Inquiry-Based Learning – IBL

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Das Konzept des Inquiry-Based Learning (IBL) – auch forschendes oder entdeckendes Lernen – stellt einen zentralen Ansatz der pädagogischen Psychologie dar, der den Lernprozess als aktiven, selbstgesteuerten Konstruktionsvorgang begreift. Im Kern orientiert sich Inquiry-Based Learning an der wissenschaftlichen erkenntnis, dass Lernende Wissen nicht durch die passive Aufnahme von Fakten gewinnen, sondern indem sie eigene Fragen formulieren, Hypothesen aufstellen, Experimente oder Untersuchungen durchführen, Daten sammeln und daraus Schlussfolgerungen ableiten. Psychologisch fundiert ist dieser Ansatz primär im Konstruktivismus nach Jean Piaget und Jerome Bruner sowie im sozial-konstruktivistischen Modell nach Lew Wygotski. Ein wesentliches Merkmal ist die Verschiebung der Lehrerrolle vom reinen Wissensvermittler hin zum „Facilitator“ oder Lernbegleiter, der den Rahmen für die Untersuchung vorgibt, ohne die Lösung vorwegzunehmen.

In der Praxis variiert die Intensität der Anleitung stark, wobei die Forschung zwischen strukturiertem Inquiry (Lehrkraft gibt Frage und Methode vor), geführter Inquiry (Lehrkraft gibt nur die Frage vor) und offener Inquiry (Lernende bestimmen Frage und Methode selbst) unterscheidet. Ein klassisches Beispiel findet sich im Sachunterricht der Grundschule, wenn Kinder nicht einfach lernen, dass Holz schwimmt, sondern durch systematisches Testen verschiedener Materialien im Wasserbecken selbst Kriterien für Auftrieb entwickeln. In der Sekundarstufe könnte Inquiry-Based Learning bedeuten, dass Schüler im Geschichtsunterricht Originalquellen analysieren, um die Ursachen eines lokalen Konflikts zu rekonstruieren, anstatt ein Lehrbuchkapitel zusammenzufassen.

Die Wirksamkeit von Inquiry-Based Learning ist jedoch eng an das Scaffolding geknüpft, denn die pädagogische Psychologie betont, dass reines „Entdeckenlassen“ ohne Anleitung oft zur kognitiven Überlastung führt. Wenn jedoch unterstützende Strukturen wie Leitfragen oder strukturierte Beobachtungsbögen eingesetzt werden, fördert Inquiry-Based Learning nachweislich das tiefere Verständnis, die Problemlösekompetenz und die intrinsische Motivation, da der Lernstoff als persönlich bedeutsam und selbsterarbeitet wahrgenommen wird. Kritisch diskutiert wird oft der zeitliche Mehraufwand im Vergleich zu direkter Instruktion, wobei Befürworter argumentieren, dass die Nachhaltigkeit des Wissenserwerbs diesen Aufwand rechtfertigt.

Literatur

Bruner, J. S. (1961). The act of discovery. Harvard Educational Review, 31(1), 21–32.
Furtak, E. M., Seidel, T., Iverson, H., & Briggs, D. C. (2012). Experimental and quasi-experimental studies of inquiry-based science teaching: A meta-analysis. Review of Educational Research, 82(3), 300–329.
Kirschner, P. A., Sweller, J., & Clark, R. E. (2006). Why minimal guidance during instruction does not work: An analysis of the failure of constructivist, discovery, problem-based, experiential, and inquiry-based teaching. Educational Psychologist, 41(2), 75–86.
Lazonder, A. W., & Harmsen, R. (2016). Meta-analysis of inquiry-based learning: Effects of guidance. Review of Educational Research, 86(3), 681–718.


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