Sinnpsychologie

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Unter der Sinnpsychologie versteht man ein psychologisches Fachgebiet, das sich mit der Entstehung, der Struktur und der Wirkung von Sinnhaftigkeit im menschlichen Erleben und Verhalten befasst. Sie unterscheidet sich von rein kognitiven oder behavioristischen Ansätzen dadurch, dass sie den Menschen als ein Wesen begreift, dessen primäre Motivation nicht allein im Lustgewinn oder in der Triebbefriedigung liegt, sondern in der Suche nach einem Lebenssinn.

Historisch ist die Sinnpsychologie untrennbar mit der Logotherapie und Existenzanalyse von Viktor E. Frankl verbunden, der den „Willen zum Sinn“ als menschliches Urbedürfnis definierte. In der modernen, empirisch orientierten Psychologie wurde dieses Konzept weiterentwickelt und in die Resilienz- und Wohlbefindensforschung integriert. Dabei wird Sinn heute oft als ein mehrdimensionales Konstrukt verstanden, das aus den Komponenten Kohärenz (die Welt als verstehbar erleben), Bedeutsamkeit (das Gefühl, dass das eigene Handeln einen Wert hat) und Orientierung (das Verfolgen von Zielen) besteht. Ein zentrales Element der Sinnpsychologie ist die Erkenntnis, dass Sinn nicht „gegeben“ ist, sondern aktiv konstruiert werden muss. Ein klassisches Beispiel hierfür ist die Bewältigung von Krisen: Ein Mensch, der einen schweren Schicksalsschlag erleidet, betreibt Sinnpsychologie im praktischen Sinne, indem er das Leid in seine Lebensbiografie integriert und daraus eine neue Aufgabe oder Erkenntnis ableitet (Self-Transcendence). Auch im Arbeitskontext spielt das Feld eine enorme Rolle, etwa wenn Angestellte ihre Tätigkeit nicht nur als Broterwerb, sondern als Beitrag zu einem größeren Ganzen sehen, was Burnout vorbeugen und die Motivation steigern kann.

Fehlender Sinn wird hingegen als „existentielles Vakuum“ bezeichnet, welches sich oft in Langeweile, Apathie oder psychischen Störungen äußert. Die aktuelle Forschung, etwa durch Tatjana Schnell, differenziert zudem verschiedene Sinnquellen wie Selbsterkenntnis, Wirken, Ordnung oder Religiosität, die je nach Persönlichkeit unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Sinnpsychologie die Brücke zwischen Philosophie und empirischer Wissenschaft schlägt, um zu erklären, wie Menschen ihrem Leben Tiefe und Richtung verleihen.

Der Sinntypen-Test

Im Jahr 2009 veröffentlichte Tatjana Schnell einen Fragebogen, mit dem sie den Sinntyp der Befragten ermittelt und herausfand, aus welchen Quellen die Menschen ihren Sinn schöpfen. Dieser Fragebogen, bekannt als LeBe (Fragebogen zu Lebensbedeutungen und Lebenssinn), misst die Ausprägungen persönlicher Sinnerfüllung und Sinnkrisen sowie das Ausmaß der Verwirklichung von 26 Lebensbedeutungen beziehungsweise der fünf Sinndimensionen. Das jeweilige Profil erlaubt Schlüsse darauf, ob eine Sinnkrise besteht, ob eine Person ihr Leben als sinnerfüllt wahrnimmt und welche Lebensbedeutungen in welchem Ausmaß dazu beitragen. Jahre später fand Schnell heraus, dass es auch kürzer geht, indem sich die Sinntypen mithilfe von nur acht Fragen ermitteln lassen, wobei sich das Ergebnis mit dem des längeren Fragebogens deckt. Das Herzstück des Tests ist die Unterscheidung von Sinntypen, die beschreiben, wie Menschen Sinn in ihrer gegenwärtigen Lebenssituation erleben. Es gibt Menschen, die keinen Sinn in ihrem Leben sehen und darunter leiden – sie befinden sich in einer schmerzhaften Sinnkrise. Andere stecken in einem Konflikt: Sie erkennen zwar einen Sinn in ihrem Leben, aber nicht sehr ausgeprägt; ihnen fehlt etwas. Das ist ein seltener Typ, auf dem schmalen Grat zwischen Erfüllung und Krise. Wiederum anderen ist die Sinnfrage egal – das sind die Indifferenten, die keinen Sinn sehen, dies aber auch nicht besonders stört. Jedenfalls solange nichts sie ins Wanken bringt: Krankheit, Verlust von Angehörigen und andere Ausnahmesituationen können sie früher oder später allerdings derart erschüttern, dass einige in die Sinnkrise rutschen. Unter Sinnerfüllung versteht Schnell ein grundlegendes Vertrauen in die Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens. Solange dieses Vertrauen vorhanden ist, spüren wir auch nichts von der Sinnerfüllung – ebenso wenig, wie wir bewusst wahrnehmen, dass der Boden, auf dem wir stehen, uns trägt. Sinnerfüllung zeigt sich nach Schnell in vier konkreten Merkmalen: Bedeutsamkeit (ich werde wahrgenommen, erfahre Resonanz auf mein Dasein), Orientierung (ich habe einen Lebensweg gewählt und kenne die Richtung), Kohärenz und Zugehörigkeit. Neben dem Sinntyp interessiert sich Schnells Forschung auch dafür, woraus Menschen ihren Sinn schöpfen. In ihrer Forschung hat sie 26 Quellen definiert, aus denen Menschen Sinn gewinnen – darunter soziales Engagement, Leistung, Spiritualität, Tradition und Liebe. Besonders wirkungsvoll ist dabei die sogenannte Generativität: Besonders hohe Sinnwerte haben Menschen, die Aussagen tätigen wie „Mir liegt etwas daran, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen“ oder „Ich möchte dazu beitragen, dass auch die Generationen nach uns noch ein gutes Leben haben.“

Literatur

Frankl, V. E. (2004). …trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager (28. Aufl.). Kösel.
Martela, F., & Steger, M. F. (2016). The three meanings of meaning in life: Distinguishing coherence, purpose, and significance. The Journal of Positive Psychology, 11(5), 531–545.
Schnell, T., & Becker, P. (2009). Fragebogen zu Lebensbedeutungen und Lebenssinn (LeBe). Göttingen, Germany: Hogrefe.
Schnell, T. (2016). Psychologie des Lebenssinns. Heidelberg, Germany: Springer.
Stangl, W. (2016, 5. März). Der Sinntypen-Test – Bedeutung, Aufbau und Hintergrund . arbeitsblätter news.
https:// arbeitsblaetter-news.stangl-taller.at/der-sinntypen-test-bedeutung-aufbau-und-hintergrund/
Wong, P. T. P. (Ed.). (2012). The human quest for meaning: Theories, research, and applications. Routledge.


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