Der Decline Effect – Rückgangseffekt – bezeichnet ein metawissenschaftliches Phänomen innerhalb der empirischen Psychologie und angrenzender Disziplinen, bei dem die statistische Effektstärke einer wissenschaftlichen Entdeckung im Zuge sukzessiver Replikationsversuche eine systematische Erosion erfährt oder gänzlich verschwindet. Historisch geht der Terminus auf den Parapsychologen Joseph Banks Rhine zurück, der in den 1930er Jahren beobachtete, dass die Probandenleistungen in telepathischen Experimenten über die Zeit abnahmen. Seine theoretische Fundierung und breite Rezeption in der Mainstream-Psychologie erhielt der Effekt jedoch primär durch die Arbeiten von Jonathan Schooler im Kontext der aufkommenden Replikationskrise.
Wissenschaftstheoretisch lässt sich der Decline Effect nicht auf eine Veränderung der zugrunde liegenden Realität zurückführen, sondern auf ein komplexes Zusammenspiel aus statistischen Artefakten und soziologischen Faktoren des Wissenschaftsbetriebs. Ein zentraler Erklärungsansatz ist die Regression zur Mitte: Da wissenschaftliche Journale eine ausgeprägte Publikationspräferenz für neuartige und hochsignifikante Ergebnisse aufweisen (Publication Bias), basieren initiale Veröffentlichungen oft auf statistischen Ausreißern oder Zufallsschwankungen, die den tatsächlichen Populationseffekt massiv überschätzen. Sobald unabhängige Forscher das Phänomen unter strengeren methodischen Kontrollen replizieren, pendelt sich die Effektstärke auf einem realistischeren, oft deutlich geringeren Niveau ein. Verstärkt wird dieser Prozess durch „Questionable Research Practices“ wie P-Hacking oder HARKing (Hypothesizing After the Results are Known), die in Ersterhebungen zu künstlich aufgeblähten Signifikanzen führen können, welche in exakten Replikationen nicht standhalten.
Ein prominentes Beispiel für diesen Effekt lieferte Schooler selbst mit dem Verbal Overshadowing Effect, bei dem die verbale Beschreibung eines Gesichts die spätere visuelle Identifikation stören soll, denn während frühe Studien substanzielle Effekte postulierten, zeigten großangelegte Meta-Analysen und kontrollierte Multilabor-Replikationen eine kontinuierliche Abnahme der Effektstärke bis hin zur praktischen Bedeutungslosigkeit. Ähnliche Muster lassen sich in der psychologischen Priming-Forschung oder in klinischen Studien zur Wirksamkeit von Antidepressiva beobachten, wo initiale Durchbruchserfolge in späteren Phasen der klinischen Prüfung oft nur noch marginale Vorteile gegenüber Placebos aufweisen.
Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Decline Effect hat maßgeblich zur Etablierung von Open Science-Standards beigetragen, insbesondere der Präregistrierung von Studien und der Veröffentlichung von Nullergebnissen, um die Validität psychologischer Erkenntnisse langfristig zu sichern und die Verzerrung der wissenschaftlichen Evidenzbasis zu minimieren.
Literatur
Lehrer, J. (2010). The truth wears off: Is there something wrong with the scientific method? The New Yorker, 86(40), 52–57.
Open Science Collaboration. (2015). Estimating the reproducibility of psychological science. Science, 349(6251), doi:10.1126/science.aac4716
Rhine, J. B. (1934). Extra-sensory perception. Boston Society for Psychic Research.
Schooler, J. W. (2011). Unpublished results hide the decline effect. Nature, 470(7335), 437–437.
Simonsohn, U., Nelson, L. D., & Simmons, J. P. (2014). P-curve: A key to the file-drawer. Journal of Experimental Psychology: General, 143(2), 534–547.