Cinderella-Komplex

Der Cinderella-Komplex – ein eher populärpsychologisches als wissenschaftliches Phänomen – beschreibt die Angst von Frauen vor der Unabhängigkeit, wobei dieses Verhalten als unbewusstes Begehren nach Umsorgung durch Andere charakterisiert ist. Da üblicherweise die Abhängigkeit eines Menschen von Bezugspersonen mit der Zeit abnimmt, sobald er oder sie das Erwachsenenalter erreicht, wird ein Cinderella-Komplex gegebenenfalls erst dann sichtbar. Vorherrschend ist dabei die Angst von Frauen vor der eigenen Verantwortung und die heimliche Sehnsucht nach einem Traumprinzen.

Erstmals wurde der Komplex von der Publizistin Colette Dowling (1990) beschrieben, wobei sie die These vertritt, dass Frauen Angst vor der Selbständigkeit entwickeln, und sieht die Ursache dafür in Zweifeln an der eigenen Kompetenz, begründet in der unterschiedlichen Sozialisation, aber auch auf sozialem bzw. religiösem Druck hin. Frauen möchten sich zu jeder Zeit beschützt und geborgen fühlen, wobei sie dabei ihre eigenen Vorlieben und Möglichkeiten vergessen. Dadurch würden Frauen auch nicht lernen, mit ihren Ängsten umzugehen, wodurch eine unbewusst akzeptierte weibliche Rolle, das Warten auf einen Retter wie im Märchen von Aschenputtel, die volle Entfaltung ihrer Potenziale verhindert. Belege finden sich nach Dowling etwa in der Erfolgsangst von Frauen vor Spitzenpositionen in der Wirtschaft.

Kurioses: Etliche Jahre später übrigens propagiert die Autorin ziemlich das Gegenteil und sieht die Geschäftswelt von rigiden Emanzen bevölkert, die im Bemühen, es den Männern gleichzutun, deutlich überzogen haben. Sie erscheinen ihr defeminisiert, getrieben von der Sucht nach Anerkennung, häufig erbarmungslos, unnahbar und völlig desinteressiert am Wohl von anderen Menschen (Dowling, 1992).

Literatur

Dowling, Colette (1982). The Cinderella Complex: Women’s Hidden Fear of Independence. Simon & Schuster.
Dowling, Colette (1992). Perfekte Frauen. Die Flucht in die Selbstdarstellung. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag.

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