Annahmefehler

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Der Begriff Annahmefehler wird in der Psychologie sowie in den angrenzenden Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in zwei zentralen Kontexten verwendet: in der Kognitions- und Wirtschaftspsychologie (Entscheidungs- und Innovationsforschung) sowie in der psychologischen Methodenlehre und Statistik. In beiden Bereichen beschreibt er eine systematische Fehlentscheidung, bei der eine Option, Hypothese oder Idee akzeptiert wird, die sich bei objektiver Betrachtung oder im Nachhinein als falsch oder erfolglos herausstellt.

Annahmefehler in der Kognitions- und Wirtschaftspsychologie („Go-Error“)

Im Bereich der Denkpsychologie, der Arbeits- und Organisationspsychologie sowie im Innovationsmanagement bezeichnet der Annahmefehler (im Englischen oft als „Go-Error“ bezeichnet) die fälschliche Annahme und Weiterverfolgung einer ungeeigneten Option. Dies tritt häufig beim Lösen komplexer Probleme, bei Personalauswahlprozessen oder bei der Bewertung von Produktideen auf. Ein Annahmefehler liegt vor, wenn Entscheidungsträger ein Projekt, eine Idee oder eine Person positiv bewerten und Ressourcen (Zeit, Geld, Aufmerksamkeit) investieren, obwohl die objektiven Erfolgschancen minimal sind. Das mathematisch-logische Gegenstück hierzu ist der sogenannte Ablehnungsfehler („Drop-Error“), bei dem eine potenziell erfolgreiche Idee fälschlicherweise verworfen wird. Kognitionspsychologisch wird das Auftreten von Annahmefehlern häufig durch unbewusste Denkverzerrungen (Cognitive Biases) begünstigt. Hierzu zählen:

Bestätigungsfehler (Confirmation Bias): Informationen, die die anfängliche positive Vermutung stützen, werden überbewertet, während Warnsignale ignoriert werden.
Sunk-Cost-Fallacy (Eskalierendes Commitment): Es wird fälschlicherweise an einer schlechten Entscheidung festgehalten, weil bereits erhebliche Ressourcen investiert wurden.

Praxisbeispiele

Innovationsmanagement: Ein Unternehmen entwickelt eine neue Produktidee. Trotz schlechter Marktforschungsergebnisse entscheidet sich das Management aufgrund von Wunschdenken für die Markteinführung. Das Produkt wird zum wirtschaftlichen Misserfolg (Flop).
Personalauswahl: Ein Personalverantwortlicher lässt sich im Vorstellungsgespräch vom charmanten Auftreten eines Bewerbers blenden (Halo-Effekt) und stellt ihn ein, obwohl die fachlichen Qualifikationen unzureichend sind. Die Fehlbesetzung zeigt sich erst Monate später.

Annahmefehler in der psychologischen Methodenlehre (Statistik)

In der psychologischen Forschung und der statistischen Datenanalyse ist der Begriff eng mit dem Testen von Hypothesen verknüpft. Wenn Wissenschaftler eine Forschungsfrage untersuchen, formulieren sie eine Nullhypothese ($H_0$, kein Effekt/Unterschied) und eine Alternativhypothese ($H_1$, es gibt einen Effekt/Unterschied). Ein Annahmefehler beschreibt hier das fehlerhafte Beibehalten oder Akzeptieren einer Hypothese: In vielen klassischen deutschsprachigen Lehrbüchern wird der Begriff synonym zum Beta-Fehler (Fehler 2. Art) verwendet. Hierbei behält man die Nullhypothese fälschlicherweise bei (man „nimmt sie an“), obwohl in der Realität die Alternativhypothese gilt. Der Forscher übersieht somit einen tatsächlich existierenden Effekt. Seltener – je nach mathematischer Perspektive des Entscheidungsmodells – wird damit das fälschliche Annehmen der Alternativhypothese bezeichnet (Alpha-Fehler oder Fehler 1. Art), also das statistische „Annehmen“ eines Effekts, der eigentlich nur auf Zufall beruht. In der sozialwissenschaftlichen Praxis wird daher meist präzise von Fehlern erster und zweiter Art gesprochen, um Ambiguitäten zu vermeiden.

Praxisbeispiel

Ein klinischer Psychologe untersucht die Wirksamkeit einer neuen Therapiemethode gegen Depressionen. In seiner Stichprobe zeigt sich kein statistisch bedeutsamer Unterschied zur Standardtherapie, weshalb er die Nullhypothese beibehält (Methode wirkt nicht besser). In der tatsächlichen Bevölkerung ist die neue Methode jedoch hochwirksam, was der Forscher aufgrund einer zu kleinen Stichprobe (mangelnde statistische Power) übersehen hat. Er begeht einen Fehler 2. Art.

Literatur

Dörner, D. (1989). Die Logik des Misslingens: Strategisches Denken in komplexen Situationen. Rowohlt.
Kahneman, D. (2012). Schnelles Denken, langsames Denken (S. Schmidt, Übers.). Siedler.
Kotler, P. (1997). Marketing-Management: Analyse, Planung, Umsetzung und Steuerung (9. Aufl.). Schäffer-Poeschel.
Meffert, H. (1998). Marketing: Grundlagen marktorientierter Unternehmensführung (8. Aufl.). Gabler.
Schäfer, T. (2016). Methodenlehre und Statistik: Einführung in die Datenauswertung für Psychologen und Sozialwissenschaftler (2. Aufl.). Springer.
Wason, P. C. (1960). On the failure to eliminate hypotheses in a conceptual task. Quarterly Journal of Experimental Psychology, 12(3), 129–140.


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