Constructive Episodic Simulation Hypothesis

Die Constructive Episodic Simulation Hypothesis (Schacter & Addis, 2007) ist ein Erklärungsversuch dafür, wie das episodische und das semantische Gedächtnis zusammenarbeiten, wenn man sich eine Vorstellung von der Zukunft macht. Die Constructive Episodic Simulation Hypothesis geht dabei davon aus, dass Menschen ihre persönliche Erinnerungen neu zusammenbauen, um sich die Zukunft vorzustellen. Nach dieser Hypothese hängen sowohl erinnerte vergangene als auch imaginierte zukünftige Ereignisse stark vom episodischen Gedächtnis ab. Neuere Forschungen deuten jedoch darauf hin, dassauch  nicht-episodische Prozesse wie die Beschreibungsfähigkeit auch das Gedächtnis und die Vorstellungskraft beeinflussen.

Benoit et al. (2019) haben in Experimenten nun konkret überprüft, wie die bloße Simulation eines episodischen Ereignisses die Einstellung zu den sie konstituierenden Elementen verändern kann. Dazu mussten die ProbandInnen zunächst solche Menschen benennen, die sie mögen und die sie nicht mögen. Außerdem wurden sie nach Orten gefragt, die diese eher als neutral einschätzen. Als die Probanden danach im MRT-Scanner lagen, sollten sie sich lebhaft vorstellen, wie sie mit diesem geliebten Menschen an einem dieser neutralen Orte Zeit verbringen und mit diesem Menschen interagieren. Sie sollten sich also etwa vorstellen, wie man mit der Tochter im Fahrstuhl ist und diese wild auf alle Knöpfe drückt. Dann fährt man mit ihr nach ganz oben, wo man aussteigt, um ihr die Terrasse zu zeigen. Dadurch sollte gezeigt werden, wie bloße Imaginationen die Einstellung gegenüber diesen Orten aus der realen Umwelt prägen, und tatsächlich hatte sich die Einstellung der Probanden gegenüber den Orten verändert, denn sie mochten diese vorher neutral bewerteten Orte mehr als am Anfang. Offenbar überträgt man den emotionalen Wert, den ein Mensch für einen selber besitzt, auf diesen Ort, und zwar sogar dann, wenn man diese Episode nicht einmal in Wirklichkeit erlebt hat.

Der ventromediale präfrontale Cortex, wo die Informationen über einzelne Menschen und Orte der Umwelt gespeichert werden, bewertet also auch, wie wichtig die einzelnen Personen und Orte sind, dass also in diesem Areal die Repräsentationen der Umwelt gebündelt werden, indem Informationen aus dem ganzen Gehirn zusammenlaufen und zu einem Gesamtbild verbunden werden. Diese Repräsentationen beinhalten demnach auch eine Bewertung, etwa wie wichtig die Tochter für jemanden ist und wie sehr man sie mag, und es kommt zu Verknüpfungen zwischen diesen Repräsentationen von Mensch und vorher neutralem Ort.

Offenbar besitzen Menschen die Fähigkeit, allein durch Vorstellungskraft Dinge zu erleben und durch das Imaginierte genauso zu lernen wie durch tatsächlich Erlebtes. Dadurch können reine Vorstellungen also dazu führen, dass Dinge wie Menschn, Orte oder Ereignisse anders bewertet werden als vorher. Vermutlich hat aber ein solcher Mechanismus hingegen für Menschen, die sich eher negative Vorstellungen von ihrer Zukunft machen, also etwa Menschen, die unter einer Depression leiden, negative Auswirkungen, denn sie können auf diese Weise eigentlich neutrale Objekte allein durch die Kraft der negativen Gedanken abwerten und somit für sich ein negatives Bild von der Welt erschaffen.

Literatur

Benoit, Roland G., Paulus, Philipp C. & Schacter, Daniel L. (2019). Forming attitudes via neural activity supporting affective episodic simulations. Nature Communications, 10, doi:10.1038/s41467-019-09961-w.
Schacter, D.L. & Addis, D. R. (2007). The cognitive neuroscience of constructive memory: Remembering the past and imagining the future. Philosophical Transactions of the Royal Society of London B, 362, 773–786.


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