Der Begriff „Braintrust-Lernen“ ist in der wissenschaftlichen Psychologie kein etablierter Fachbegriff und findet sich weder als definierter Terminus in gängigen psychologischen Wörterbüchern noch als konsistentes Konstrukt in der empirischen Lehr-Lern-Forschung. Zwar taucht das Wort „Braintrust“ in unterschiedlichen Kontexten auf, etwa in der Politik- und Wirtschaftsgeschichte oder in der Innovationspraxis moderner Organisationen, doch handelt es sich dabei nicht um einen psychologisch präzise definierten Lernbegriff.
Besonders bekannt ist der Ausdruck aus dem organisationskulturellen Kontext des Animationsstudios Pixar, wo „Braintrust“ informelle Feedbackrunden bezeichnet, in denen Expertinnen und Experten Projekte kritisch, hierarchiefrei und lösungsorientiert diskutieren. Dieses Konzept ist jedoch eher eine praxisnahe Metapher als eine theoretisch fundierte Lernkategorie und wurde nicht systematisch als psychologisches Lernmodell operationalisiert oder validiert.
Aus psychologischer Sicht ist daher davon auszugehen, dass „Braintrust-Lernen“ kein genuiner Fachterminus ist, sondern ein populärsprachlicher Sammelbegriff, der mehrere bekannte Mechanismen sozialen und kollaborativen Lernens implizit bündelt. Dazu zählen insbesondere Prozesse des kooperativen Lernens, bei denen Wissen durch Interaktion, Perspektivenvielfalt und gegenseitige Rückmeldung entsteht. In der Lernpsychologie sind solche Prozesse seit Langem untersucht, etwa im Rahmen der sozialkonstruktivistischen Lerntheorie, die davon ausgeht, dass Wissen nicht isoliert im Individuum entsteht, sondern sozial ausgehandelt wird. Lernen vollzieht sich hier durch Dialog, Konflikt, geteilte Aufmerksamkeit und das gemeinsame Lösen komplexer Probleme. Ein Beispiel wäre eine Lerngruppe, in der Studierende ihre Lösungsansätze gegenseitig hinterfragen und dadurch zu einem tieferen Verständnis gelangen, ohne dass eine einzelne Person die alleinige Autorität über „richtig“ oder „falsch“ besitzt.
Ein weiterer eng verwandter Ansatz ist das Konzept der kollektiven Intelligenz, das beschreibt, wie Gruppen unter bestimmten Bedingungen Leistungen erbringen können, die über die Summe individueller Fähigkeiten hinausgehen. Empirische Studien zeigen, dass Faktoren wie kommunikative Gleichberechtigung, soziale Sensitivität und Diversität der Perspektiven entscheidend für den Lernerfolg von Gruppen sind. Auch hier findet sich die Idee wieder, die dem umgangssprachlichen Begriff „Braintrust“ zugrunde liegt: Lernen entsteht durch das strukturierte Zusammenwirken mehrerer Denkender, nicht durch bloße Addition von Wissen. Ergänzend lässt sich das Konzept der transaktiven Gedächtnissysteme anführen, das beschreibt, wie Gruppen Wissen arbeitsteilig speichern und abrufen. In solchen Systemen lernen Individuen nicht nur Inhalte, sondern auch, wer innerhalb der Gruppe über welches Wissen verfügt, was effizientes gemeinsames Problemlösen ermöglicht.
Ebenfalls anschlussfähig ist der Ansatz der „Communities of Practice“, der Lernen als fortlaufende Teilnahme an einer sozialen Praxis versteht. Wissen wird hier nicht primär vermittelt, sondern durch gemeinsame Tätigkeit, Feedback und allmähliche Verantwortungsübernahme erworben. Ein anschauliches Beispiel wäre ein Redaktionsteam, in dem neue Mitglieder durch Diskussionen, Kritikrunden und informellen Austausch schrittweise professionelle Schreib- und Bewertungsstandards internalisieren. Was umgangssprachlich als „Braintrust-Lernen“ bezeichnet wird, ließe sich in diesem Sinne als eine spezifische Organisationsform solcher Communities beschreiben, ohne jedoch einen eigenständigen theoretischen Status zu beanspruchen.
Braintrust-Lernen ist daher kein wissenschaftlich definierter Begriff der Psychologie ist, sondern eine metaphorische Bezeichnung für Lernprozesse, die auf intensivem sozialem Austausch, kritischem Feedback und kollektiver Wissenskonstruktion beruhen. Diese Prozesse sind in der psychologischen Forschung gut beschrieben, allerdings unter anderen, klar operationalisierten Begriffen. Eine Verwendung des Ausdrucks „Braintrust-Lernen“ in einem psychologischen Lexikon wäre daher nur mit dem expliziten Hinweis zulässig, dass es sich um keinen anerkannten Fachterminus handelt, sondern um eine praxisnahe, unscharfe Sammelbezeichnung für bekannte Formen kollaborativen und sozialen Lernens.
Literatur
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