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psychosomatischer Schwindel

Nicht jedes Schwindelgefühl hat eine organische Ursache, sondern wie viele andere körperliche Beschwerden, können auch Schwindelsymptome psychisch bedingt sein. Experten sprechen dann von einem somatoformen oder psychosomatischem Schwindel, der nach dem Lagerungsschwindel (s. u.) die zweithäufigste Schwindelform darstellt. Am häufigsten kommt dabei der phobische Schwankschwindel im Rahmen von Angsterkrankungen vor, wobei diese Schwindelanfälle typischerweise nur in bestimmten Situationen, wie etwa beim Aufenthalt in großen Menschenmengen oder beim Überqueren von Brücken auftreten. Dabei sind diese Schwindelattacken von heftigen vegetativen Symptomen wie Schweißausbrüchen, Herzrasen oder Übelkeit begleitet.Im Gegensatz zu organischen Schwindelformen sind in diesen Fällen die Gleichgewichtsorgane unversehrt, sodass es in einer Therapie darum geht, die Betroffenen über die psychischen Hintergründe und die Mechanismen der Schwindelentstehung aufzuklären. Schon das Wissen darüber erleichtert vielen Betroffenen den Alltag, wobei im Rahmen von Psychotherapien, kognitiven Verhaltenstherapien und auch physiotherapeutischen Maßnahmen die Betroffen lernen, das Schwindelgefühl zu beherrschen.

Die häufigste organisch bedingte Schwindelform ist übrigens der Lagerungsschwindel, wobei etwa zehn bis zwanzig Prozent aller Menschen mindestens einmal in ihrem Leben eine solche Schwindelattacke erleben. Diese entsteht im hinteren Bogengang des Gleichgewichtorgans beim Aufrichten aus dem Liegen ins Sitzen oder Stehen, sodass sich die Kristalle im Gleichgewichtsorgan im Ohr mit der Schwerkraft in der Lymphflüssigkeit des Bogenganges bewegen und die Sinneshärchen reizen. Schwindel tritt übrigens mit zunehmendem Alter häufiger auf, denn etwa dreißig Prozent der über 65-Jährigen wird regelmäßig schwindlig.

Generell ist die medizinische Diagnose bei Schwindel oft schwierig, denn es gilt einen umfangreichen Fragenkatalog abzuarbeitent: Ist es das Ohr? Das Auge? Das Gehirn? Der Blutdruck? Das Herz? War es die Tiefe beim Tauchen? Oder die Höhe beim Klettern? Oder die See? Sind es Tabletten? Oder der Alkohol? Oder eher zu wenig getrunken? Oder die Seele? Objektiv betrachtet handelt es sich bei Schwindelgefühlen um die Folge widersprüchlicher Informationen der Sinnesorgane, also von Ohr, Auge, Gehirn und den Sensoren in Haut, Muskeln, Sehnen. Ist dieses komplexe System gestört, kommt es zu Scheinbewegungen der Umgebung oder des eigenen Körpers, d. h., die Welt scheint sich zu drehen oder der Boden scheint zu schwanken. Alle Informationen des Körpers, die mit der räumlichen Wahrnehmung zu tun haben, werden ins Gehirn geleitet, wo es zu einem Datenabgleich kommt, dessen Ziel es ist, jederzeit das Körpergleichgewicht und eine adäquate Raumorientierung zu erhalten. Zur präzisen Orientierung im Raum müssen die gefilterten Reize vom Integrationszentrum im Hirnstamm in andere Hirnareale weitergeleitet werden, wobei diese eingehenden Informationen von Augen, Gleichgewichtsorganen, Muskelspindeln und Gelenkrezeptoren mit gelernten Bewegungsabläufen, wie sie im Kleinhirn gespeichert sind, abgeglichen und mit den gewünschten Bewegungen oder Emotionen aus der Hirnrinde abgestimmt werden. Kontroll- und Steuerungssignale regulieren dann die Kopf-, Augen- und Körperposition. Bei schnellen Bewegungen oder Erschütterungen während des Gehens werden die Augen beispielsweise so gesteuert, dass der Blick stabil bleibt und das Bild nicht verwackelt ist. Kompensatorische horizontale, vertikale oder drehende Bewegungen der Augäpfel dienen dabei dazu, das Gesichtsfeld bei Kopfbewegungen beizubehalten. Eine Störung der Stabilisation des Blicks wird als Nystagmus oder Augenzittern bezeichnet.

Bei Schwindel durch psychische Auslöser kann Ablenkung durch Sport und Bewegung helfen, denn der Körper lernt dadurch, den Schwindel zu kompensieren, wobei Betroffene mit ungefährlichen Aktivitäten beginnen sollten, die das Gleichgewicht nicht zu sehr fordern. Gut geeignet sind Nordic Walking und Spinning (Indoor Cycling), aber auch ein Gleichgewichtstraining bei Physiotherapeuten, die auf Gleichgewichtsprobleme spezialisiert sind (Vestibulartherapeuten) können hier helfen. Gegen leichtere Formen des Schwindels können kleine Übungen im Alltag helfen: Man kann das Gleichgewicht trainieren, indem man sich auf ein Bein stellt oder eine imaginäre Linie entlang geht. Man kann auch bei einem Spaziergang immer wieder einige Meter rückwärtsgehen. Grundsätzlich sind Tanzen, Gymnastik, Yoga sowie körperliche Aktivitäten aller Art ein gutes Training, speziell kann man auch im Rahmen einer Physiotherapie ein gezieltes Gleichgewichtstraining durchführen. Auch Tanzen trainiert die Orientierung im Raum und stärkt das Gleichgewicht, wobei die Bewegung Spaß macht und vom Schwindel ablenkt. Im übrigen gibt ein Tanzpartner den Betroffenen auch einen gewissen Halt, sodass manche in der Folge weniger Angst vor Schwindelanfällen entwickeln.

Findet man keine eindeutige, behandelbare Ursache für einen chronischen Schwindel, kann eine Behandlung mit Medikamenten sinnvoll sein, die zwar Schwindel und Übelkeit lindern, aber nicht deren Ursache beseitigen. Medikamente gegen Schwindel wirken im Gehirn, wobei als häufigste Nebenwirkungen Müdigkeit und Benommenheit auftreten, was wieder zu Schwindelgefühlen führen kann. Angeboten werden auch einige pflanzliche Mittel, etwa Präparate aus den Blättern des Ginkgo biloba-Baums, die die Durchblutung des Gehirns verbessern sollen, allerdings fehlen wissenschaftliche Beweise für die Wirksamkeit von Ginkgo-Extrakten. Ingwer und Ingwerextrakte wirken zwar nicht direkt gegen die Schwindelgefühle selbst, können aber gegen die damit oft verbundene Übelkeit wirksam sein.

Literatur

http://www.ndr.de/ratgeber/gesundheit/gehirn_nerven/schwindel107.html (14-04-10)
http://www.rp-online.de/kultur/karussell-im-kopf-aid-1.5845318 (16-03-19)



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