Retrieval Practice

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Unter Retrieval Practice – Abrufübung, aktives Abrufen oder testbasiertes Lernen – versteht man in der kognitiven Psychologie und der empirischen Bildungsforschung eine hochwirksame Lernstrategie, bei der Informationen aktiv aus dem Langzeitgedächtnis abgerufen werden. Im Gegensatz zu passiven Lernmethoden wie dem wiederholten Durchlesen von Texten (Restudy) oder dem Markieren von Textstellen zwingt das aktive Abrufen das Gehirn dazu, eine Gedächtnisspur eigenständig zu rekonstruieren. Phänomenologisch eng verwandt ist der sogenannte Testing Effect (Testeffekt): Studien zeigen konsistent, dass die Gedächtnisleistung für gelerntes Material langfristig drastisch höher ist, wenn ein Teil der Lernzeit für (
selbstgesteuerte Tests oder Abruffragen aufgewendet wird, statt die Zeit mit reinem Informationskonsum zu verbringen.

Aus kognitionspsychologischer Sicht lässt sich die Überlegenheit dieser Methode durch die Mechanismen der Gedächtnisbildung erklären. Beim initialen Lernen wird Wissen im Gehirn verarbeitet und abgespeichert (Encoding). Ein erfolgreicher Abruf hängt maßgeblich von sogenannten Retrieval Cues (Abrufhinweisen) ab. Dies sind Reize, Fragen oder Kontextelemente, die als mentaler Schlüssel dienen, um die Zielinformation im Langzeitgedächtnis zu aktivieren. Durch Retrieval Practice wird die neuronale Verknüpfung zwischen einem solchen Abrufhinweis und dem gespeicherten Wissen massiv gestärkt, denn jedes Mal, wenn eine Information aktiv generiert werden muss, verändert und festigt sich die Gedächtnisspur (Re-Konsolidierung). Dies führt dazu, dass das Wissen flexibler wird und in der Zukunft selbst unter Stress oder Ablenkung deutlich leichter zugänglich bleibt. Retrieval Practice schützt daher übrigens nachweislich vor Prüfungsangst, da der Ernstfall der Prüfung, d. h. das Abrufen unter Druck, bereits vielfach trainiert wurde.

Um die Effektivität von Retrieval Practice in der Praxis zu maximieren, wird sie in der Regel mit weiteren kognitiven Lernstrategien kombiniert. Eine fundamentale Ergänzung ist der Spacing Effect (Verteilungseffekt). Anstatt Informationen in einer einzigen, langen Sitzung abzurufen (Massed Practice oder „Cramming“), werden die Abrufe über einen längeren Zeitraum verteilt (Spaced Practice). Wenn zwischen den Abrufsitzungen Zeit vergeht, setzt ein gewisses Vergessen ein. Das darauffolgende Abrufen wird dadurch anstrengender. Genau diese mentale Anstrengung wird in der Psychologie als Desirable Difficulty (wünschenswerte Erschwernis) bezeichnet: Je mühsamer der Abruf aus dem Gedächtnis ist, desto nachhaltiger ist der Lerneffekt. Eine weitere Methode ist das Interleaving (Verschachtelung). Hierbei werden verschiedene Themen oder Aufgabentypen innerhalb einer Lerneinheit wild gemischt, statt ein Thema nach dem anderen blockweise abzuarbeiten. Interleaving zwingt Lernende dazu, bei jeder Frage neu zu entscheiden, welche Abrufstrategie und welches Wissen gerade benötigt werden, was das konzeptionelle Verständnis vertieft. Schließlich lässt sich Retrieval Practice mit Dual Coding verknüpfen, indem beim Abrufen sowohl sprachliche als auch visuelle Repräsentationen genutzt werden — beispielsweise, indem man ein komplexes Diagramm komplett aus dem Gedächtnis zeichnet und beschriftet.

Ein klassisches Alltagsbeispiel für fehlerhaftes Lernen ist das wiederholte, passive Lesen eines Skripts, denn dein Student hat das Gefühl, den Stoff zu beherrschen, weil ihm die Inhalte vertraut vorkommen (Illusion of Competence). Wendet er stattdessen Retrieval Practice an, nutzt er beispielsweise Karteikarten (Flashcards), bei denen auf der Vorderseite ein Begriff oder eine Frage steht und auf der Rückseite die Antwort. Erst wenn er aktiv versucht, die Antwort laut zu formulieren, bevor er die Karte umdreht, betreibt er Retrieval Practice. Ein anderes Beispiel im schulischen oder universitären Kontext sind Low-Stakes Quizzes, d. h. kurze Tests ohne Notendruck zu Beginn einer Unterrichtsstunde. Schüler werden darin aufgefordert, die Kernpunkte der letzten Woche auf einem leeren Blatt Papier frei aufzuschreiben (Free Recall). Auch das gegenseitige Abfragen in Lerngruppen oder das laute Erklären eines Konzepts ohne Hilfsmittel (Elaboration) sind prototypische Beispiele.

Literatur

Agarwal, P. K., D’Antonio, L., Roediger, H. L., McDermott, K. B., & McDaniel, M. A. (2014). Classroom-based retrieval practice leads to long-term retention in upper-level secondary school science and history classes. Journal of Educational Psychology, 106(2), 341–368.
Karpicke, J. D. (2012). Retrieval-based learning: Active retrieval promotes meaningful learning. Current Directions in Psychological Science, 21(3), 157–163.
Karpicke, J. D., & Roediger, H. L. (2008). The critical importance of retrieval for learning. Science, 319(5865), 966–968.
Roediger, H. L., & Butler, A. C. (2011). The critical role of retrieval practice in long-term retention. Trends in Cognitive Sciences, 15(1), 20–27.


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