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Vorurteil


Die gefährlichste Weltanschauung ist die von den Menschen,
die die Welt nie angeschaut haben.
Alexander von Humboldt

Ein Vorurteil ist eine ungerechtfertigte und in der Regel negative Einstellung gegenüber einer Gruppe und ihren Mitgliedern. Vorurteile beinhalten also stereotype Überzeugungen, negative Gefühle und die Bereitschaft zu diskriminierendem Verhalten. Ein Vorurteil ist somit eine Einstellung, die einen Menschen prädisponiert, von einer Gruppe oder ihren einzelnen Mitgliedern in günstiger oder ungünstiger Weise zu denken, eine Einstellung, die einen Menschen prädisponiert, wahrzunehmen, zu fühlen und zu handeln. Der Ausdruck Vorurteil betont dabei den emotionalen, wahrnehmungsmäßigen und kognitiven Gehalt der inneren Prädispositionen und Erfahrungen eines Individuums. Das Verhalten muss nicht notwendigerweise mit diesen Erfahrungen übereinstimmen.

Schon mit fünf Jahren fühlen sich etwa Kinder einer ethnischen Gruppe zugehörig und übernehmen die Wertungen ihrer Bezugspersonen, wobei sich außerdem die Einstellung entwickelt, ob sie Neues eher als Bereicherung empfinden oder als Bedrohung wahrnehmen. Hinzu kommt, dass Menschen, die starke Vorurteile gegenüber einer sozialen Gruppe haben, diese generalisieren auch daher auch gegenüber anderen Gruppen der Gesellschaft hegen, d. h., wer feindlich gegenüber dem Islam eingestellt ist, ist das meist auch gegenüber Homosexualität oder dem anderen Geschlecht. Religion und Nationalität sind dabei für Vorurteile besonders prädestiniert, denn sie sind für viele Menschen identitätsstiftend.

Aus entwicklungspsychologischer Sicht entwickeln sich etwa ethnische Vorurteile in aufeinander folgenden, sich überlappenden Stufen: erste Wahrnehmung ethnischer Unterschiede etwa mit drei Jahren; rudimentäre Begriffe zur Unterscheidung, meist von den Eltern stammend; begriffliche Differenzierung, einschließlich der Lernerfahrungen; erstes Verständnis für Stabilität und Variabilität von Merkmalen;  Lernen der Zugehörigkeit zu Gruppen mit ca. 5 Jahren; Kategorisierung von Personen, die nicht zur eigenen Gruppe gehören und Differenzierung zwischen Angehörigen verschiedener Gruppen; kognitive Verankerung der Vorurteile;  Stabilisierung der Vorurteile und Identifikation mit den Vorurteilen der eigenen Gruppe. Soziologische und soziokulturelle Theorien betrachten Vorurteile als Resultat der Ungleichverteilung von Macht und Interessen. Damit werden diskriminierende Verhaltensweisen gerechtfertigt, denn es führen konfliktbehaftete Gruppeninteressen um knappe Ressourcen zu wechselseitigen Bedrohungen und feindseligen Einstellungen. Psychodynamische Ansätze gehen von einer generellen ethnozentrischen Reaktionsbereitschaft aus, d. h., wenn politische, ökonomische und soziale Überzeugungen das Ergebnis bestimmter Konstellationen von Es, Ich und Über- Ich sind, etwa auch entstanden durch Erziehungspraktiken, können diese zu einer vorurteilsvollen Persönlichkeitsentwicklung führen. Kognitive Erklärungsansätze gehen davon aus, dass bei vorgegebenen Kategorien die Unterschiede innerhalb minimiert werden, während die Differenzen zwischen den Kategorien maximiert werden. In der Theorie der sozialen Identität wird davon ausgegangen, dass Personen ihre Umwelt anhand unterschiedlicher Merkmale in verschiedene soziale Kategorien einteilen und selbst Mitglieder von Kategorien bzw. Gruppen sind. Über soziale Vergleichsprozesse werden Informationen über die eigene Position und die eigene Gruppe gewonnen.

Als Maße für die Stärke von Vorurteilen können sowohl tatsächlich ausgedrückte Emotionen als auch die Konsistenz in verschiedenen Situationen herangezogen werden, am häufigsten wird jedoch der Grad von positivem (oder negativem) Gefühl gegenüber einer bestimmten und oft ethnisch definierten Gruppe herangezogen. Meist beziehen sich Vorurteile auf negative, abwertende Einstellungen gegenüber Außengruppen bzw. Minoritäten. Die kognitive Komponente der Vorurteile  das subjektive Wissen bzw. die Meinungen über die Außengruppe wird dann als Stereotyp bezeichnet. Soziale Vorurteile sind extrem änderungsresistent, daher stereotyp, als sie bei hoher Verschiedenartigkeit der Situationen minimale Unterschiede in den Urteilen zeigen und auf umfangreichere, soziologisch definierte Klassen von Personen bezogen sind. Vorurteile beinhalten dabei immer Gefühle und ein System mehr oder weniger deutlicher Überzeugungen. Vorurteile implizieren im Alltag oft eine ablehnende oder sogar feindselige Haltung gegenüber einer Person, die zu einer Gruppe gehört, der man die zu beanstandenden Eigenschaften zuschreibt.

Vorurteile können manchmal als Einstellungen zur Ich-Verteidigung wirksam werden, denn der Mensch erkennt nur ungern die Existenz tief verwurzelter Minderwertigkeitsgefühle und von Impulsen zu Aggression und Gewalt an. Indem diese bewusst unakzeptierbaren Motive etwa auf eine passende soziale Gruppe projiziert werden, gelingt es, diese Motive nicht als Teil seiner selbst wahrnehmen zu müssen und abzuspalten. Die Vorurteilseinstellungen beinhalten oft die Zuschreibung unerwünschter Eigenschaften auf verschiedene Minderheitengruppen, denn wer etwa Gewalttätigkeit, Geiz, Unordentlichkeit oder Arbeitsscheu anderen verstärkt zuschreibt, kann sich vormachen, dass der andere diese negativen Eigenschaften besitzt, um damit von sich selber abzulenken. Feindselige und vorurteilsbehaftete Einstellungen können daher für den Einzelnen emotional befriedigend, entlastend sein und bei geringem Selbstwertgefühl selbsterhöhend wirken. Aufgestaute unangehme Gefühle wie Aggression und Hass können auf Sündenböcke, die schwach, zahlenmäßig gering, anonym und die sich vermeintlich nicht wehren können, übertragen werden.

Vorurteile sind daher meist nur sehr schwer abzubauen, vor allem, wenn sie gesellschaftlich und medial toleriert werden. Hilfreich ist alles, was dazu beiträgt, die Grenzen zwischen der Eigen- und der Fremdgruppe aufzulösen oder neu zu definieren, wie etwa ein gemeinsamer Gegner, wobei hier neue Vorurteile entstehen können. Auch persönliche Kontakte sind unverzichtbar, wenn  gesellschaftliche Prozesse angestoßen werden sollen, die Vorurteilen den Boden entziehen.


Argumente nützen gegen Vorurteile so wenig wie Schokolade gegen Verstopfung.
Max Pallenberg

Ein Vorurteil ist ziemlich sicher daran zu erkennen, dass man sich bei seiner Begründung ereifert.
Viktor de Kowa

Vorurteile sind Übergeneralisierungen

Der Mensch ist evolutionär nicht in der Lage, die Umwelt stets so wahrzunehmen, wie sie objektiv ist, sondern er muss kategorisieren, um die Informationsflut zu reduzieren. Vor allem wenn Menschen Angst haben oder gestresst sind, verfallen sie in Vorurteile mit ihrer stabilisierenden Wirkung. Vorurteile sind ganz allgemein Wahrnehmungsfehler mit gesellschaftlicher Dimension, wobei sich diese Schablonen des menschlichen Denkens schon früh in der Entwicklung bilden,  denn wenn Kinder von ihrer Umgebung lernen, die Welt zu verstehen, ordnen sie sie in Gut und Böse, Schwarz und Weiß. Auch als Erwachsene speichern wir Wissen in solchen assoziativen Netzen ab, denn ausgehend von den Konzepten in unserem Kopf unterstellen wir anderen Menschen spezifische Eigenschaften oder Verhaltensweisen, nur weil sie einer bestimmten Gruppe angehören. Beim Anlegen solcher Denkschablonen rezipiert das Gehirn das, was die Umwelt an Informationen liefert, wobei Häufigkeit und Intensität des Erlebens dabei meist wichtiger sind als der Wahrheitsgehalt der Informationen.  Vorurteile sind demnach Übergeneralisierungen des menschlichen Gehirns und helfen den Menschen, bei der alltäglichen Informationsverarbeitung Energie zu sparen. Je schneller ein Mensch sein Umfeld einordnen kann, desto mehr Kapazitäten bleiben für andere Denkvorgänge übrig und umso schneller kann er etwa auf Bedrohungen oder auf Gefahren reagieren automatisch.

Siehe dazu Vorurteilsforschung.


Der Einfluss der Sprache auf Vorurteile gegenüber Minderheiten

Die Bekämpfung von Vorurteilen gegen soziale Minderheiten ist in den multikulturellen Gesellschaften eine herausfordernde Aufgabe, wobei Massenmedien Vorurteile entscheidend prägen können, da sie oft die wichtigste Informationsquelle über soziale Minderheiten darstellen. Untersuchungen im Rahmen des Projekts «Immigrants in the Media» zeigten deutlich, wie Informationen und Sprache in den Medien Vorurteile gegenüber MigrantInnen sowie sozialen Minoritäten beeinflussen können. In diesen Studien untersuchten man Vorurteile gegenüber zwei negativ wahrgenommenen Gruppen – Roma und Kosovo-Albanerinnen und -Albaner – und einer positiv wahrgenommenen Gruppe – Italienierinnen und Italiener. Die Studien wurden in verschiedenen kulturellen Kontexten durchgeführt, nämlich in Tschechien und in der Schweiz. Die Studienteilnehmenden lasen fiktive Zeitungsartikel, die entweder positive (z.B. «helfend»), negative (z.B. «attackierend») oder gemischte Verhaltensweisen (z.B. «helfend und attackierend») von Mitgliedern dieser Minderheiten beschrieben. Über die Studien hinweg zeigte sich, dass sich die Vorurteile gegenüber der untersuchten Minderheit änderten, nachdem die Teilnehmenden einen einzigen Artikel über das Verhalten von Mitgliedern einer Minderheit gelesen hatten. Positive Artikel führten zu einer Abnahme der Vorurteile, wohingegen negative Artikel zu ausgeprägteren Vorurteilen gegenüber der beschriebenen Minderheit führten. Interessanterweise haben auch Artikel, die sowohl positive als auch negative Informationen enthielten, Vorurteile wie die positiven Artikel reduziert. Dies weist darauf hin, dass das Einfügen positiver Informationen in negative Nachrichten Vorurteile mildern kann.
Nachrichten können jedoch auch subtilere Hinweise enthalten, die beeinflussen, wie Menschen Minoritäten wahrnehmen, etwa kleine Sprachvariationen, die die Ethnizität der Akteure beschreiben: Eine Person kann etwa als «eingewanderter Italiener» oder als ein «italienischer Eingewanderter» beschrieben werden. Frühere Studien (Carnaghi et al., 2008) haben gezeigt, dass Informationen, die ein Nomen enthalten, die Meinung über eine Person in einem größeren Ausmaß beeinflussen als wenn die gleiche Information ein Adjektiv enthält. Etwa glaubten Menschen, dass ein Katholik öfter die Kirche besucht als eine katholische Person, trotz der Tatsache, dass Nomen und Adjektiv das gleiche, nämlich die Religion einer Person, beschreiben. Graf et al. (2019) zeigten nun, dass die Kennzeichnung der Ethnizität mit Substantiven (z.B. ein männlicher Roma) zu mehr Vorurteilen führte als eine Kennzeichnung mit Adjektiven (z.B. ein Roma-Mann), unabhängig von der Wertigkeit der Berichte. Nomen fördern offenbar vorhandene Vorurteile mehr als Adjektive, und zwar unabhängig von Positivität oder Negativität der Berichterstattung, sogar wenn über positive Ereignisse berichtet wird.

Literatur

Binggeli, S., Krings, F. & Sczesny, S. (2014). Stereotype Content Associated with Immigrant Groups in Switzerland. Swiss Journal of Psychology, 73, 123-133.
Carnaghi, A., Maass, A., Gresta, S., Bianchi, M., Cadinu, M. & Arcuri, L. (2008). Nomina sunt omina: on the inductive potential of nouns and adjectives in person perception. Journal of Personality and Social Psychology, 94, 839-859.
Graf, S., Linhartova, P. & Sczesny, S. (2019). The effects of news report valence and linguistic labels on prejudice against social minorities. Media Psychology, doi:10.1080/15213269.2019.1584571.
http://www.zeit.de/zeit-wissen/2013/03/psychologie-vorurteile-verhalten (13-05-03)


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