Zum Inhalt springen

Als Angstgedächtnis bezeichnet man die im Langzeitgedächtnis abgespeicherten Erinnerungen an belastende und traumatische Ereignisse. Es spielt im Leben insofern eine wichtige Rolle, da das Gedächtnis in bestimmten aktuellen Situationen diese mit emotionalen Erinnerungen erneut vergleicht und in manchen Fällen verstärkend verarbeitet. Das Angstgedächtnis ist oft sehr unscharf, wodurch Angst oft auch auf andere Auslöser generalisiert wird. Vermutlich ist es in evolutionär sinnvoll, dass es im Angstgedächtnis wenig bis kein Vergessen gibt, gleichwohl aber eine Kontrolle durch höhere Gehirnareale stattfindet.

Es gibt bis zu einem gewissen Grad ein optimales Angstniveau, das dem Gedächtnis sogar hilft, sich an Vergangenes zu erinnern, insbesondere an Situationen, in denen man Gefahren ausgesetzt war. Allerdings kann zu große Angst Menschen auch dazu bringen, Erinnerungen nachträglich zu verändern, denn Menschen mit einer großen Ängstlichkeit entwickeln mit der Zeit eine erhöhte Sensibilität auf die Einflüsse des emotionalen Kontexts ihrer Erinnerungen, sodass aktuelle neutrale Informationen durch dieses Gefühl stark eingefärbt werden, mit dem sie damals in Verbindung standen, sodass die Art und Weise beeinflusst wird, wie man gerade das aktuelle Umfeld sieht.

Massiver Stress schwächt häufig diese Kontrollzentren der Angst, sodass sich die im Angstgedächtnis abgespeicherte Angst wieder entfalten kann. Auch können die Kontrollzentren ihrerseits die Angst anfachen, etwa wenn sie innere oder äußere Signale als lebensbedrohlich interpretieren, was etwa bei Menschen mit Phobien oder Panikattacken der Fall ist. Durch dieses nochmalige Abrufen werden die Erinnerungen im Langzeitgedächtnis noch dauerhafter abgespeichert. Solche Erinnerungen im Angstgedächtnis sind oft der Ausgangspunkt von Albträumen. Bei herkömmlichen Therapien versucht man das ursprüngliche Angstgedächtnis zu unterdrücken, wobei neuer Ansätze versuchen, dieses eher zu überschrieben. Die traditionellen Therapien führen nämlich häufig dazu, dass etwa in Stresssituationen der Unterdrückungsmechanismus nicht mehr funktioniert und die Angst zurückkehrt.


Angstbesetzte Gedächtnisinhalte sind über das ganze Gehirn verteilt

Roy et al. (2022) haben bei Mäusen zusätzliche neuronale Ensembles bzw. Ketten von Engramm-Ensembles, die bestimmte Erinnerungen (Erinnerungsengramme) speichern, nicht nur im Hippocampus, in der Amygdala und im Cortex identifiziert, vielmehr waren die Engramme eines bestimmten Gedächtnisinhaltes über zahlreiche Hirnregionen verteilt, die funktionell miteinander verbunden waren und als einheitlicher Engrammkomplex bezeichnet werden kann. Neben Neuronen in schon bekannten Gedächtnisarealen wie dem Hippocampus, der für Angst zuständigen Amygdala und dem Cortex leuchteten auch viele weitere Hirnbereiche auf, umfassten diese auch Strukturen im Mittelhirn und in den Kernen des Hirnstamms, d. h., das Aktivitätsmuster erstreckte sich über fast das gesamte Gehirn der Maus. Die AutorInnen berichten über eine partielle Kartierung eines Engrammkomplexes für kontextuelles angstkonditionierendes Gedächtnis, indem sie kodierende aktivierte neuronale Ensembles in 247 Regionen mittels Gewebephänotypisierung bei Mäusen charakterisierten. Durch optogenetische Manipulationsexperimente wurden Engramm-Ensembles aufgedeckt, von denen viele funktionell mit Engrammen im Hippocampus oder in der Amygdala verbunden waren, wobei eine gleichzeitige chemogenetische Reaktivierung mehrerer Engramm-Ensembles zu einem stärkeren Erinnerungsabruf als die Reaktivierung eines einzelnen Engramm-Ensembles führte, was den natürlichen Erinnerungsabrufprozess widerspiegelt, d. h., die Tiere reagierten ähnlich ängstlich wie beim natürlichen Abrufen der angstbesetzten Erinnerung, etwa wenn sie wieder in den zuvor mit dem Elektroschock verknüpften Behälter gesetzt wurden.

Literatur

Roy, Dheeraj S., Park, Young-Gyun, Kim, Minyoung E., Zhang, Ying, Ogawa, Sachie K., DiNapoli, Nicholas, Gu, Xinyi, Cho, Jae H., Choi, Heejin, Kamentsky, Lee, Martin, Jared, Mosto, Olivia, Aida, Tomomi, Chung, Kwanghun & Tonegawa, Susumu (2022). Brain-wide mapping reveals that engrams for a single memory are distributed across multiple brain regions. Nature Communications, 13, doi:0.1038/s41467-022-29384-4.
Stangl, W. (2018). Angstabwehrmechanismen. Werner Stangls Psychologie News.
WWW: http://psychologie-news.stangl.eu/159/angstabwehrmechanismen (2018-02-27).
Stangl, W. (2022, 4. Mai). Angstbesetzte Gedächtnisinhalte sind bei Mäusen über das ganze Gehirn verstreut. Psychologie-News.
https:// psychologie-news.stangl.eu/4163/angstbesetzte-gedaechtnisinhalte-sind-bei-maeusen-ueber-das-ganze-gehirn-verstreut.



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.