Der Begriff „Cringe“ – englisch für „zusammenzucken“ oder „erschaudern“ – beschreibt im psychologischen Kontext das Phänomen der stellvertretenden Scham, im Deutschen geläufig als Fremdscham. Während der Begriff insbesondere durch die Generation Z und Millennials popularisiert und 2021 zum Jugendwort des Jahres gekürt wurde, beschreibt er ein tief verwurzeltes soziales Regulationsgefühl.
Psychologisch betrachtet handelt es sich beim Cringe-Empfinden um eine unwillkürliche, oft somatische Reaktion auf die wahrgenommenen sozialen Fehltritte anderer. Grundlage hierfür ist die „Theory of Mind“, also die menschliche Fähigkeit, sich in die mentalen Zustände, Absichten und Emotionen von Mitmenschen hineinzuversetzen. Cringe tritt dabei in zwei Hauptszenarien auf: Entweder teilt der Beobachter die Scham einer Person, die sich ihres Fauxpas bewusst ist, oder er projiziert das Gefühl der Peinlichkeit auf eine Person, die ihren Regelverstoß gar nicht bemerkt. Letzteres ist besonders charakteristisch für das Jugendwort-Verständnis, etwa wenn das Verhalten von Eltern als „uncool“ oder deplatziert wahrgenommen wird.
Die Intensität dieses Gefühls ist eng an den Grad der sozialen Verbundenheit gekoppelt, was als „Kontaktschuld-Effekt“ bezeichnet wird, d. h., je näher den Betroffenen eine Person steht, desto stärker empfinden sie deren Fehltritt als Bedrohung für ihr eigenes soziales Ansehen, da sie eine negative Abfärbung auf das Selbstbild befürchten. Neurowissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass dieses soziale Mitleiden physisch messbar ist, denn beim Betrachten peinlicher Situationen nahestehender Personen werden Gehirnareale aktiviert, die primär für die Verarbeitung von körperlichem Schmerz zuständig sind. Cringe tut also im wahrsten Sinne des Wortes weh. Dennoch ist das Empfinden von Fremdscham ein Zeichen hoher emotionaler Kompetenz und Empathiefähigkeit. Es signalisiert eine Sensibilität für soziale Normen und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Studien legen zudem nahe, dass Menschen, die zu Peinlichkeit und Scham neigen, von ihrer Umwelt oft als vertrauenswürdiger, großzügiger und sympathischer wahrgenommen werden, da ihr Verhalten ein starkes Interesse an der Einhaltung gesellschaftlicher Spielregeln widerspiegelt.
Ein wichtiger Aspekt in der Differenzialpsychologie ist die Abgrenzung zur Schadenfreude, denn während Schadenfreude eine diskordante, belohnungsbasierte Reaktion auf das Missgeschick anderer darstellt („Lachen über jemanden“), basiert Cringe auf einer empathischen Resonanz („Mitleiden mit jemandem“). Beide Emotionen nutzen zwar teilweise identische neuronale Netzwerke, unterscheiden sich jedoch grundlegend in ihrer motivationalen Ausrichtung.
In der Popkultur hat sich dieses Spannungsfeld im Genre der „Cringe-Comedy“ manifestiert. Hier wird das Unbehagen der Zuschauer gezielt provoziert, wobei die sichere Distanz zum Geschehen es ermöglicht, das unangenehme Schaudern in eine Form von Unterhaltung zu transformieren. Dabei spielt oft der „Spotlight-Effekt“ eine Rolle, also die menschliche Tendenz, die Aufmerksamkeit anderer auf die eigene Person zu überschätzen. Letztlich fungiert Cringe als soziales Korrektiv, das durch die Antizipation von Peinlichkeit das eigene Verhalten innerhalb gesellschaftlicher Normen hält und gleichzeitig die tiefe Verbundenheit des Individuums mit seiner sozialen Umwelt demonstriert.
Literatur
Eichelkraut, T. (2024). „Cringe“: Warum wir Fremdscham empfinden. AOK-Magazin.
Krach, S., Cohrs, J. C., de Achaval, D., & Kircher, T. (2011). Contextualizing embarrassment: Vicarious embarrassment as a function of Social Distance. PLoS ONE, 6(6), doi:10.1371/journal.pone.0021459
Müller-Pinzler, L., Rademacher, L., Enzi, B., Pohl, A., & Krach, S. (2017). Laugh or cringe? Common and distinct processes of reward-based schadenfreude and empathy-based fremdscham. Neuropsychologia, 103, 123–132.
Paulus, F. M., Müller-Pinzler, L., Westermann, S., & Krach, S. (2013). Right insula signals substitute for vicarious embarrassment in response to unjustified confidence. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 8(3), 273–277.