Lernnetzeffekt

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Der Lernnetzeffekt – ölearning network effect oder network effect in learning –  bezeichnet in der pädagogischen Psychologie sowie der Kognitions- und Organisationspsychologie das Phänomen, dass der psychologische Nutzen, die Effizienz und die Tiefe eines Lernprozesses für das Individuum überproportional ansteigen, je mehr Akteure, Ressourcen oder Wissenseinheiten aktiv miteinander in einem Netzwerk verknüpft sind. Konkret beschreibt der Effekt eine Dynamik, bei der kollaboratives und konnektivistisches Lernen zu einer wechselseitigen kognitiven Bereicherung führt: Jedes zusätzliche Mitglied oder jede neue Information in einem Lernnetzwerk erhöht nicht nur den Gesamtwert des Systems, sondern optimiert auch die individuellen Verarbeitungs-, Abruf- und Transferleistungen der beteiligten Personen.

In Abgrenzung zu rein ökonomischen Netzwerkeffekten wie dem Metcalfe-Gesetz stehen beim psychologischen Lernnetzeffekt kognitive und sozial-motivationale Mechanismen im Vordergrund. Wenn Individuen in Gruppen, digitalen Foren oder Communities of Practice (Praxisgemeinschaften) interagieren, kommt es zur Bildung eines transaktiven Gedächtnissystems (Wegner, 1987). Das Individuum muss nicht mehr das gesamte Wissen selbst speichern, sondern lernt, wer was weiß bzw. wo welche Information verortet ist. Durch diesen geteilten kognitiven Aufwand wird die mentale Belastung (cognitive load) des Einzelnen reduziert, wodurch Kapazitäten im Arbeitsgedächtnis für tiefergehendes, problemorientiertes Denken frei werden. Zudem triggert der Austausch im Netzwerk Prozesse der Co-Konstruktion und der Elaboration. Im Dialog werden unterschiedliche Perspektiven konfrontiert, was kognitive Konflikte auslöst und die Lernenden dazu zwingt, das eigene Wissen neu zu strukturieren, zu präzisieren und metakognitiv zu reflektieren. Ein weiterer zentraler Aspekt ist sozial-motivationaler Natur: Das Eingebundensein in ein aktives Lernnetzwerk stärkt das psychologische Zugehörigkeitsgefühl, erhöht die Selbstwirksamkeitserwartung und fördert die intrinsische Motivation, wodurch Lernprozesse ausdauernder und erfolgreicher verfolgt werden.

Ein klassisches Beispiel für den Lernnetzeffekt im analogen Kontext ist das kollaborative Lernen im Rahmen eines universitären Studiums. Finden sich Studierende in einer Lerngruppe zusammen, profitiert das Individuum massiv von der kognitiven Diversität: Erklärt eine Person einem Kommilitonen ein komplexes Konzept, festigt sie durch diese Elaboration ihr eigenes Wissen (Lernen durch Lehren). Gleichzeitig profitiert der Zuhörer von einer auf Augenhöhe heruntergebrochenen Erklärung. Wächst diese Gruppe qualitativ und bringt unterschiedliche methodische und inhaltliche Vorkenntnisse ein, steigt die Wahrscheinlichkeit drastisch, dass auch unvorhergesehene, komplexe Problemstellungen gelöst werden können – der Nutzen für den Einzelnen skaliert mit der Netzdichte. Im digitalen Zeitalter zeigt sich der Effekt par excellence in hochentwickelten Personal Learning Networks (PLN) oder Wiki-basierten Lernplattformen. Ein Nutzer, der einer offenen Lerngemeinschaft (z. B. im Bereich der Programmierausbildung) beitritt, findet durch die schiere Anzahl der Teilnehmenden in kürzester Zeit präzise Antworten auf spezifische Fragen, erhält Feedback zu eigenen Arbeiten und wird durch den stetigen, dynamischen Wissensfluss zu neuen Lernpfaden angeregt, die er isoliert niemals entdeckt hätte.

In der modernen Bildungsforschung gewinnt der Lernnetzeffekt vor allem durch den Konnektivismus (Siemens, 2005) an Bedeutung, der Lernen als einen Prozess des Netzwerkaufbaus versteht, bei dem Knotenpunkte (Personen, Organisationen, Bibliotheken) miteinander verknüpft werden. Das Wissen existiert hierbei nicht mehr nur im Kopf des Individuums, sondern im Netzwerk, und die wichtigste kognitive Fähigkeit besteht darin, die Verbindungen zwischen diesen Informationsquellen effektiv zu nutzen und zu pflegen.

Literatur

Burt, R. S. (2005). Brokerage and closure: An introduction to social capital. Oxford University Press.
Reinmann, G. & Mandl, H. (2006). Unterrichten und Lernumgebungen gestalten. In A. Krapp & B. Weidenmann (Hrsg.), Pädagogische Psychologie (5. Aufl., S. 613–658). Beltz.
Siemens, G. (2005). Connectivism: A learning theory for the digital age. International Journal of Instructional Technology and Distance Learning, 2(1), 3–10.
Wegner, D. M. (1987). Transactive memory: A contemporary analysis of the group mind. In B. Mullen & G. R. Goethals (Hrsg.), Theories of group behavior (S. 185–208). Springer.
Wessel, D., & Cress, U. (2009). Lernnetzwerke: Wie kollektives Wissen in Gemeinschaften entsteht. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 23(3-4), 211–221.


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