Easterlin-Paradox

    Geld: ein Mittel, um alles zu haben – bis auf einen aufrichtigen Freund, eine uneigennützige Geliebte und eine gute Gesundheit.
    George Bernard Shaw

    Wohlstand bringt die Leute auseinander. Armut verbindet sie.
    Ray Charles

    Das Easterlin-Paradox ist eine Theorie über den Zusammenhang zwischen Einkommen und Glück, und wurde durch den Ökonomen Richard Easterlin postuliert. Easterlin stellte er anhand von Metastudien fest, dass Menschen im untersuchten Zeitraum trotz Einkommenszuwächsen nicht glücklicher geworden waren. Eine mögliche Erklärung ist, dass relatives Einkommen ein besserer Prädiktor von subjektiver Zufriedenheit ist als absolutes Einkommen. Easterlin wiederholte seine Studie mehrmals und kam stets zum selben Ergebnis, dass wenn grundlegende Bedürfnisse gestillt sind, mehr Reichtum nicht zu mehr Glück führt.

    Das Easterlin-Paradox bestätigte sich in vielen Gesellschaften, wobei Easterlin seine Hypothese später noch einmal am Fallbeispiel China überprüft hat: In China ist das Nationalprodukt pro Kopf und Jahr seit 1990 um mindestens acht Prozent pro Jahr gestiegen, es hat sich mehr als vervierfacht. Easterlin fand aber keine Steigerung der Zufriedenheit in dem Ausmaß, das man vom Zuwachs des Wohlstands erwarten hätte können, sondern im Gegenteil zeigen Befragungen seit Beginn der 90er-Jahre das Gleiche: 1990 lag die Zufriedenheit auf einer zehnstufigen Skala, bei 7,29, dann ging sie zurück, bis 2001 um 0,76 Punkte, und erst 2007 hob sie sich wieder, erreichte aber nicht die Höhe von 1990. Ähnliches fand Easterlin in den postsozialistischen Gesellschaften Osteuropas, wobei der anfängliche Abschwung vom Schwund alter Sicherheiten erklärbar ist. Als in China die Wirtschaft noch im Staatsbesitz war, gab es die eiserne Reisschüssel, d. h., die Mitarbeiter wurden durchgefüttert und waren unkündbar, die Gesundheitsversorgung war frei zugänglich. Die Menschen fühlten sich auch gesund, die Reicheren wie die Ärmeren im gleichen Maß. Heute liegen sie in dieser Einschätzung um 28 Prozent auseinander, viele Arme können sich die teuer gewordene Medizin nicht leisten. Zufrieden sind heute 71 Prozent der Reichen (1990: 68), aber nur 42 Prozent der Armen (1990: 65), d. h., die Schere ist weit aufgegangen. Alle verdienen heute mehr, auch die Armen, doch fühlen sie sich nicht wohler.

    Macht Geld nicht doch glücklicher?

    Aber obwohl frühere Untersuchungen (Kahneman & Deaton, 2010) gezeigt hatten, dass das erlebte Wohlbefinden über einem Einkommen von 75000 Dollar im Jahr nicht mehr wesentlich ansteigt, doch basierte dieses Forschungsergebnis auf einem Datensatz mit einem Maß für erlebtes Wohlbefinden, das möglicherweise nicht das tatsächliche emotionale Erleben widerspiegelt, denn es handelte sich um retrospektive Angaben. Die Forschung unterscheidet grundsatzlich zwischen zwei Formen des Wohlbefindens: die Gefühle der Menschen in einem konkreten Augenblicken ihre Lebens, also das erlebte Wohlbefinden bzw. Echtzeit-Wohlbefiinden, und das Wohlbefinden bei einer Bewertung des Lebens durch Menschen, wenn sie innehalten und nachdenken, also das evaluative Wohlbefinden. Killingsworth (2021) hat nun in einer Datenanalyse gezeigt, dass bei über einer Million Echtzeit-Berichten zum erlebten Wohlbefinden das Ausmaß des Wohlbefindens linear mit dem logarithmischen Einkommen ansteigt, und zwar mit einer ebenso steilen Steigung oberhalb von 80000 Dollar wie darunter. Dies deutet darauf hin, dass höhere Einkommen immer noch das Potenzial haben, das alltägliche Wohlbefinden der Menschen zu verbessern, und dass beim Wohlbefinden nicht ein diesbezügliches Plateau in wohlhabenden Ländern erreicht wird. Dabei war auch die Steigung für Besserverdienende genauso steil wie für Geringverdienende, sodass es auch hier keine Hinweise auf ein Plateau des erlebten Wohlbefindens gibt. Es gab auch keine Hinweise auf eine Einkommensschwelle, bei der das erlebte und das bewertete Wohlbefinden auseinanderklaffen, was darauf hindeutet, dass ein höheres Einkommen sowohl mit einem besseren Gefühl im Alltag als auch mit einer größeren Zufriedenheit mit dem Leben insgesamt einhergeht. Allerdings wurden jenseits der 80000 Dollar bei höheren Einkommen mehr positive Gefühle registriert, während es darunter vor allem weniger negative waren, d. h., mehr Geld macht Gutverdiener glücklicher und Geringverdienende weniger unglücklich. Drei Viertel des Zusammenhangs zwischen Einkommen und Wohlbefinden lassen sich übrigens durch einen einzigen Faktor erklären, und zwar durch Kontrolle über das eigene Leben, und nicht durch Geld bzw. Reichtum als solche, denn diese ermöglichen eben eine gewisse Kontrolle über das eigene Leben.

    Literatur

    Easterlin, R. (2001). Income and Happiness: Towards a Unified Theory. The Economic Journal, 111, 465-484.
    Kahneman, Daniel & Deaton, Angus (2010). High income improves evaluation of life but not emotional well-being.Proceedings of the National Academy of Sciences, doi:10.1073/pnas.1011492107.
    Killingsworth, Matthew A. (2021). Experienced well-being rises with income, even above $75,000 per year. Proceedings of the National Academy of Sciences, doi:10.1073/pnas.2016976118.
    https://diepresse.com/home/wirtschaft/international/757983/Wachsender-Wohlstand-laesst-Glueck-nicht-mitwachsen?from=suche.intern.portal (19-01-12)


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