Graphologie – Schriftpsychologie

Die Grafologie bzw. Graphologie ist die Lehre, von der Handschrift auf die Persönlichkeit eines Menschen zu schließen und wird bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts betrieben, vorwiegend in Ländern wie Frankreich, Deutschland oder Italien. Um diese Zeit kam vor allem durch Ludwig Klages die Charakterologie in Mode, die sich auch mit Graphologie neben dem menschlichen Gesicht und dem sprachlichen Ausdruck beschäftigte. Die Graphologie wird oft auch Schriftpsychologie genannt, ist jedoch nicht  gleichbedeutend mit dieser, denn diese beschäftigt sich mit der Analyse der Handschrift von Individuen zum Zweck der psychologischen Diagnostik und Beratung. Dazu werden Schriftproben verwendet, die das „normale“ Schriftbild des Probanden wiedergeben (z. B. Briefe, Notizen, Aufzeichnungen, Abschriften), keine Kalligraphien oder verstellte Schriften (z. B. Anonymschreiben).

Die Sinhaftigkeit der Graphologie ist seit langer Zeit umstritten, da Metaanalysen in den meisten wissenschaftlichen Studien keinen Beweis für die behaupteten Zusammenhänge zwischen Handschrift und Persönlichkeitsmerkmalen zeigen. In mehr als zweihundert Studien zeigte sich zwar hin und wieder die eine oder andere signifikante Korrelation zwischen Handschrift und Persönlichkeitsmerkmalen, allerdings fallen die Zusammenhänge sehr gering aus und sind angesichts der überwältigenden Menge gegenteiliger Befunde ohne wirklichen Aussagewert. Hinzu kommt, dass bevorzugt dann signifikante Zusammenhänge gefunden werden, wenn die Graphologen handschriftliche Lebensläufe deuten. Die Validität sinkt allerdings auf einen sehr kleinen Wert, wenn man den Graphologen ein handschriftliches Dokument ohne biografischen Inhalt vorlegt. Die Graphologie ist wohl neben der Astrologie die wahrscheinlich am besten widerlegte Pseudowissenschaft.

Allerdings: Auch heute noch rekrutieren noch manche große Unternehmen ihre wichtigsten Mitarbeiter mit Hilfe von Handschriftanalysen, auch wenn die Graphologie bei der ­jüngeren Generation von Personal­managern und Berufsberatern deutlich weniger gefragt ist als noch vor zwanzig Jahren. Durch den Bedeutungs­verlust der Handschrift ergibt sich für die Graphologie darüber hinaus das Problem, dass es kaum noch entwickelte Handschriften gibt, sondern das das Schreiben mit der Hand meist nur für spontane ­Notizen genutzt wird, auch wenn diese Schriftform einen ­höheren Ausdrucksgehalt als etwa eine ordentliche oder ­schön ­wirkende Schrift aufweist. Die neuere Graphologie versteht sich daher eher als Schriftpsychologie und orientiert sich an erfahrungswissenschaftlichen Prinzipien, denn sie untersucht Handschriften auf Größe, Weite, Regelmässigkeit, Druck, Rhythmus und Schriftrichtung, wobei aber bei der Interpretation noch immer Erfahrung und Intuition gefordert werden, was aber den allgemein akzeptierten psychologischen Teststandards widerspricht, die rationales, streng analytisches und standardisiertes Auswerten verlangt. Es gibt aber nach wie vor Bemühungen, die Grapho­logie zu standardisieren und rationalisieren, denn so wurden Computerprogramme entwickelt, um die Analyse einer Schrift zu quantifizieren, etwa in Bezug auf Größe oder Richtung, allerdings sind fast alle Handschriftmerkmale meist mehrdeutig. Die Graphologie wird heute eher zur Kontrolle und als ein Testinstrument unter anderen verwendet, denn kommen die verwendeten Tests zum gleichen Schluss, verringert sich etwa im Personalbereich das Risiko einer Fehl­besetzung. Übrigens ist das Verfahren in einigen Ländern wie Frankreich, wo die moderne Graphologie  begründet wurde, anerkannter als etwa in Deutschland, was vermutlich damit zusammenhängt, dass im Dritten Reich militärische Führungskräfte mit Hilfe von Graphologen rekrutiert wurden.

Bei der Analyse einer Schrift orientier man sich bei den Analysen an Ganzheitsmerkmalen und Einzelmerkmalen. Ein Ganzheitsmerkmal ist etwa das Verhältnis von Bewegung und Form, ob in einer Schrift nur die Form oder nur die Bewegung dominiert. Dann der Grad der Formfestigkeit, also wie steif oder wie locker der Strich ist. Wichtig ist auch der Rhythmus, also ob eine Schrift rhythmisch ist oder nicht, ob sie dahinfließt oder sich nach rechts und links neigt. Interessant ist auch der Eigenheitsgrad, also wie stark die Schrift von der Schulvorlage abweicht, also der Schritt die man in der Schule gelernt hat und wie viel Individualität jemand danach in die Schrift gebracht hat. Ein weiteres Ganzheitsmerkmal ist die Einheitlichkeit, ob sie stark gestört ist oder ob sie eher regelmäßig beziehungsweise einheitlich wirkt. Bei den Einzelmerkmalen geht es darum, ob die Schrift langsam oder schnell ist, ob sie unterbrochen oder verbunden ist. Wenn sie unterbrochen ist, dann ist derjenige mehr auf Einzelobjekte konzentriert, eine verbundene Schrift geht mehr in die Richtung Zusammenschau. Vor allem hängt es auch davon ab, ob die Schrift originell oder schulmäßig verbunden ist, denn wenn es originell verbunden ist, dann zeigt das einen eher intelligenten Menschen, der auch synthetisch Dinge zusammensehen kann. Außerdem macht es einen Unterschied, ob die Schrift klein oder groß ist, denn bei kleiner Schrift hat derjenige eher einen geringen persönlichen Expansionstraum, zeigt manchmal die Liebe zum Begrenzten, zur Bescheidenheit und zur Einordnungsbereitschaft. Wenn jemand groß schreibt, will er überzeugen, sich selbst verwirklichen und darstellen. Bei der Handschrift kann man auch analysieren, ob eine Schrift vereinfacht oder bereichert ist, ob sie druckstark oder druckschwach ist, ob sie regelmäßig oder unregelmäßig ist, ob sie scharf oder teigig ist. Eine Schrift ist etwa scharf, wenn sie mit einer spitzen Feder geschrieben wird, wobei eine scharfe Schrift in Richtung Wachheit, Sensibilität, Klarheit, Haltung, Bewusstheit und Bestimmtheit geht. Der Gegensatz dazu ist eine breite Feder. Eine Schrift ist zum Beispiel teigig, wenn bei einem kleinen ‘e’ die Tinte zusammenfließt, also ein wenig verschmiert. Die Druckschrift macht Grafologen übrigens große Schwierigkeiten, denn wenn jemand noch keine individuelle Handschrift entwickelt hat, dann kann man daraus keine Individualität entnehmen. Nachdem man die Schrift einigermaßen gemeistert und in der Schule gelernt hat, beginnt man, sie ein wenig abzuwandeln, und zwar so, wie sie einem am besten gefällt. Später, wenn jemand schon über zwanzig ist und vielleicht studiert und etwa in den Vorlesungen sehr viel schreibt, denkt er oder sie nicht mehr darüber nach, dass er schreibt, sondern schreibt einfach. Dann fängt es an, dass sich die Persönlichkeit in der Schrift unbewusst ausdrückt. Grafologie kann man einsetzen, wenn man sich einen Ehepartner sucht, oder wenn jemand eine Wohnung oder ein Haus vermietet, denn man kann an der Schrift des potentiellen Mieters sehen, ob er zuverlässig ist. Eine Unterschrift eines Menschen ist übrigens nur teilweise aussagefähig, denn sie zeigt in der Regel nur, wie sich jemand nach außen darstellt, d. h., wie er sein möchte. Die normale Schrift zeigt währenddessen, wie jemand wirklich ist, und da kann es sehr große Abweichungen geben, sodass die Unterschrift nicht der üblichen Person entspricht. Ein Grafologe braucht zur Untersuchung also immer eine normale Handschriftprobe.

Anmerkung: Die Handschrift ist eine komplexe motorische Aufgabe, denn bei der Schreibschrift bewegt die Hand den Stift auf und ab und gleichzeitig von links nach rechts, wobei diese Auslenkungen fein moduliert werden müssen, d. h., das Gehirn ist dabei stärker gefordert, als wenn der Stift immer neu angesetzt und der Buchstabe aus einzelnen Strichen zusammengesetzt wird, wie es bei der einfachen Grundschrift der Fall ist. Das Erlernen der Schreibschrift ist daher eine gute Übung für das Gehirn und ein Leben lang von Vorteil. In einer amerikanischen Untersuchung ließ man Kinder, die noch nicht schreiben und lesen gelernt hatten, Buchstaben auf drei Arten reproduzieren: das Bild auf Papier anhand einer gepunkteten Linie nachzeichnen, es auf einem weißen Blatt freihändig zeichnen oder auf einem Computer tippen. Kinder, die die Vorlagen frei nachzeichneten, zeigten messbare Hirnaktivitäten in drei Bereichen, die auch bei Erwachsenen aktiv sind, wenn sie lesen und schreiben, und zwar in der linken Spindelwindung, der unteren Stirnwindung und dem posterioren parietalen Cortex. Bei Kindern, die nur Punkte verbanden oder die Buchstaben tippten, war kein vergleichbarer Effekt erkennbar. vor allem die Unordnung der mit der Hand geschriebenen Buchstaben vergrößert den Lerneffekt, denn jedes handschriftliche A sieht ein wenig anders aus, sodass es einen großen Lerneffekt hat, wenn Kinder in diesen Variationen immer dasselbe Buchstabensymbol erkennen, was bekanntlich im Alltag notwendig ist. Studien belegen außerdem, dass beim Schreiben mit der Hand das Gehirn ganzheitlich aktiviert wird, während das Schreiben auf einer Tastatur keine oder nur wenige Spuren im Ablaufgedächtnis bzw. dem motorischen Gedächtnis hinterlässt. Kinder, die mit der Hand schreiben, können auch ihren Unterrichtsstoff viel besser erlernen und verstehen, denn ihr Gehirn wird insgesamt stärker stimuliert. Das wirkt sich später auch dann besonders fatal aus, wenn in der Schule gefordert wird, Arbeiten einmal mit der Hand zu schreiben (Stangl, 2017).

Zahlreiche Experten fordern daher, wieder stärker die Handschrift und sogar das Schönschreiben zu fördern, wobei es um mehr geht, als dass Kinder eine funktionale und eine für sie gut nutzbare Handschrift erwerben. Im Gegensatz zum Schreiben mit einer Tastatur geht es nämlich darum, Buchstaben auch aus der Bewegung heraus zu erkennen, denn ein „K“ fühlt sich anders an als ein „S“, wenn man es mit der Hand schreibt. Nur auf diese Weise kann das Gehirn verarbeiten, was die Hand macht, denn ohne Handschrift verliert man eine Sinnesebene und das erschwert das tatsächliche Verstehen. Dabei ist es gar nicht so wesentlich, welche Ausgangsschrift verwendet wird, d. h., es muss nicht unbedingt eine verbundene Schreibschrift erlernt werden. Immerhin wird etwa auch durch die Verwendung von Tablets schon die Möglichkeit geboten, das mit einem Stift Geschriebene in Digitalschrift umzuwandeln. Beim Schreibenlernen mit der Hand geht es jedoch auch darum Bewegungsroutinen zu entwickeln, die dann im Gehirn abgespeichert werden. Je rauer der Schreibuntergrund, umso stärker der Widerstand, sodass es für Kinder ein viel intensiveres Erlebnis ist, mit einem Bleistift auf rauem Papier zu schreiben als mit einem Kugelschreiber auf einem glatten Papier oder mit einem Finger bzw. Stift auf einem Tablet. Am allerbesten zum Schreiben lernen ist sicherlich Schiefertafel und Griffel, wobei besonders Kindern mit motorischen Problemen davon profitieren.

Literatur

Stangl, W. (2017). Schreiben vs Tippen. Werner Stangls Lerntipps.
WWW: http://lerntipps.lerntipp.at/schreiben-vs-tippen/ (2017-09-29).
https://www.choices.de/hirnlose-digitalisierung (17-09-30)
Stangl, W. (2019). Die Handschrift forcieren – ☀ bemerkt.
WWW: http://bemerkt.stangl-taller.at/die-handschrift-forcieren/ (2019-05-12).
Aus einem Interview von Franziska Fleischer mit Helmut Ploog, dem Vorsitzenderndes Berufsverbandes geprüfter Grafologen/Psychologen e. V.
WWW: https://web.de/magazine/wissen/psychologie/grafologie-handschrift-charakter-aussagt-35762996 (21-06-01)


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