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Zahlenblindheit


Eine äußerst seltene Wahrnehmungsstörung ist die Zahlenblindheit, wobei betroffene Menschen trotz intaktem Sehsinn die Ziffern nicht erkennen können, während sie Buchstaben aber auch römische Ziffern völlig normal erkennen. Ein spezieller Fall und seine neurologischen Hintergründe werfen ein ganz neues Licht auf die visuelle Wahrnehmung, wie Schubert et a. (2020) berichten. Untersucht wurde das Phänomen bei einen 60-jährigen Mann, der vor acht Jahren mit einer seltsamen Sehstörung bei Neurologen vorstellig wurde, und nach einer Art Anfall, gefolgt von fortschreitenden Schäden in verschiedenen Hirnarealen, plötzlich die Zahlen 2 bis 9 nicht mehr erkennen konnte. Der Mann hat dabei keinerlei Schwierigkeiten, die Ziffern 0 und 1 zu erkennen, zu kopieren oder zu verstehen, und auch Buchstaben oder typografische Zeichen wie #, $ oder + sind von seiner Zahlenblindheit offenbar nicht betroffen, wie Tests ergaben. Selbst rechnen kann der Mann – sofern er die Zahlen statt in arabischen Ziffern als römische Ziffern oder ausgeschriebene Zahlenwörter schreibt. Diese Zahlenblindheit des Betroffenen ist daher hoch selektiv.

Schubert et a. (2020) haben den Mann im Verlauf der letzten acht Jahre begleitet und einer Reihe neurologischer Tests unterzogen, wobei sich zeigte, dass sich die Zahlenblindheit auch auf Formen direkt auf oder neben den Ziffern überträgt, denn so blieb ein in eine der blinden Ziffern eingebettetes Gesicht für den Mann unsichtbar. Die Hirnströme zeigten aber, dass sein Gehirn auf das Gesicht reagierte und das gleiche Signal wie beim Anblick eines normalen, in einen Buchstaben oder solo gezeigten Gesichts erzeugte. Bekanntlich sieht man die Welt schon in Form interpretierter Objekte, d. h., eine 8 erscheint uns direkt als schwarze Acht und nicht als Sammlung roher Seheindrücke wie schwarz und kurvig, d. h., die Identität eines Symbols oder Wortes ist schon mit seinen physikalischen Merkmalen wie Farbe, Größe und Form verknüpft. Bei dem Betroffenen scheint genau diese Integration nicht zu funktionieren, d. h., sein Gehirn kann zwar anhand der Merkmale noch zwischen Ziffern und Buchstaben unterscheiden und auch die darin eingebetteten komplexe Formen wie Gesichter oder Wörter auch unterbewusst identifizieren, doch die Signale, die danach ins Bewusstsein weitergeschickt werden, sind bei den Ziffern offenbar verzerrt und fehlerhaft. Bisher ging man davon aus, dass diese höhere Wahrnehmung untrennbar mit dem Bewusstsein verknüpft ist, doch dieser einzigartige Fall des zahlenblinden Mannes belegt nun, das dem offenbar nicht so ist.

Literatur

Schubert, Teresa M., Rothlein, David, Brothers, Trevor, Coderre, Emily L., Ledoux, Kerry, Gordon, Barry & McCloskey, Michael (2020). Lack of awareness despite complex visual processing: Evidence from event-related potentials in a case of selective metamorphopsia. Proceedings of the National Academy of Sciences, doi:10.1073/pnas.2000424117.


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