soziale Schichtung

Als soziale Schicht wird eine als gleichartig angesehene Bevölkerungsgruppe einer Gesellschaft oder eines Staates bezeichnet, die anhand sozialer Merkmale einem hierarchisch aufgebauten Schichtungsmodell zugeordnet wird. Den Gesellschaftsmitgliedern einr solchen Schicht wird etwa ein gleicher sozialer Status und damit ein gleiches soziales Prestige zugemessen. Grob wird dabei zwischen Unter-, Mittel- und Oberschicht unterschieden, wobei es erhebliche Unterschiede zwischen Kulturen und Gesellschaften gibt. Die Oberschichten verschiedener Kulturen sind sich meist ähnlicher als zu den anderen Schichten im eigenen Kulturkreis, denn sie sind eher global und kosmopolitisch orientiert. Je niedriger aber eine soziale Schicht, desto lokaler ihr Verhalten etwa in Bezug zu Lebensstil und Lebensgewohnheiten). Auch findet man große internationale Unterschiede in der Spanne solcher sozialen Schichten. In der westlichen Industriegesellschaft sind es vom allem die Merkmale Beruf bzw. Berufsprestige, Bildung und Einkommen, mit deren Hilfe Individuen nach ihrem sozio-ökonomischen Status gemessen und dann zu Schichten gruppiert werden. Charakteristisch ist dabei, dass es zwischen den Schichten keine starren und unüberwindbaren Grenzen gibt, sondern dass eine soziale Mobilität Auf- und Abstiegsprozesse innerhalb dieser Gruppen und meist innerhalb einer Generation oder zwischen Generationen gibt. Die Schichtzugehörigkeit sagt dabei auch nur bedingt etwas über die Macht, den Einfluss und das Prestige der Individuen in ihren verschiedenen Tätigkeits- und Wirkungsbereichen aus.

Gloria Kutscher hat sich mit der Einteilung der Gesellschaft in Klassen und Schichten bzw. den Themen Diversität und Ungleichheit beschäftigt, und zahlreiche Veränderungen in der Schichteinteilung gefunden. So fand sie vor allem bei der Mittelschicht liegen einige Irrtümer, denn fragt man die Menschen nach der Selbsteinschätzung, geben achtzig Prozent an, zur Mittelschicht zu gehören. Das liegt vermutlich am direkten Vergleich mit dem Umfeld, doch wenn man sich die Ressourcen und die Kapitalien dieser Gruppe anschaut, ist die Mittelschicht viel kleiner. Mit Kapital sind dabei nicht nur ökonomische Vermögenswerte, sondern auch soziale und kulturelle Kapitalien gemeint. Kutscher koppelt in ihrer Analyse die Darstellung der Klassenstruktur (ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital) mit der Diversitätsstruktur, die von Gender, Alter, Haushaltsstruktur oder Migrationsstatus geprägt ist. So ergeben sich dabei fünf Gruppen: eine prekäre Klasse (13 Prozent), die Arbeiterklasse (40 Prozent), Mittelklasse (35 Prozent), wohlhabende Klasse (acht Prozent) und eine Elite (vier Prozent). Die oberen zehn Prozent tendieren dazu, sich zur Mittelschicht zu zählen, wenn sie sich mit anderen vergleichen, aber auch die unteren zehn bis 15 Prozent tendieren dazu, sich nach oben zu orientieren. Offenbar ist es sehr unattraktiv, sich mit der Arbeiterklasse oder der Unterschicht zu identifizieren, weil diese im öffentlichen Diskurs und in den Medien sehr negativ konnotiert sind. Eher sind marginalisierte oder benachteiligte Gruppen wie Alleinstehende, Alleinerziehende oder Personen mit Migrationshintergrund in einem solchen System gefährdet, wenig Kapital aufzubauen, und dadurch weniger Chancen und Mitsprache in der Gesellschaft zu bekommen.


Ein Großteil der Forschung zum prägenden Einfluss der sozialer Klasse auf Menschen beruht auf den Ideen Bourdieus, der beschreibt, wie sich das Umfeld, in dem Menschen aufwachsen, tief in ihre Identität einschreibt. Aus der Sicht der Sozialpsychologie lässt sich auch argumentieren, dass Menschen aus einer niedrigeren sozialen Klasse über weniger Ressourcen verfügen und ihre Umwelt dadurh in geringerem Maße beeinflussen können, sodass sie somit stärker auf gegenseitige Hilfe angewiesen sind, was letztlich dazu führt, dass für diese Gruppen Zusammenhalt und Solidarität zentrale Werte darstellen. Diese Menschen identifizieren sich mit diesem Wert und verhalten sich dementsprechend kooperativ, während Menschen aus einer höheren sozialen Klasse über mehr Ressourcen verfügen, d. h., sie können meist zwischen mehreren Alternativen entscheiden und sind dadurch weniger auf gegenseitige Hilfe angewiesen. Daraus entwickeln sich individualistischere Selbstkonzepte, bei denen es ganz wesentlich ist, die Umwelt nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Solche unterschiedlichen Verhaltensweisen stellen somit aus sozialpsychologischer Sicht eine Anpassungsleistung an das jeweiliges Lebensumfeld dar.
Aydin et al. (2020) konnten in ihren Studien – Befragung von etwa zweitausend Personen in Deutschland – diesen Ansatz zumindest teilweise stützen, denn so war den Befragten, die sich einer niedrigeren sozialen Klasse zugehörig fühlten, ein warmherziger und kooperativer Umgang mit anderen Menschen aus ihrer sozialen Klasse wichtiger als jenen, die sich einer höheren sozialen Klasse zugehörig fühlten. Darüber hinaus legten diejenigen, die mehr verdienten und besser gebildet waren, mehr Wert darauf, im Kontakt mit anderen ihre Kompetenz zu zeigen und dominant aufzutreten, als die Angehörigen der Gruppe mit geringerem Verdienst und einer weniger guten Ausbildung. Allerdings waren die beobachteten Verhaltensunterschiede relativ klein, denn deutlich größer war hingegen der Einfluss der sozialen Klasse des Gegenübers, d. h., bedeutsam war für das Verhalten eher, wie verhalten sich Menschen, wenn sie es mit jemandem aus einer niedrigeren oder höheren Klasse zu tun haben, d. h., man hielt es für wichtig, sich gegenüber Menschen mit weniger Geld und Bildung warmherzig und kooperativ zu verhalten. Umgekehrt legten sie Wert darauf, gegenüber Menschen mit mehr Geld und Bildung kompetent zu erscheinen und sich zu behaupten. Offenbar zeigt sich ein gewisses Ausmaß an Solidarität gegenüber Armen und der Selbstbehauptungswille vorwiegend gegenüber Wohlhabenden, wenn es zu einem Austausch zwischen Menschen unterschiedlicher Kassen kommt und die Klassenunterschiede als illegitim empfunden werden.


Einige Definitionen

„Bisher haben wir mit den Klassen, den Ständen und den Kasten deutlich abgrenzbare Kollektive von Akteuren betrachtet. Unter sozialer Schichtung werden Aggregate von Akteuren verstanden, die sich in Hinsicht auf die Kontrolle der jeweils interessanten Ressourcen unterscheiden, dabei aber untereinander keine deutlichen Abstufungen und Klumpungen erkennen lassen, sondern sich graduell – etwa in den „Variablen“ Einkommen, Bildungsgrad oder Berufsprestige – unterscheiden. Typischerweise sind soziale Schichten (bloße) Aggregate; das heißt: Institutionalisierte Schließungen, Interaktionen oder Lebenstile gibt es dort nicht“ (Esser, 1991, S 452).

„[…] Für manche bezeichnet die S. S. eine gesellschaftliche Makrostruktur, die die Lebenschancen und Lebensweise des einzelnen wie auch wichtige soziale Prozesse, vor allem des Konflikts und des Wandels, bestimmt. Begriffe wie Klasse, Stand und Kaste dienen dann zur näheren Charakterisierung einer historisch spezifischen Form der S. S. Die soziale Schicht als abstrakter Oberbegriff könnte entsprechend eine Bevölkerungsgruppe meinen, die in jener Makrostruktur eine bestimmte Position hat und sich dadurch von anderen Bevölkerungsgruppen kennzeichnend unterscheidet. Für die Schichtzugehörigkeit des einzelnen sind objektive Positionsmerkmale entscheidend. Das soziale Prestige, in dem sich die Wertschätzung anderer für bestimmte Positionen bzw. die daran geknüpften Belohnungen (rewards) ausdrückt, wäre dagegen ebensowenig ein Kriterium der Schichtzugehörigkeit wie das Bewußtsein von der eigenen Soziallage; beides wären viel mehr Korrelate einer objektiv bestimmten Position“ (Bernsdorf, 1969, S. 989 f).

„1. Begriffe: Mit dem Begriff (soziale) Schichtung (s. S.) bedient sich die Soziologie einer Metapher aus der Geologie, um vertikale Strukturen ® sozialer Ungleichheit innerhalb einer Gesellschaft oder einer ihrer Teilstrukturen zu erfassen. Im weiteren Sinn wird der Begriff ahistorisch gebraucht und bezeichnet jedes vertikale Gefüge sozialer Ungleichheit. In diesem Fall sind spezifizierende Unterbegriffe (Kaste, Stand, Klasse etc.) nötig, um historische Erscheinungsformen auseinanderzuhalten. In der neuen Literatur wird der Begriff s. S. meist in engerem Sinn benutzt. Er bezeichnet das weitgehend von der Berufshierarchie ausgehende, vertikale Ungleichheitsgefüge entwickelter Industriegesellschaften. Hierunter sind eindimensionale s. Sbegriffe, die sich auf das Berufsprestige von Gesellschaftmitgliedern konzentrieren, von mehrdimensionalen zu unterscheiden, die sich auch auf beruflich erzieltes Einkommen und Vermögen, (Aus-) Bildung und Machtstellung richten“ (Hradil, 1992, S. 528).

Gesellschaftsmitglieder, denen in etwa ein gleicher sozialer Status und damit ein gleiches soziales Prestige zugemessen wird; i.Allg. wird zwischen Unter-, Mittel- und Oberschicht unterschieden. In fortgeschrittenen Industriegesellschaften sind es v.a. die Merkmale Beruf (oder Berufsprestige), Bildung und Einkommen, mit deren Hilfe Individuen nach ihrem sozio-ökonomischen Status (SES) gemessen und dann zu Schichten gruppiert werden. Charakteristisch ist zudem, dass es (anders als in Stände- und Kastengesellschaften) zwischen den Schichten keine harten und unüberwindbaren Grenzen, sondern soziale Mobilität (Auf- und Abstiegsprozesse) innerhalb einer Generation oder zwischen Generationen, gibt. Die Schichtzugehörigkeit sagt nur bedingt etwas aus über Macht, Einfluss und Prestige der Individuen in ihren verschiedenen Tätigkeits- und Wirkungsbereichen (z.B. ein Arbeiter, der Vorsitzender des Betriebsrats und eines Partei-Ortsvereins ist).

„[…] Der von uns verwendete Schichtbegriff geht von folgendem aus: Generell wird in der soziologischen Terminologie eine Anzahl von Menschen, die im Hinblick auf ein oder mehrere „sozial relevante“ (d. h. das gegenseitige Verhalten beeinflussende) Merkmale gleich (oder ähnlich) erscheinen – wie z. B. Menschen gleichen Alters und/oder gleichen Einkommens und/oder gleichen Berufs. Usw. – als eine Sozialkategorie bezeichnet. Verbinden sich mit den Abstufungen des jeweiligen Merkmals Wertungen im Sinne von höherer oder geringerer sozialer Wertschätzung und liegt den Abstufungen nicht eine mehr oder weniger willkürliche „statistische“ Gliederung zugrunde, sondern handelt es sich um wirklich verhaltensrelevante Abgrenzungen, dann soll von Schichten gesprochen werden. […]“ (Bolte, 1966, S. 15 f).

Literatur

Aydin, A. L., Ullrich, J., Siem, B., Locke, K. D., & Shnabel, N. (2020). The effect of social class on agency and communion: Reconciling rank-based and identity-based perspectives. Social Psychological and Personality Science, doi:10.1177/1948550618785162.
Bernsdorf W. (Hrsg). (1969). Wörterbuch der Soziologie. Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag.
Bolte K., Kappe D. & Neidhardt F. (1966). Struktur und Wandel. Reihe B. der Beiträge zu Soziologie. Soziale Schichtung. Darmstadt: C. W. Leske Verlag.
Esser H. (1991). Soziologie. Allgemeine Grundlagen. Frankfurt: Campus Verlag.
Hradil. (1992). Gerd R. (Hrsg). Soziologie – Lexikon 2. Auflage. München: R. Oldenbourg Verlag.
Kutscher, G. (2018). Are we all middle class? A supra-categorical approach to class analysis in Austria. Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades PhD an der Wirtschaftsuniversität Wien.
Ohne Autor. (2010). Gabler Wirtschaftslexikon, soziale Schicht, Gabler Verlag, online im Internet: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/57703/soziale-schicht-v3.html (11-11-09).


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