Smartphone-Daumen-Effekt

    Das menschliche Gehirn ist plastisch, d. h., lernt und übt jemand eine neue Fähigkeit, verändert sich dessen Gehirn. Bestimmte Areale der Großhirnrinde verarbeiten Wahrnehmungen des Tastsinns, wobei Studien gezeigt haben, dass einige Areale wachsen, wenn das betreffende Körperteil besonders häufig und stark beansprucht wird, etwa bei Geigenspielern jenes Areal, das die instrumentführenden Finger steuert.

    Bei Smartphone-Nutzern, die täglich auf dem Touchscreen tippen und wischen ist das Areal des somatosensorischen Cortex, das für den Daumen zuständig ist, größer als bei den Nutzern von Handys ohne Touchscreen, wobei sich dieser Effekt mit zunehmender Häufigkeit der Smartphone-Nutzung verstärkt. Seit der Einführung des Smartphones hat sich die Repräsentation des Daumens im Gehirn im somatosensorischen Cortex besonders von Kindern und Jugendlichen fast verdoppelt, denn immer dann, wenn etwas gelernt wird, wird das auch strukturell im Gehirn verankert.

    Apropos Daumen

    Für die Evolution des Menschen war nicht nur die Entwicklung des Gehirns bedeutsam, sondern auch die Anatomie der Extremitäten und hier besonders die des Daumens. Davor war es natürlich wichtig, sich nur noch auf zwei Beinen fortzubewegen, um die Hände frei zu haben und damit auch Werkzeuge benutzen zu können, was umso besser funktioniert, wenn der Daumen den anderen Fingern anatomisch gegenübergestellt ist. Erst die Opposition des Daumens macht aus den Klettergreifern der Affen die pinzettenartig greifenden Präzisionswerkzeuge des Menschen. Um festzustellen, wann diese anatomischen Umbauten genau begannen, haben Karakostis et al. (2020) neben den Handskelettstrukturen verschiedener Vor- und Frühmenschen auch die Muskelansatzstellen an den Fingerknochen untersucht, die den wahrscheinlichen Verlauf von Muskelsträngen und Geweben nahelegen, und aus den Daten virtuell die Muskulatur der Hand in 3D modelliert, um daraus biomechanische Schlussfolgerungen zu ziehen. So prognostizierten sie die Geschicklichkeit, mit der die Hände von anatomisch frühen modernen Menschen, dem Neandertaler, Homo naledi und älteren Australopithecinen greifen konnten. Demnach finden sich die ersten Belege für eine bewegliche Rolle des Daumens bei den Homininen aus der Swartkrans-Fundstelle, die vor etwa zwei Millionen Jahren im Süden Afrikas gelebt haben – es handelt sich um frühe Vertretern der Gattung Homo oder dem Paranthropus, die beide offenbar schon Tiere jagen und geschickt zerlegen konnten. Der Daumen des älteren Australopithecus sediba ähnelte in seiner Beweglichkeit dagegen eher dem Daumen von Schimpansen. Das überrascht, weil auch Australopithecinen der Gebrauch von Steinwerkzeugen zugeschrieben wird. Ebenfalls nicht recht ins bisherige Bild passt der Befund der Hände von Homo naledi: In den Fundstellen dieser wohl vor noch 250 000 Jahren lebenden Frühmenschenart mit einem eher kleinen Gehirn hatte man bislang keine Spuren für Werkzeuggebrauch gefunden. Die Hände von Homo naledi wären dafür möglicherweise geschickt genug gewesen. Daran wird deutlich, dass das Volumen eines Gehirns weniger als seine Komplexität darüber entscheiden könnte, zu welchen handwerklichen und kulturellen Leistungen ein Frühmensch in der Lage war. Insgesamt vermutet man, dass die Geschicklichkeit der Hände, die damit die höhere Effizienz bei der Jagd und die mit den so besseren Ernährungsmöglichkeiten einhergehende allmähliche Vergrößerung des Gehirn sich gegenseitig bedingten. Vielleicht ermöglichte dies jenen Evolutionsschub, der dann dem Homo erectus erlaubt hat, zur ersten global verbreiteten Art des Menschen zu werden.

    Gleichzeitig gilt aber auch, dass  das Gehirn bei geringer Nutzung spezifischer motorischer Fähigkeiten,
    die entsprechende Kapazitäten auch wieder abbaut.

    Literatur

    Karakostis, Fotios Alexandros, Haeufle, Daniel, Anastopoulou, Ioanna, Moraitis, Konstantinos, Hotz, Gerhard, Tourloukis, Vangelis & Harvati, Katerina (2020). Biomechanics of the human thumb and the evolution of dexterity. Current Biology, doi:10.1016/j.cub.2020.12.041.
    Stangl, W. (2021). Das Gehirn brauchte in der Evolution einen Daumen 😉 – bemerkt. Was Stangl so bemerkt.
    WWW: https://bemerkt.stangl-taller.at/das-gehirn-brauchte-in-der-evolution-einen-daumen (2021-02-03).

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