Geist haben bedeutet zu wissen, worin sich unterschiedliche Dinge gleichen und gleiche Dinge unterscheiden.
Anne Louise Germaine de Staël

Spiritualität bedeutet im weitesten Sinne eine Form von Geistigkeit als Gegensatz zum rein rationalen Denken und einer materiellen Körperlichkeit. Spiritualität bezeichnet nicht zuletzt den subjektiv erlebten Sinnhorizont, der sowohl innerhalb als auch außerhalb traditioneller Religiosität verortet sein kann und damit allen Menschen zu eigen ist. Spiritualität steht auch speziell für die gelebte Verbindung zum Formlosen, Göttlichen, Transzendenten oder Unendlichkeit und kann auch eine Art Lebenspraxis darstellen. Spiritualität bezeichnet das Bewusstsein, dass die menschliche Seele ihren oder der menschliche Geist seinen Ursprung einer göttlichen oder transzendenten Instanz verdankt oder zu einer absoluten höheren Wirklichkeit in Beziehung steht. Spiritualität kann nicht nur im Zusammenhang mit religiösen Vorstellungen von Menschen betrachtet werden, denn spirituelle Erfahrungen sind für viele Menschen einfach tiefgehende Zustände, die starken Einfluss auf ihr Leben haben, wobei Spiritualität vor allem das Gefühl vermittelt, dass etwas größer ist als man selbst. Solche spirituelle Erfahrungen können das Leben von Menschen nachhaltig verändern, wobei gar nicht immer Religion im Spiel sein muss, denn solche Erfahrungen können sich auch in dem Gefühl äußern, eins mit der Natur oder der Welt zu sein.

Das Verstehen der neuronalen Basis solcher spirituellen Erfahrungen kann auch helfen, die Rolle von Widerstandsfähigkeit in Form von mentaler Gesundheit besser zu verstehen. Der Parietallappen im Großhirn ist in der Wahrnehmung über sich selbst und anderen sowie in Aufmerksamkeitsprozesse involviert, wobei in diesem Areal neben Wahrnehmung und Orientierung auch Sprache verarbeitet wird. Neurologische Aktivität in diesem Bereich des Gehirns scheint ein gemeinsames Element zwischen Menschen zu sein, die eine Vielzahl spiritueller Erfahrungen wie etwa Mönche gemacht haben (Miller et al., 2018).

Der Harvard-Forscher Michael Ferguson vermutet die Ursache der Spiritualität im ältesten Teil des menschlichen Gehirns, und zwar im Hirnstamm – Periaquäduktales Grau (Substantia grisea periaquaeductalis oder auch zentrales Höhlengrau). Bisher hatte man angenommen, dass Spiritualität eher in äußeren und evolutionär gesehen jüngeren Bereichen des Gehirns verortet werden kann, doch es scheint nach seiner Ansicht Spiritualität tief im Nervensystem verankert zu sein. Man hatte in einer Untersuchung Menschen zu ihrer Spiritualität befragt, kurz bevor sie sich einer Gehirnoperation unterziehen mussten, wobei man die gleichen Fragen nach der Operation nochmals stellte. Bei gewissen Operierten hatte sich die Spiritualität durch die Operation verändert, und zwar bei denjenigen, deren Operation entweder direkt oder indirekt das Periaquäduktale Grau betraf. Daraus schliesst man nun, dass wenn das Periaquäduktale Grau bei der Operattion in irgendeiner Weise beschädigt wird, die Spiritualität dieses Menschen sinkt. Das Periaquäduktale Grau ist zudem verantwortlich für die Angst- und Schmerzregulierung, aber auch für den Altruismus eines Menschen, wobei interessant ist zu sehen, welche Teile des Gehirns in einer Anti-Korrelation zum Periaquäduktalen Grau stehen. Bekanntlich funktioniert das menschliche Gehirn in «Push-Pull»-Vorgängen, d. h., wenn ein Teil des Gehirns aktiver wird, geht die Aktivität in einem anderen Teil des Gehirns zurück. Man spekuliert daher, dass jenes Netzwerk, das mit Rationalität und Logik zu tun hat, in einer Anti-Korrelation zum Periaquäduktalen Grau steht, was nichts anderes bedeuten könnte, dass wenn die Spiritualität eines Menschen zurückgeht,  ein Mensch dann stärker rational orientiert durch die Welt geht und seine Erfahrungen weniger spirituell oder intuitiv deutet. Aus neurowissenschaftlicher Sicht kann man daher sagen, dass Spiritualität und Rationalität in einer wechselseitigen Beziehung zueinander stehen und dabei in einer Art Balance zueinander stehen.

In der wissenschaftlichen, universitären Psychologie werden normalerweise Geist und Seele als unwissenschaftlich ausgeblendet und es wird das Verhalten und Erleben als Gegenstand der Psychologie aus Dritter-Person-Perspektive, also von „außen“ beschrieben. Die Frage nach Seele und Geist wird dabei ausgeblendet, obwohl ein bestimmter Teil beobachtbarer psychologischer Tatbestände erst aus einer wissenschaftlichen Introspektion in Form einer Forschung aus der Erste-Person-Perspektive verstehbar wird.

Im Leben der Menschen verliert vor allem die institutionalisierte Spiritualität in Form von Religiosität, vor allem die Zugehörigkeit zu den großen Kirchen, an Bedeutung, doch das Interesse an individuell erlebter Spiritualität wächst. Sie wird daher auch in der Psychologie immer mehr zum Thema, wobei vor allem die angelsächsische Psychologie sich zunehmend der Spiritualität widmet, doch auch im deutschen Sprachraum wird das Interesse daran größer, nicht zuletzt als Ressource in Therapie und Beratung.


Übrigens: Menschen mit Religionszugehörigkeit leben im Durchschnitt vier Jahre länger als Atheisten, wobei religiöse Zugehörigkeit dabei fast so viel Einfluss auf die Langlebigkeit hat wie das Geschlecht. Ein Ursache für diesen Effekt könnte den erhöhten Möglichkeiten für den Aufbau sozialer Netzwerke und der Teilnahme an Freiwilligenorganisationen zukommen, denn die regelmäßige Teilnahme an kirchlichen Veranstaltungen erhöht die Chancen, mit anderen befreundet zu sein und sich in einer Gemeinschaft zu bewegen, wozu auch das soziale Engagement kommt, das in solchen Gemeinschaften gepflegt wird. Forscher vermuten, dass auch bestimmte von den Religionen auferlegte Einschränkungen des Lebensstils eine Rolle spielen könnten, denn Alkohol- und Drogenkonsum wird bei religiösen Menschen häufig unterbunden, ebenso wie Sexualität mit mehreren Partnern. Einige Religionen fördern zudem Praktiken wie Dankbarkeit, Gebet oder Meditation, die dabei helfen, Stress abzubauen (Wallace et al., 2018).


Siehe dazu Wo sich Schamanismus und Psychologie treffen und Gehirn, Gott und die Medien.

Literatur

Miller, L., Balodis, I. M., McClintock, C. H., Xu, J., Lacadie, C. M., Sinha, R & Potenza, M. N. (2018). Neural Correlates of Personalized Spiritual Experiences. Cereb Cortex, doi:10.1093/cercor/bhy102.
Wallace, Laura E., Anthony, Rebecca, End, Christian M. & Way, Baldwin M. (2018). Does Religion Stave Off the Grave? Religious Affiliation in One’s Obituary and Longevity. Social Psychological and Personality Science, doi:10.1177/1948550618779820.
https://de.wikipedia.org/wiki/Periaqu%C3%A4duktales_Grau (17-11-21)
Mirella Candreia, M. (2021). Spiritualität ist tief in unserem Nervensystem verankert. Radio SRF 2 Kultur, Perspektiven vom 17. Oktober 2021.


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