Gehirnatrophie bezeichnet einen Schwund von Gehirnmasse, ist in gewissem Umfang eine normale Alterserscheinung und wird daher auch senile Demenz genannt. Das Gehirn verliert beim Altern an Masse und Volumen, und zwar schon ab dem zwanzigsten Lebensjahr sterben täglich bis zu einhunderttausend Gehirnzellen ab.

Ein übermäßiger Schwund ist jedoch auch im Alter nicht die Regel und steht mit verschiedenen Erkrankungen in Zusammenhang, etwa Entzündungen, die durch bakterielle und virale Prozesse ausgelöst werden, multipler Sklerose, Intoxikationen, Stoffwechselerkrankungen, Durchblutungsstörungen oder Sauerstoffunterversorgung. Gehirnatrophie triktt auch bei Alkoholismus und anderen Suchterkrankungen auf. Die häufigsten Ursachen sind jedoch neurodegenerative Erkrankungen wie Morbus Alzheimer oder Morbus Pick.

Atrophische Veränderungen betreffen entweder die graue Substanz (cortikale Atrophie), die weiße Substanz (subcortikale Atrophie) oder als diffuse Atrophie eine allgemeine Rückbildung des Gehirns. Charakteristisch für die Gehirnatrophie sind vor allem neurologische Defizite, wobei vor allem die Bewegungsfähigkeit, die Sprachfähigkeit, die kognitiven Fähigkeiten oder die Wahrnehmungsfähigkeit betroffen sind.

Diagnostiziert werden Gehirnatrophien mittels bildgebender Verfahren wie der Magnetresonanztomographie. Bei Entzündungen des Gehirns zirkulieren im Liquor auch Immunzellen, etwa bei Multipler Sklerose, bei der das Immunsystem die körpereigene Schutzschicht der Nervenfasern in Gehirn und Rückenmark angreift, was eine Entzündung auslöst, die letztlich Nervenzellen zerstört. Die Vergrößerung des Ventrikelvolumens bei Multipler Sklerose gilt nach gängiger Lehrmeinung als Zeichen von Gehirnatrophie und noch nie konnte man beim Menschen beobachten, dass die Ventrikel wieder kleiner werden. Um das zu prüfen, griffen Millward et al. (2020) auf umfangreiche MRT-Datensätze von Betroffenen zurück, die zwischen 2003 und 2008 an einer klinischen Studie teilgenommen hatten, um die Wirkung eines neuen Medikamentes zu testen. Neben der Analyse des Liquors, der durch Punktion des Rückenmarks gewonnen wurde, sicherten MRT-Bilder die Diagnose einer Multiplen Sklerose. Bei der Mehrheit der Betroffenen mit schubförmig verlaufender Multipler Sklerose fand man vergleichbare Fluktuationen des Ventrikelvolumens, wobei sich diejenigen mit Veränderungen des Ventrikelvolumens in einer früheren Phase der Erkrankung zu befinden schienen. Aus klinischer Perspektive könnte die Untersuchung von Fluktuationen der Ventrikelvolumina in den Routine-MRT-Scans daher ein interessanter Ansatz sein, um den Krankheitsverlauf oder Immuntherapien besser zu überwachen.

Gehirnatrophien lassen sich weder aufhalten noch rückgängig machen, sodass sich eine Behandlung auf die Hilfe beim Umgang mit der Erkrankung konzentriert, häufig in Form einer psychotherapeutischen Betreuung. Ungeklärt ist, ob atrophische Veränderungen durch regelmäßiges geistiges Training verringert werden können.

Literatur

Millward, Jason M., Ramos Delgado, Paula, Smorodchenko, Alina, Boehmert, Laura, Periquito, Joao, Reimann, Henning M., Prinz, Christian, Els, Antje, Scheel, Michael, Bellmann-Strobl, Judith, Waiczies, Helmar, Wuerfel, Jens, Infante-Duarte, Carmen, Chien, Claudia, Kuchling, Joseph, Pohlmann, Andreas, Zipp, Frauke, Paul, Friedemann, Niendorf, Thoralf & Waiczies, Sonia (2020). Transient enlargement of brain ventricles during relapsing-remitting multiple sclerosis and experimental autoimmune encephalomyelitis. JCI Insight, 5, doi:10.1172/jci.insight.140040.


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