Physical youth-to-parent aggression – PYPA

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Unter Physical youth-to-parent aggression (physische Jugend-Eltern-Aggression; oft auch als Teilbereich von child-to-parent violence oder parent abuse bezeichnet) versteht man in der Psychologie und Kriminologie die vorsätzliche Anwendung körperlicher Gewalt durch Kinder oder Jugendliche gegenüber ihren Eltern oder primären Bezugspersonen. Im Klassifikationsgefüge familialer Gewalt unterscheidet sich dieses Phänomen grundlegend von Partnergewalt oder Gewalt von Eltern gegen Kinder, da es durch eine Umkehrung der traditionellen familialen Macht- und Erziehungshierarchie gekennzeichnet ist. Die Phänomenologie reicht von leichten physischen Übergriffen wie Schubsen, Festhalten oder dem Werfen von Gegenständen in Richtung der Eltern bis hin zu schweren Gewalthandlungen wie Schlagen, Treten, Einsatz von Waffen oder der gezielten Herbeiführung von Körperverletzungen. Ergänzt wird die physische Komponente in der Praxis meist durch psychische Nötigung, Drohungen oder mutwillige Sachbeschädigung im häuslichen Umfeld, um elterliche Grenzsetzungen zu untergraben oder eigene Interessen gewaltsam durchzusetzen.

In der ätiologischen Forschung wird Physical youth-to-parent aggression als multi-kausal bedingtes Verhaltensmuster verstanden, bei dem individuelle, familiäre und soziale Risikofaktoren zusammenwirken. Auf individueller Ebene stehen häufig Störungen der Emotionsregulation, eine hohe Impulsivität sowie Störungen des Sozialverhaltens mit oppositionellem oder aggressivem Charakter im Vordergrund. Familiensystemisch zeigen sich oft Muster extremer Erziehungsstile: Sowohl übermäßig permissives Verhalten ohne klare Grenzen als auch ein rigider, autoritärer oder inkonsistenter Erziehungsstil können das Risiko erhöhen. Zudem spielt das Phänomen der transgenerationalen Weitergabe von Gewalt eine erhebliche Rolle; Jugendliche, die selbst elterliche Gewalt erlebten oder Zeugen von Partnerschaftsgewalt im Haushalt wurden, zeigen ein deutlich höheres Risiko für gewalttätiges Verhalten gegenüber ihren Bezugspersonen. Ein konkretes Fallbeispiel bildet etwa ein 15-jähriger Jugendlicher, der bei der Verweigerung von Geld oder bei der Durchsetzung von Mediennutzungszeiten die Mutter körperlich gegen eine Wand drängt, Mobiliar zerschlägt und mit Faustschlägen droht, um die Rücknahme der Regelung zu erzwingen. Ein weiteres Beispiel umfasst das gezielte Bewerfen der Eltern mit schweren Haushaltsgegenständen während eines verbalen Konflikts, was zu physischen Verletzungen führt und bei den betroffenen Eltern ein dauerhaftes Angstgefühl im eigenen Zuhause etabliert.

Die Diagnostik und Aufarbeitung gesteltet sich in der klinischen Praxis oft schwierig, da betroffene Eltern aus Scham, Schuldgefühlen oder der Befürchtung Stigmatisierung ausgesetzt zu sein, das Verhalten ihrer Kinder lange verschweigen. Die therapeutische Intervention erfordert meist systemische Ansätze, die sowohl das Deeskalationstraining und die Wiederherstellung elterlicher Präsenz beinhalten als auch die individuelle Bearbeitung von Emotionsregulations- und Verhaltensstörungen der Jugendlichen umfassen.

Literatur

Cottrell, B. (2001). Parent abuse: The abuse of parents by their teenage children. Health Canada.
Ibabe, I. (2019). A systematic review of youth-to-parent violence: Conceptualization, prevalence, and risk factors. Spanish Journal of Psychology, 22, E47.
Pereyra, M., & O’Leary, K. D. (2006). Parent abuse: Prevalence and correlates in a community sample. Journal of Family Violence, 21(1), 11–19.
Routt, G., & Anderson, L. (2011). Adolescent violence towards parents. Journal of Aggression, Maltreatment & Trauma, 20(1), 1–19.


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