Ein Theoretiker ist ein Mensch,
der praktisch nur denkt.
Werner Mitch

Die Wissenschaftstheorie ist ein Teilgebiet der Philosophie, das sich mit den Voraussetzungen, Methoden und Zielen von Wissenschaft und ihrer Form der Erkenntnisgewinnung beschäftigt. In der Wissenschaftstheorie geht es ähnlich wie in der Philosophie um zahlreiche Grundfragen des menschlichen Seins und auf Grundannahmen, auf denen eine Wissenschaft erst betrieben werden kann.
Wissenschaftstheorie ist im Grunde nichts anderes als Erkenntnistheorie, allerdings ganz speziell bezogen auf den Prozess wissenschaftlicher Erkenntnis. WissenschaftstheoretikerInnen stellen sich Fragen nach der Sicherheit von wissenschaftlichen Theorien, wie diese am besten gefunden und wie überprüft werden können. Vor allem in der neueren Wissenschaftstheorie stellt man auch Fragen nach dem Einfluss von sozialen Bedingungen des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses oder nach der Verantwortung von Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Wissenschaftstheorie weist zahlreiche Überschneidungen zu anderen Disziplinen auf, etwa zur Soziologie, zur Psychologie, zur Ethik oder auch zu den Informationswissenschaften.
Eine Ausführliche Auseinandersetzung mit der Wissenschaftstheorie der Psychologie findet sich in dem Buch von*Werner Stangl: Das neue Paradigma der Psychologie. Braunschweig: Friedr. Vieweg & Sohn 1989. ISBN: 3-528-06342-4.
Das heute vergriffene Buch aus der Reihe „Wissenschaftstheorie – Wissenschaft und Philosophie“ des Vieweg-Verlages wird auf der Homepage im Volltext angeboten. Die meisten Kapitel liegen im pdf-Format vor, einige zentrale Abschnitte auch in webgerechtem html.
Wie kommt die Wissenschaft zu Wissen?
Der Anfang jeder wissenschaftlichen Erkenntnis gleicht oft einer kriminalistischen Ermittlung, d. h., er beginnt im Zustand des Nichtwissens, getrieben von einem ersten Verdacht oder einem unerkärten Phänomen. In der universitären Realität werden radikal neue Entdeckungen vom etablierten Mainstream allerdings oft skeptisch bekämpft oder wegerklärt. Wie der Geschichtsphilosoph Georges Bataille aufzeigte, konstruiert sich jede bestehende Ordnung – auch die der Wissenschaft – dadurch, dass sie das Unpassende und Störende ausschließt. Wer also wirklich Neues entdecken will, darf keine Angst vor Fehlern oder Ausgrenzung haben, d. h., es erfordert neben Intellekt vor allem Zivilcourage, den Blick bewusst auf diesen vermeintlichen „Abfall“ und die Störfaktoren zu richten.
Um diesen Weg vom Nichtwissen zum Wissen systematisch und unvoreingenommen zu beschreiten, lässt sich der Erkenntnisprozess in Phasen unterteilen. Er beginnt beim ersten Verdacht, führt über die gezielte Beobachtung zur kreativen Hypothesenbildung, der Abduktion, gefolgt von einer Plausibilitätsprüfung, bis schließlich die Bestätigung oder Widerlegung einer Theorie am Ende steht. Das reine Beobachten fällt uns Menschen jedoch schwer, da wir dazu neigen, vorschnell umfassende Theorien aufzustellen und Details im Nachhinein passend zu interpretieren.
Um diese Falle zu umgehen, hilft ein System aus fünf hermeneutischen Regeln des systematischen Beobachtens:
- Zuerst gilt es, nach bestehenden Modellen, Standards oder ähnlichen Fällen zu suchen. Da unsere Wahrnehmung kein passiver Abdruck der Realität ist, sondern durch mentale Schemata gesteuert wird, schärft der Vergleich mit bekannten Modellen den Blick für Details – und erst durch die Differenz zum Bekannten wird das Neue überhaupt sichtbar.
- Im zweiten Schritt isoliert man die kleinsten Einheiten des Objekts, die Zeichen. Jedes Zeichen, sei es ein medizinisches Symptom oder ein kriminalistisches Indiz, muss getrennt nach seiner äußeren Form und seinem inhaltlichen Sinn im jeweiligen Kontext beschrieben werden.
- Danach wird das Objekt anhand der Modelle in seine funktionalen Strukturelemente zerlegt, um sicherzustellen, dass das Gesamtbild vollständig erfasst wird.
- Erst auf dieser Basis folgt die gezielte Suche nach Ungereimtheiten und Widersprüchen. Diese Anomalien verraten oft, ob eine Spur bloß zufällig ist oder – wie bei künstlich gelegten Fährten oder psychologischen Fehlleistungen – eine tiefere, determinierte Bedeutung hat.
- Abgerundet wird die Beobachtung durch die Suche nach gezielt fehlenden Zeichen, denn auch das Fehlen eines erwarteten Elements ist eine wichtige Information.
Aus diesen unvoreingenommen gesammelten Daten entstehen schließlich durch Abduktion neue Hypothesen. Dieser Prozess ist kreativ und nicht mechanisch planbar. Steht man vor dem absoluten Nichts, hilft der Ansatz von Karl Popper, mit vereinfachten oder gar untauglichen Ideen zu beginnen und diese durch fortlaufende Kritik schrittweise zu verbessern. Ein Hindernis auf diesem Weg können unbewusste persönliche Ängste und Widerstände des Forschers sein, die die Wahrnehmung verzerren und reflektiert werden müssen. Da zu Beginn einer Forschung oder in Disziplinen wie der Kriminalistik direkte Beweise oft fehlen, muss abschließend eine Plausibilitätsprüfung durchgeführt werden. Indem man eine Arbeitshypothese ihrer Antithese gegenüberstellt und alle Indizien systematisch in „dafür“, „neutral“ und „dagegen“ sortiert, verdichtet man die Informationen. Dies ermöglicht am Ende eine ökonomische und wissenschaftlich verantwortbare Entscheidung darüber, welche Spur man weiterverfolgen will.
Literatur
Bataille, G. (1978). Die psychologische Struktur des Faschismus. Die Souveränität. München: Matthes & Seitz.
Haas, H. (2005). Vom Nichtwissen zum Wissen. Ungewusst, 12, 64–85.