Unter Fafo-Erziehung versteht man in der pädagogischen Diskussion einen vor allem durch soziale Medien geprägten Erziehungstrend, dessen Name sich aus dem englischen Slangausdruck „Fuck around and find out“ ableitet. Gemeint ist damit eine Haltung, nach der Kinder durch das unmittelbare Erleben der Konsequenzen ihres eigenen Handelns lernen sollen, anstatt durch Erwachsene kontinuierlich angeleitet, korrigiert oder vor negativen Erfahrungen geschützt zu werden. Im Zentrum steht die Annahme, dass natürliche Folgen wirksamer und nachhaltiger sind als Belehrungen oder Machtkämpfe zwischen Erwachsenen und Kindern.
Typische Beispiele für Fafo-Erziehung sind Alltagssituationen, in denen Eltern bewusst auf Intervention verzichten: Ein Kind weigert sich bei kühlem Wetter, eine Jacke anzuziehen, und wird daraufhin ohne Jacke nach draussen gelassen, um selbst zu erfahren, dass es friert. Ein anderes Beispiel ist das Nicht-Eingreifen bei harmlosen Frustrationserfahrungen, etwa wenn ein Kind ein Spielzeug falsch benutzt und dadurch scheitert. Befürworterinnen und Befürworter versprechen sich davon mehr Selbstwirksamkeitserleben bei Kindern, weniger elterliche Kontrolle und eine Reduktion von Machtkämpfen, da Verantwortung an das Kind zurückgegeben wird.
Aus pädagogischer Sicht ist Fafo jedoch hoch umstritten, denn fachlich problematisch ist vor allem die begriffliche Unschärfe, d. h., der Begriff beschreibt kein ausgearbeitetes erziehungswissenschaftliches Konzept, sondern eine stark verkürzte, provokant formulierte Praxisidee, die je nach Haltung der Erwachsenen sehr unterschiedlich umgesetzt werden kann. Während manche Eltern Fafo situationssensibel, humorvoll und in einem sicheren Rahmen anwenden, kann es in anderen Fällen eine distanzierte oder sogar strafende Grundhaltung transportieren, etwa im Sinne von „Geschieht dir recht“. Eine solche Haltung birgt das Risiko, die Beziehung zwischen Kind und Bezugsperson zu belasten, da das Kind sich im Moment des Scheiterns nicht unterstützt, sondern alleingelassen fühlt.
In der Erziehungswissenschaft ist die Idee, Kinder durch Erfahrungen lernen zu lassen, keineswegs neu, denn insbesondere in der Montessori-Pädagogik spielen sogenannte natürliche Konsequenzen eine zentrale Rolle. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der pädagogischen Einbettung: Dort werden Kinder nicht „auflaufen gelassen“, sondern emotional aufgefangen. Im Beispiel mit der Jacke bedeutet dies, dass die erwachsene Person die Jacke dabeihat und sie dem frierenden Kind ohne Spott, Vorwurf oder besserwisserische Kommentare anbietet. Die Erfahrung des Kältegefühls wird ermöglicht, ohne das Kind zu beschämen oder in eine Gegnerschaft zu bringen. Pädagogisch gilt dabei die Beziehung als Lernvoraussetzung, nicht als Nebensache.
Ein weiterer kritischer Punkt betrifft entwicklungspsychologische Voraussetzungen. Kinder leben stärker im Hier und Jetzt und verfügen noch nicht über dieselbe Fähigkeit zur antizipierenden Vorstellung wie Erwachsene. Wenn sie sich im warmen Wohnzimmer gegen eine Jacke entscheiden, geschieht dies nicht aus Trotz oder Einsichtslosigkeit, sondern aus einer begrenzten Zukunftsvorstellung. Wird diese Entwicklungsbesonderheit ignoriert, besteht die Gefahr, dass Erwachsene unrealistische Erwartungen an die Selbststeuerung von Kindern stellen.
Aus moderner pädagogischer Perspektive wird daher eher eine unterstützende, positiv orientierte Erziehungshaltung empfohlen, wie sie etwa im Positive Parenting Program formuliert ist. Dieses betont, dass Kinder Freiräume für Erfahrungen brauchen, gleichzeitig aber vor ernsthaften Risiken geschützt werden müssen. Ein aufgeschlagenes Knie kann als normale Lernerfahrung gelten, ungesicherte Steckdosen oder scharfe Tischkanten hingegen nicht. Ziel ist es, eine sichere Umgebung zu schaffen, in der Kinder ausprobieren, scheitern und lernen dürfen, ohne körperlich oder emotional gefährdet zu werden.
Auch die oft genannte Hoffnung, mit Fafo Machtkämpfe grundsätzlich zu vermeiden, wird von Fachleuten relativiert. Trotz- und Konfliktphasen gelten nicht als Störung, sondern als wichtige Lernfelder, in denen Kinder Fähigkeiten wie Argumentieren, Aushandeln und Kompromissfindung entwickeln. Anstatt Konflikte durch bewusste Nicht-Intervention zu umgehen, kann es pädagogisch sinnvoller sein, sie konstruktiv zu begleiten. Zudem lassen sich viele Eskalationen durch vorausschauende Planung verhindern, etwa indem Übergänge im Alltag kindgerecht gestaltet werden. Wenn Kinder beispielsweise erst am Ende einer Fernsehsendung zum Zähneputzen aufgefordert werden, reagieren sie kooperativer, als wenn sie mitten in einer spannenden Szene unterbrochen werden. Auf diese Weise wird Beziehungsgestaltung zur zentralen präventiven Massnahme.
Fafo-Erziehung ist du demnach weniger als eigenständiges pädagogisches Konzept denn als zugespitztes Schlagwort zu verstehen, das eine bekannte erzieherische Idee radikal verkürzt. Ohne eine reflektierte Haltung, entwicklungspsychologisches Wissen und eine klare Beziehungsorientierung besteht die Gefahr, dass das Lernen aus Konsequenzen in Gleichgültigkeit oder versteckte Bestrafung umschlägt. Pädagogisch tragfähig wird erfahrungsbasiertes Lernen erst dann, wenn Kinder sich auch im Scheitern begleitet und ernst genommen fühlen.
Literatur
Bertrams, A. (2020). Pädagogische Psychologie: Lernen, Motivation und Entwicklung. Springer.
Hattie, J. (2014). Visible Learning. Routledge.
Montessori, M. (2019). Kinder sind anders (Neuaufl.). Herder.
Sanders, M. R. (2012). Development, evaluation, and multinational dissemination of the Triple P-Positive Parenting Program. Annual Review of Clinical Psychology, 8, 345–379.