Rumpelstilzchen-Effekt

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Der Rumpelstilzchen-Effekt bezeichnet in der Psychologie und Psychotherapie das Phänomen, dass das bloße Benennen eines vagen Gefühls, einer diffusen Angst oder eines komplexen Symptoms zu einer unmittelbaren Entlastung und einem Zuwachs an Selbstwirksamkeit führt. Der Begriff leitet sich aus dem gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm ab, in dem das bedrohliche Männchen seine Macht über die Königin verliert, sobald diese seinen Namen ausspricht. Analog dazu verliert ein psychisches Problem oft seinen „schreckeneregenden“ oder überwältigenden Charakter, wenn es aus dem Bereich des Unbewussten oder Unaussprechlichen in die sprachliche Fassbarkeit gehoben wird.

Wissenschaftlich wird dieser Effekt oft im Kontext des sogenannten Affect Labeling (Affekt-Benennung) untersucht. Neurowissenschaftliche Studien, etwa mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT), zeigen, dass die sprachliche Identifizierung einer Emotion die Aktivität in der Amygdala – dem „Alarmsystem“ des Gehirns – messbar reduziert, während gleichzeitig die Aktivität im rechtslateralen präfrontalen Cortex ansteigt. Dieser Prozess der kognitiven Verarbeitung ermöglicht es dem Individuum, eine beobachtende Distanz zum eigenen Erleben einzunehmen. Ein klassisches Beispiel findet sich in der Behandlung von Panikstörungen: Wenn ein Patient lernt, körperliche Symptome wie Herzrasen nicht mehr als drohenden Herzinfarkt, sondern als „Angstreaktion“ oder „Adrenalinschub“ zu benennen, entzieht dies der aufschaukelnden Angstspirale die Grundlage. Ebenso wirkt der Effekt bei Kindern, die vor dem „Monster unter dem Bett“ Angst haben; wird die Angst thematisiert und das „Monster“ sprachlich beschrieben oder gezeichnet, verliert das Unbekannte seine unkontrollierbare Bedrohlichkeit.

In der systemischen Beratung wird der Effekt genutzt, um durch Externalisierung – also dem Geben eines Namens für ein Problem (z. B. „der kleine Saboteur“ oder „die graue Wolke“) – die Trennung zwischen der Identität der Person und der Problematik zu fördern. Letztlich basiert der Rumpelstilzchen-Effekt auf der menschlichen Fähigkeit zur Symbolisierung: Was einen Namen hat, ist kein namenloses Schicksal mehr, sondern ein bearbeitbares Objekt der Erkenntnis.

Literatur

Kasten, E. (2021). Die Macht der Namen: Psychologische Auswirkungen von Bezeichnungen und Diagnosen. Springer-Verlag.
Lieberman, M. D., Eisenberger, N. I., Crockett, M. J., Tom, S. M., Pfeifer, J. H., & Way, B. M. (2007). Putting feelings into words: Affect labeling disrupts amygdala activity in response to affective stimuli. Psychological Science, 18(5), 421–428.
Pennebaker, J. W. (1997). Writing about emotional experiences as a therapeutic process. Psychological Science, 8(3), 162–166.
Schlippe, A. v., & Schweitzer, J. (2016). Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I: Das Grundlagenwissen (3. Aufl.). Vandenhoeck & Ruprecht.


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