selbstbestimmtes Lernen

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Als selbstbestimmtes Lernen bezeichnet man in der Pädagogik folgende vom Lernenden selbst festzulegende Bereiche:

  • Aufgaben und Lernschritte,
  • Regeln der Aufgabenbearbeitung,
  • Lernmittel, -methoden und -werkzeuge,
  • Zeitaufwand und Wiederholungen,
  • Form der Rückmeldung und der sozialen Unterstützung.

Diese Selbstbestimmung hat in jedem der Punkte ihre Grenzen, kann jedoch als Idealziel eines zur Mündigkeit führenden Lernprozesses formuliert werden.

Der Bildungsforscher John Hattie warnt jedoch vor einer überzogenen Individualisierung des Lernens. Konzepte wie „individualisiertes“, „personalisiertes“ oder „selbstgesteuertes Lernen“ seien zwar populär, führten jedoch nicht automatisch zu besseren Lernergebnissen. Studien zeigen laut Hattie nur geringe Effektstärken – weit unter dem Wert, der auf eine nachweisbare Wirksamkeit hinweist. Das Problem liege weniger in der Idee, sondern in ihrer Umsetzung: Allzu oft bedeute Individualisierung, dass Kinder isoliert und ohne ausreichend Anleitung arbeiten. Dabei sei gemeinsames Lernen – das Lernen mit und voneinander – der zentrale Motor schulischer Entwicklung. Hattie betont, dass gute Differenzierung nicht heißt, jedem Kind eigene Aufgaben zu geben, sondern Lernprozesse so zu gestalten, dass alle Lernenden anspruchsvolle Ziele erreichen können – wenn auch in unterschiedlichem Tempo. Niedrige Erwartungen und eine zu starke Betonung der Eigensteuerung führten hingegen häufig dazu, dass Schüler in ihrer Komfortzone blieben und ihr Potenzial nicht ausschöpften. Auch das Ideal der Bildungsgerechtigkeit werde oft missverstanden. Nicht jedes Kind brauche einen eigenen Lernpfad, sondern die Chance auf gleichen Fortschritt und Zugang zu herausforderndem Unterricht. Individualisierte Ansätze könnten soziale Unterschiede sogar verschärfen, wenn sie dazu führen, dass bildungsferne Kinder allein und ohne anspruchsvolle Lernimpulse arbeiten. Als Alternative schlägt Hattie ein „maßgeschneidertes Lernen“ vor – eine Form des Unterrichts, die auf professioneller Diagnostik, gezieltem Feedback und gemeinschaftlichem Lernen basiert. Lehrkräfte sollen Lernstände analysieren, Aufgaben anpassen und Lernprozesse so steuern, dass sie gleichzeitig fordern und fördern. Entscheidend sei nicht die Eigenregie der Lernenden, sondern die pädagogische Expertise der Lehrkraft. Nur wenn Lehrpersonen klare Ziele setzen, verständliches Feedback geben und Lernende gezielt herausfordern, könne echtes, wirksames Lernen entstehen.

Literatur

Stangl, W. (2025, 28. Oktober). Die Grenzen der Lernindividualisierung. Neuigkeiten aus der wissenschaftlichen Pädagogik.
https:// paedagogik-news.stangl.eu/die-grenzen-der-lernindividualisierung.


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