Paperclipping bezeichnet ein interpersonelles Verhaltensmuster im Kontext moderner Kontaktdynamiken, bei dem eine Person nach einer Phase des Kontaktabbruchs oder längerer Funkstille unaufgefordert, unregelmäßig und ohne Absicht zur Vertiefung einer Bindung wieder Verbindung zu einer ehemaligen oder potenziellen Partnerperson aufnimmt. Das Phänomen ordnet sich in die Kategorie der unverbindlichen Kontaktsicherungen ein und dient primär der eigenen Selbstwertregulation sowie dem Erhalt von Handlungsoptionen, ohne dass relationale Ressourcen oder echte emotionale Reziprozität bereitgestellt werden.
Psychodynamisch lässt sich Paperclipping vorrangig durch motivationale Konstellationen der narzisstischen Gratifikation und der Vergewisserung des eigenen sozialen Marktwertes erklären. Der Initiator investiert ein Minimum an Aufwand, um die Verfügbarkeit des Gegenübers zu testen und dessen Aufmerksamkeit abzuschöpfen. Im Gegensatz zum Phänomen des Ghostings, welches durch ein vollständiges Verstummen gekennzeichnet ist, beinhaltet Paperclipping eine sporadische, fast zufällig wirkende Präsenzanzeige. Betroffene Personen empfinden diese Kontaktaufnahmen häufig als belastend, da sie kognitive Dissonanzen auslösen und durch intermittierende Verstärkung den Prozess der emotionalen Ablösung erschweren.
Fallbeispiele
Beispiel 1 (Spontane Assoziationsnachricht): Eine Person, mit der seit mehreren Monaten kein Austausch mehr bestand, sendet unaufgefordert eine Kurznachricht wie: „Hey, ich habe gerade ein Plakat von der Band gesehen, die du so magst, und musste an dich denken! Hoffe, dir geht’s gut!“ Reagiert das Gegenüber darauf interessiert, bricht das Gespräch nach wenigen Wechseln ohne Verabredungsabsicht wieder ab.
Beispiel 2 (Nächtliche Anwesenheitsprüfung): Das Versenden von unbedachten Nachrichten zu späten Uhrzeiten (z. B. „Bist du auch noch wach?“) oder das Reagieren auf ältere Social-Media-Inhalte ohne inhaltlichen Bezug, um Reaktivität und Verfügbarkeit des Gegenübers ohne Verbindlichkeitsanspruch zu prüfen.
In der beratenden Psychologie und Paartherapie wird Betroffenen geraten, die Diskrepanz zwischen verbalen Signalen und tatsächlicher Beziehungsbereitschaft kritisch zu evaluieren. Ein nachhaltiger Beziehungsaufbau erfordert Kontinuität, zeitliches Investment und Verlässlichkeit; fehlen diese Komponenten, wird die Etablierung klarer interaktionaler Grenzen (z. B. explizite Thematisierung der Unverbindlichkeit oder Beendigung des Verhaltens durch Nicht-Reagieren) empfohlen.
Zum Begriff: Der Begriff geht metaphorisch auf den digitalen virtuellen Assistenten „Clippy“ (im deutschsprachigen Raum als „Karl Klammer“ bekannt) des Softwareunternehmens Microsoft zurück. Dieser tauchte in früheren Softwareversionen unangekündigt am Bildschirmrand auf, sobald der Benutzer inaktiv war, um ohne konkrete Notwendigkeit Aufmerksamkeit zu erregen. Übertragen auf zwischenmenschliche Interaktionen äußert sich Paperclipping durch kurze, oft belanglose Nachrichten über digitale Kommunikationskanäle (z. B. Messaging-Dienste oder soziale Netzwerke), die bevorzugt in Momenten eintreffen, in denen die empfangende Person beginnt, sich emotional zu distanzieren oder den Kontakt gedanklich abzuschließen.
Literatur
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