Arbeits- oder Langzeitgedächtnis fehlerhaft abgespeichert oder abgerufen. Eine Person kann sich beispielsweise präzise an das Gesicht eines Bekannten und an einen bestimmten Ort erinnern, verknüpft diese beiden korrekten Erinnerungsspuren jedoch falsch und meint fälschlicherweise, der Person an genau diesem Ort begegnet zu sein. Ein weiteres typisches Phänomen ist das Zuordnen von Aussagen zur falschen Quelle (Source-Monitoring-Fehler).
Auf neuronaler Ebene spielt die gezielte Steuerung der Aufmerksamkeit eine entscheidende Rolle beim korrekten Binding. Gemäß der Merkmal-Integrations-Theorie (Feature Integration Theory) nach Anne Treisman wirkt die visuelle Aufmerksamkeit wie ein Klebstoff, der die unabhängig voneinander kodierten Merkmale an einem bestimmten Ort im Raum zusammenhält. Fehlt diese fokussierte Aufmerksamkeit, kommt es gehäuft zu Misbinding. Für das Bindungssystem im Arbeits- und Langzeitgedächtnis ist vor allem der Hippocampus in Verbindung mit präfrontalen Arealen verantwortlich.
Ein erhöhtes Auftreten von Memory Misbinding zeigt sich insbesondere im höheren Lebensalter sowie bei neurodegenerativen Erkrankungen wie der Alzheimer-Demenz. Ältere Erwachsene können sich zwar häufig noch gut an einzelne Details erinnern (z. B. ein Wort oder einen Namen), weisen jedoch spezifische Defizite darin auf, diese Details mit ihrem jeweiligen Kontext oder miteinander zu verknüpfen (Associative Deficit Hypothesis). Misbinding gilt daher in der experimentellen Gerontopsychologie und Neuropsychologie als wichtiger Indikator für alters- und krankheitsbedingte Veränderungen der Gedächtnisfunktionen.
Literatur
Baddeley, A. (2000). The episodic buffer: A new component of working memory? Trends in Cognitive Sciences, 4(11), 417–423.
Naveh-Benjamin, M. (2000). Adult age differences in memory performance: Tests of an associative deficit hypothesis. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 26(5), 1170–1187.
Treisman, A. M., & Gelade, G. (1980). A feature-integration theory of attention. Cognitive Psychology, 12(1), 97–136.
Wheeler, M. E., & Treisman, A. M. (2002). Binding in short-term visual memory. Journal of Experimental Psychology: General, 131(1), 48–64.