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Intuition


Wer andauernd begreift, was er tut,
bleibt unter seinem Niveau.
Martin Walser

Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk
und der rationale Verstand ein treuer Diener.
Wir haben eine Gesellschaft entwickelt,
die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.
Albert Einstein

Intuition ist weder ein magischer sechster Sinn noch bedeutet sie, dass Entscheidungen unter Berufung auf ein imaginäres Bauchgefühl nach dem Zufallsprinzip getroffen werden, vielmehr verbirgt sich hinter der Intuition häufig eine spontane und rasche Mustererkennung und das meist unbewusstes Abrufen von Erfahrungswissen. Die zugrundeliegenden kognitiven Prozesse basieren daher in der Regal auf Erfahrung, laufen schnell und unwissentlich ab, und ermöglichen das scheinbar mühelose Zusammensetzen vieler verstreuter Aspekte zu einem kohärenten Ganzen.

Intuition bedeutet, dass Menschen sprichwörtlich nicht mit dem Kopf sondern aus dem Bauch heraus entscheiden, d. h., sie wissen oder erahnen etwas, ohne die genauen Gründe dafür nennen zu können. Solche Bauchentscheidungen sind also nicht das Ergebnis bewussten Nachdenkens und Schlussfolgerns, sondern sie entstehen unbewusst. Oft gehen sie mit Emotionen einher, etwa einem Gefühl der Richtigkeit und des Sinnerlebens, wobei es dem Verstand verbleibt zu prüfen, ob die Eingebungen in tatsächliches Handeln umgesetzt werden.

Jedoch führt sie nicht immer in die richtige Richtung, denn es gibt zahlreiche Situationen, in denen man sich besser nicht auf die Intuition verlassen sollte. Intuition ist nach Gerd Gigerenzer gefühltes Wissen, das sich durch drei Dinge auszeichnet:

  • es ist sehr schnell im Bewusstsein,
  • man weiß nicht, warum dieses Bauchgefühl plötzlich da ist, und
  • es lenkt viele Entscheidungen im Leben.

Intuition ist eine Art unbewusste Intelligenz und sagt, was man machen soll, denn wenn man zu 100 % rational entscheiden möchte und ganz sicher gehen möchte, dass die Entscheidung richtig ist, dann müsste man alle Faktoren in die Entscheidung einbeziehen, was ist mit dem begrenzten menschlichen Verstand und auch mit der begrenzten Zeit oft gar nicht möglich ist. Hinzu kommen Einflüsse der Umwelt, die prinzipiell unberechenbar sind, so dass eine Entscheidung zumeist nur auf einem guten Halbwissen basieren kann, wobei die Intuition ein guter Wegweiser sein kann. Allerdings: Wer kein Wissen hat, sollte sich nicht unbedingt auf seine Intuition verlassen, aber vermutlich wird er überhaupt keine intuitive Eingebung bekommen.

Besonders bei Experten wird oft die Intuition zum Bestandteil seiner Person. Entscheidungen werden von ihm nicht analytisch getroffen sondern intuitiv. Intuition bzw. Know-how bezeichnen dann jenes Verstehen, das sich bei ihnen mühelos einstellt, wenn eine aktuelle Situation vergangenen Ereignissen – meist unbewusst – ähnlich ist. Intuition ist in diesem Fall weder wildes Raten noch übernatürliche Inspiration, sondern schlicht die Fähigkeit, die man immerzu bei jeder alltäglichen Handlung anwendet. Experten lösen daher weder Probleme noch treffen sie Entscheidungen, sie handeln einfach. Übrigens: Nach Untersuchungen verlassen sich zwischen 40 und 60 Prozent der Führungskräfte und UnternehmerInnen bei wichtigen Entscheidungen auf ihre Intuition.

Das bewusste Abwägen bei Entscheidungen hat aber seine Grenzen, denn wenn man allzu lange über die Gründe einer Entscheidung nachdenkt, kann das auch zu schlechten Entscheidungen führen, weil man sich mit der Länge des Nachdenkens auch auf nicht optimale Kriterien konzentriert. Bauchentscheidungen können in manchen Situationen einer rationalen Strategie überlegen sein, wobei Bauchentscheidungen dann besonders gut funktionieren, wenn sie auf impliziten Fachwissen beruhen. Bewusste Entscheidungen zu treffen kann letztlich auch sehr fordernd sein, vor allem wenn etwa im Beruf sehr häufiges Entscheiden notwendig ist.

Untersuchungen von Mata et al. (2013, S. 369) haben experimentell gezeigt, dass intuitive Entscheidungen nur bei manchen Problemen sinnvoll sind, nicht jedoch, wenn es um logische Probleme geht, für die es eine korrekte Lösung gibt. “Wenn es einen Konflikt zwischen Logik und Intuition gibt und die logisch ersonnene Lösung besser ist als die intuitive, dann sind intuitiv Antwortende inkompetent und unwissend (sie wissen es nicht, und sie wissen nicht, dass sie es nicht wissen), wohingegen Nachdenkende kompetent und wissend sind (sie wissen es, sie wissen, dass sie es wissen, und sie wissen, dass es andere wohl nicht wissen).“

Florian Ilgen (2019) ist der Ansicht, dass man das Bauchgefühl, die innere Stimme bzw. die Intuition trainieren kann, wobei der Zusammenhang mit der Magengegend beim Bauchgefühl irreführend ist, denn man weiß gar nicht so genau, wo dieses Gefühl herkommt. Die im Körper spürbaren Emotionen sehen vermutlich in Verbindung mit dem impliziten Gedächtnis, also jenem Teil des Gedächtnisses, der das Erleben und Verhalten eines Menschen beeinflusst, ohne dabei ins Bewusstsein zu treten. Diese Form des Gedächtnisses denkt schneller und auch gründlicher als die höheren kognitiven Zentren. In diesem impliziten Gedächtnis hat man ein Erlebnis, eine Erkenntnis oder beommt eine Information abgespeichert, und in Entscheidungs- oder Gefahrensituationen ruft die Intuition das im Archiv ab, was sie gerade braucht. So weiß ein Mensch etwa sofort, dass er sich vor dem zum Schlag ausholenden Gegenüber wegducken sollte, denn bewusst wahrgenommen und durchgedacht, würde dieser Vorgang zu lange dauern. Je mehr Erfahrungen und Erlebnisse man in einem Lebensbereich hat, desto zuverlässiger ist das Bauchgefühl. Allerdings haben viele Menschen verlernt, ihr Bauchgefühl wahrzunehmen, denn die meisten sind davon überzeugt, dass Entscheidungen am besten auf rationaler Basis getroffen werden sollten. Daher suchen sie Argumente und wägen Vor- und Nachteile ab und denken, dass Emotionen dabei eher störend wären. Menschen können nach Florian Ilgen (2019) aber lernen, ihre Gefühle bewusster wahrnehmen und damit die Wahrnehmung des Bauchgefühls trainieren, wozu eine gehörige Portion Achtsamkeit im Alltag gehört. Man sollte daher versuchen, bestimmte Situationen bewusst wahrnehmen, vor allem mit Blick auf die dabei auftretenden Gefühle, wobei man diese Gefühle registrieren soll, wie sie sind, und sie nicht bewerten. Unterstützen kann man das etwa mehrmals am Tag mit kurzen Meditationen, also sich Zeit für sich selbst zu nehmen, in sich hineinzuschauen und zu sehen, wie es einem gerade geht, etwa bei einem Spaziergang. Wichtig ist dabei, das Bauchgefühl von anderen Emotionen wie Angst, Gier oder Liebe abzugrenzen, denn sonst besteht die Gefahr, dass die Intuition untergeht und nicht wahrgenommen wird. Wichtig für das Bauchgefühl ist daher ein ausgeprägtes Selbstvertrauen, d. h., man sollte sich trauen, darauf zu bauen, dass das, was man fühlt, richtig ist. Das funktioniert, wenn man möglichst häufig intuitiv entscheidet, denn je öfter man sich von seiner Intuition leiten lässt, desto mehr kann man sich auf sein Bauchgefühl verlassen.

Intuition, Emotion und Depression

Bei Menschen mit Depressionen sind intuitive Prozesse jedoch beeinträchtigt, d. h., ihr Denken erscheint verengt, sie grübeln und verlieren dabei ihre assoziativ-holistischen und intuitiven Spielräume. Allerdings sind die genauen Zusammenhänge zwischen Depression und Intuition noch unbekannt, sodass das Thema eines neuen psychologischen Forschungsprojekts der Freien Universität Berlin der Zusammenhang zwischen Depressionen und intuitiven Entscheidungen darstellt. Bisher zeigte sich, dass es psychisch gesunden Menschen leichter fällt, Entscheidungen intuitiv zu treffen als depressive, denn Menschen, die akut an einer Despression leiden, haben vergleichsweise größere Schwierigkeiten, semantische Sinnzusammenhänge und -muster zu erkennen.

Mustererkennung und Intuition

Das menschliche Gehirn ist darauf hin ausgerichtet, Muster zu erkennen, was auch dazu führt, dass Menschen auch dort intuitiv Muster erkennen, wo gar keine solchen vorhanden sind. Eine solche intuitive Mustererkennung gilt auch gegenüber anderen Menschen, d. h., Menschen suchen nach Mustern bei anderen Menschen, etwa aus Gerüchten oder vagen Informationen über diese anderen Menschen. Wenn sich dann einmal ein Bild als Muster gebildet hat, dann will das Gehirn dieses Bild natürlich auch bestätigen. Das führt in manchen Situationen, in denen Menschen wenig Gelegenheit haben, einander besser kennenzulernen, auch dazu, dass etwa jede beobachtete Stimmungsschwankung, die man sonst leicht erklären und damit verstehen könnte, sofort als persönlicher Angriff interpretiert wird. Ein solcher Mustermechanismus ist etwa der ideale Nährboden für Mobbing.


Anmerkung: Goethe bezeichnete Intuition als exakte Phantasie, denn intuitives Denken ist notwendig, um das Urbildliche in den Phänomenen zu erfassen, und Kant beschreibt Intuition als die ungesuchte, freie Übereinstimmung der Einbildungskraft mit den Gesetzen des Verstandes (Kritik der Urteilskraft) bzw. ein solches intuitives Erkenntnisvermögen als “intellectus archetypus”, also urbildlichen Verstand. Freud hatte angenommen, dass das Unbewusste autonom und nicht vom Bewusstsein kontrollierbar ist, sodass seither in der akademischen Psychologie die Vorstellung eines chaotischen und unkontrollierbaren Unbewussten dominierte. Neuere Untersuchungen zeigen aber, dass unser Bewusstsein zu den Absichten passende unbewusste Vorgänge in unserem Gehirn verstärkt und nicht passende hingegen abschwächt.


Literatur

Ilgen, Florian (2019). Die Macht der Intuition – Warum Sie im richtigen Moment den Mut zur Veränderung haben müssen. Komplett Media GmbH.
Mata, André, Ferreira, Mário B. & Sherman, Steven J. (2013). The Metacognitive Advantage of Deliberative Thinkers: A Dual-Process Perspective on Overconfidence. Journal of Personality and Social Psychology, 105, 353-373.
Stangl, W. (1999). Bauchgefühl, Intuition und das Unbewusste. Werner Stangls Psychologie News.
WWW: http://psychologie-news.stangl.eu/317/bauchgefuehl-intuition-und-das-unbewusste (99.03-04)
https://idw-online.de/de/news715903 (19-05-18)


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