Unter psychologischer Obsoleszenz versteht man in der Psychologie und Konsumforschung das Phänomen, dass voll funktionsfähige Konsumgüter vorzeitig ausgetauscht oder entsorgt werden, weil Verbraucher sie subjektiv als veraltet, unmodern oder unattraktiv empfinden. Im Gegensatz zur technischen Obsoleszenz, bei der Geräte durch Verschleiß oder geplante Sollbruchstellen physisch versagen, bleibt das Produkt bei der psychologischen Variante technisch einwandfrei.
Der Grund für den Neukauf liegt bei der psychologischen Obsoleszenz stattdessen auf einer kognitiven und emotionalen Ebene: Das besitzte Objekt hat für den Nutzer an psychologischem Wert oder sozialem Prestige verloren. Dieses Verhalten wird maßgeblich durch äußere Reize wie gezieltes Marketing, sich rasant wandelnde Designtrends und gesellschaftliche Erwartungen an den eigenen Lebensstil angetrieben.
Man unterteilt das Phänomen meist in zwei wesentliche Ausprägungen: die ästhetische und die soziale Obsoleszenz. Bei der ästhetischen Obsoleszenz wird ein Gegenstand, wie etwa ein Kleidungsstück oder ein Smartphone, allein deshalb ersetzt, weil sich Farben, Schnitte oder Formgebungen verändert haben und das Altgerät optisch nicht mehr dem Zeitgeist entspricht. Die soziale Obsoleszenz geht noch einen Schritt weiter und knüpft an den Wunsch nach Status und Zugehörigkeit an. Hier signalisiert das Produkt dem sozialen Umfeld möglicherweise keinen zeitgemäßen Erfolg oder Lebensstil mehr, was bei den Konsumenten das Gefühl auslöst, sozial ins Hintertreffen zu geraten, sobald sie das vermeintlich veraltete Modell weiterverwenden.
Ein klassisches Beispiel hierfür zeigt sich auf dem Mobilfunkmarkt, wo Hersteller durch jährliche Modellwechsel und den Statusverlust des Vorjahresmodells gezielt Begehrlichkeiten wecken und den vorzeitigen Austausch auch dann herbeiführen, wenn das bisherige Gerät noch einwandfrei funktioniert. Ähnliche Dynamiken greifen in der Textilindustrie durch immer kurzlebigere Modetrends. Kritisch betrachtet wird diese Entwicklung vor allem im Kontext der Nachhaltigkeitsdebatte, da sie zu einem unnötig hohen Ressourcenverbrauch und steigenden Abfallmengen führt, obwohl die eigentliche Nutzungsdauer der Güter technisch gesehen weitaus länger sein könnte.
Literatur
Brandstätter, E. (o. J.). Die Ursachen psychologischer Obsoleszenz – Murks? Nein Danke! Ich kaufe, also bin ich. Die Ursachen psychologischer Obsoleszenz.
WWW: http://www.murks-nein-danke.de/blog/download/Praesentation_Eduard_Brandstaetter.pdf (14-10-15)
Packard, V. (1960). Die Genuss-Verteufler: Der böse Wille zum Wegwerfen (Originaltitel: The Waste Makers). Düsseldorf: Econ-Verlag.
Schmuck, P., & Schultz, W. P. (Hrsg.). (2002). Psychology of sustainable development. Dordrecht: Kluwer Academic Publishers.
Staude, F. (2018). Geplante Obsoleszenz: Hintergründe, Ursachen und Lösungsansätze aus Sicht der Verbraucherpolitik. Wirtschaftsdienst* 98(3), 199-204.