Der Begriff âKleine-Weltâ PhĂ€nomen (small world phenomenon, manchmal auch small world paradigm, small-world experiment oder Six Degrees of Separation) stammt aus der Sozialforschung und bezeichnet den hohen Grad abkĂŒrzender Wege durch persönliche Beziehungen in der sozialen Vernetzung. Demnach ist jeder sozialer Akteur auf der Welt mit jedem anderen ĂŒber eine ĂŒberraschend kurze Kette von Bekanntschaftsbeziehungen verbunden ist, obwohl die Dichte des sozialen Netzwerks aller Akteure im VerhĂ€ltnis der realen zu den rechnerisch möglichen Kontakten der Kontaktpersonen eines jedweden Akteurs extrem gering ist. Das nicht unumstrittene PhĂ€nomen ist auch auf andere Netzwerke ĂŒbertragbar, wie die mathematisierte Netzwerkforschung zu zeigen versuchte. Das Grundprinzip ist, dass einzelne Objekte, z. B. Personen, als Knoten reprĂ€sentiert sind, zwischen denen eine Kante und damit eine bestimmte Beziehung wie etwa Bekanntschaft besteht.
Das erste Kleine-Welt-Experiment wurde im Jahre 1967 von Stanley Milgram durchgefĂŒhrt. Auf dieser Grundlage entstand ĂŒbrigens die bekannte Kalkulation, dass jede Person ĂŒber sechs weitere Personen mit jedem Menschen auf der Welt in Kontakt treten kann. Allerdings sind diese Verallgemeinungen umstritten. Allerdings haben neuere Untersuchungen ĂŒber das Internet mit einer Analyse von 240 Millionen Instant-Messenger-Accounts im Juni 2006 ergeben, dass die Kette, die zwei Menschen verbindet, durchschnittlich 6,6 Personen lang ist. In EinzelfĂ€llen kann der Weg von einer Person zu nĂ€chsten aber auch deutlich lĂ€nger sein, doch fast die HĂ€lte aller EmpfĂ€nger konnte ĂŒber sechs Stationen erreicht werden, ĂŒber sieben Personen sind es hingegen schon 78 Prozent der Instant-Messenger-Nutzer. Neben den normalen Kontaktpersonen, die jede bzw. jeder kennt, gibt es auch die Superspreader, die Informationen besonders schnell verbreiten, da sie mit sehr vielen Menschen in Kontakt stehen. Diese Superspreader machen es ĂŒberhaupt erst möglich, ĂŒber sechs bis sieben Kontakte alle möglichen Menschen zu erreichen.
Grundprinzip: Viele Menschen haben ein soziales Netzwerk von Familienmitgliedern und Freunden und bilden so ein enges, meist lokal beschrĂ€nktes Cluster oder eine Clique. ZusĂ€tzlich unterhĂ€lt jeder Mensch aber auch Beziehungen mit weit entfernt lebenden Bekannten und ist daher sozusagen nur âeinen Handschlagâ von deren sozialer Clique entfernt. Nach diesem Prinzip funktioniert nach neuesten Forschungen auch das menschliche Gehirn im Wachzustand, wĂ€hrend im Schlaf auch entfernte Gehirnregionen in Kommunikation treten.
Guzman et al. (2016) haben ĂŒbrigens ein Areal im Hippocampus untersucht, das fĂŒr das Lernen und Erinnern wichtig ist, und fanden heraus, dass dort die Inhalte nicht als ganzes Bild abgespeichert werden, sondern in vielen Einzelteilen. Zum Abrufen mĂŒssen dabei jeweils nur einige wenige Nervenzellen stimuliert werden, wodurch die offensichtlich guten Verbindungen mit anderen Zellen das Muster vervollstĂ€ndigt wird und die ganze Erinnerung zurĂŒckkommt. Auch entdeckte man dabei, dass diese Gehirnzellen nur zu einem Bruchteil (etwa ein Prozent) miteinander vernetzt sind. Die Forscher sehen darin ein Verwandtschaft zum Kleine-Welt-PhĂ€nomen Stanley Milgrams, der postulierte, dass jeder Mensch jeden anderen auf der Welt ĂŒber sechs Ecken kennt. Offensichtlich sind genau nach diesem Muster auch die Nervenzellen in jenem Hippocampus-Areal vernetzt, wobei mehr direkte Verbindungen auf dem begrenzten Platz wohl gar nicht möglich wĂ€ren, doch auf diese Weise sind die Lernzellen sehr effizient miteinander verbunden.
Eine Silvesternacht vor vielen Jahren, in der ich mit meiner Begleiterin nach Mitternacht in einem Lokal gelandet war: Dort trafen wir auf die Besitzerin des Lokals, die ich zumindest vom Sehen kannte. Beim AnstoĂen stellte sich heraus, das meine Begleiterin in der Kindheit im selben Dorf gelebt hatte wie die Lokalbetreiberin, wobei sich noch ergĂ€nzend ergab, dass entferntere Mitglieder der Familie sogar einmal miteinander liiert waren. Ich war dann den Rest der Nacht eher ĂŒberflĂŒssig
W. S.
Literatur
Guzman, Segundo Jose, Schlögl, Alois, Frotscher, Michael & Jonas, Peter (). Synaptic mechanisms of pattern completion in the hippocampal CA3 network. Science, 353, 1117-1123.
Spoormaker, Victor I., Schröter, Manuel S., Gleiser, Pablo M., Andrade, Katia C., Dresler, Martin, Wehrle, Renate, SÀmann, Philipp G. & Czisch, Michael (2010). Development of a Large-Scale Functional Brain Network during Human Non-Rapid Eye Movement Sleep. The Journal of Neuroscience, 30, 11379-11387.
https://de.wikipedia.org/wiki/Kleine-Welt-Ph%C3%A4nomen (16-02-02)
http://www.mpipsykl.mpg.de/institute/news/press/pr1010.html (19-09-01)
Dieses Wissen um das Kleine-Welt-PhĂ€nomen ist nicht nur faszinierend, sondern kann auch praktisch und hilfreich sein, etwa fĂŒr das Berufsleben, in dem es wichtig ist, ein gutes soziales Netzwerk zu besitzen. Ein soches Netzwerk kann z. B. helfen, wenn man auf Praktikums- oder Berufssuche ist, bei der Wohnungssuche braucht oder Ansprechpartner fĂŒr ein bestimmtes Thema sucht. Dabei muss man nicht einmal aufwendig Networking betreiben, um viele Menschen zu kennen, sondern wenn man sich nur intensiv genug umschaut, kennt man oft ĂŒber ein oder zwei Ecken verschieden Menschen.
Jeder kennt diese verrĂŒckten Situationen, wenn man irgendwo unerwartet Menschen trifft, die absurderweise Menschen kennen, die man selbst kennt. TatsĂ€chlich hat es dieses PhĂ€nomen bis in die Wissenschaft geschafft und wurde dort untersucht.Jeder Mensch hat ein soziales Netzwerk bestehend aus Familie, Freunden und Bekannten, die jeweils selber ein eigenes soziales Netzwerk haben, das sich teilweise ĂŒberschneidet, vor allem wenn diese in lokaler Umgebung wohnen. Teilweise leben Menschen aus dem eigenen Netzwerk aber weiter entfernt und haben ein soziales Netzwerk bestehend aus ganz anderen Personen, doch auch das soziale Netzwerk der anderen ist nur einen Klick entfernt, gleichgĂŒltig ob in unmittelbarer NĂ€he oder weiter entfernt, wodurch die Kontaktketten auch mit Menschen auĂerhalb der eigenen Umgebung entstehen.
Durch die sozialen Medien können sich jetzt Menschen besser untereinander vernetzen, wodurch die Welt quasi immer kleiner wird. Das hat ein Experiment von den Machern von Facebook aus dem Jahre 2016 bewiesen. Laut diesem Experiment ist jeder Mensch mit jedem anderen also nicht nur ĂŒber sechs Ecken bekannt, sondern sogar nur ĂŒber vier. Das zeigt eindeutig, welchen Einfluss Social Media auf Kontakte haben kann. Die Welt scheint also wirklich immer enger zusammenzurĂŒcken.