Gerontopsychologie

    Gerontopsychologie befasst sich mit den Grundlagen der psychologischen Betreuung und Behandlung älterer Menschen mit deren spezifischen physischen, psychischen und sozialen Bedingungen. Ziel ist dabei, ein grundlegendes Verständnis für deren besondere körperliche, emotionale und soziale Probleme, ihre gesundheitlichen und funktionalen Einschränkungen, ihre altersspezifischen Bedürfnisse und Wünsche, aber auch ihre Kapazitäten und Ressourcen zu gewinnen. Das Altern basiert auf dem Zusammenspiel von biologischen, psychischen, sozialen und ökologischen/kontextuellen Faktoren. Zwar stellt zunächst die Erhaltung der psychischen Gesundheit und Leistungsfähigkeit im Alter einen Selbstzweck dar, aber im Hinblick auf den sich verschärfenden Arbeitskräftemangel und die Sicherung der Sozialsysteme wird es künftig notwendig werden, dass mehr ältere Personen länger im Berufsleben verweilen werden.

    Zentrale Forschungs- und Praxisfelder der Gerontopsychologie sind die Erforschung von Altersvorgängen (z.B. Wissenschaftliche Studien zum Alterungsprozess), die psychologische Diagnostik (z.B. Diagnostik der kognitiven Leistungsfähigkeit und von Persönlichkeitsmerkmalen, Demenzdiagnostik, Ressourcen- und Störungsdiagnostik, etc.), die klinisch-psychologische Behandlung (z.B. bei Demenzerkrankungen, depressiven Störungen, Angststörungen, etc.), gesundheitspsychologische Interventionen (z.B. Kognitives Training, Durchführung von gesundheitsfördernden Programmen, etc.), die Beratung und Betreuung von Angehörigen (z.B. Pflegende Angehörige, Angehörige nach dem Einzug eines Elternteils in ein Seniorenheim, etc.), die Beratung, Betreuung, Fortbildung und Supervision von Menschen, die im Bereich der Betreuung älterer Menschen arbeiten. Die klinische Gerontopsychologie erforscht zum einen emotionale und kognitive Veränderungen im Alter und bei altersassoziierten Erkrankungen, zum anderen die Wirksamkeit psychologischer Behandlungsmaßnahmen und vereint dabei Aspekte der klinischen Psychologie, Neuropsychologie und Gerontologie.

    Menschen werden aktuell nicht nur deutlich älter als die Generationen davor, sondern auch das Älterwerden an sich funktioniert heute anders als noch vor dreißig oder vierzig Jahren. In den Köpfen der Menschen spuken jedoch noch Bilder und Vorurteile vom Altern und Altsein herum, die längst keine Gültigkeit mehr haben. Aufgabe der Gerontopsychologie ist daher auch, Alterungsprozesse bzw. deren Folgen zu untersuchen und auch Modelle dafür zu entwickeln, wie man diese Prozesse positiv beeinflussen kann. GerontopsychologInnen beraten dabei Gruppen und Organisationen bei der Optimierung von Lebenssituationen älterer Menschen, behandelt Menschen mit Altersdefiziten etwa bei Demenzerkrankungen, aber genauso machen sie auf Alterspotentiale aufmerksam und fördern diese. PsychologInnen mit dem Schwerpunkt Gerontopsychologie arbeiten daher meist in Kliniken, in der Verwaltung, an Hochschulen oder selbstständig und auch in Zusammenarbeit mit dem sozialen Umfeld wie Angehörigen, Pflegekräften, Institutionen und Gesundheitszentren.

    Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels ist mit einem wachsenden Bedarf an Gerontopsychologen zu rechnen, den um auch den Menschen im hohen Alter eine altersgerechte und optimale gesundheitliche Versorgung zu gewährleisten, werden immer mehr Fachkräfte benötigt. Im Mittelpunkt der Arbeit von GerontopsychologInnen steht die persönliche Förderung älterer Menschen, um ihnen eine größtmögliche Selbstbestimmung zu erhalten und so ihre Lebensqualität zu steigern. Gerontologen arbeiten etwa in Einrichtungen der Altenhilfe und haben dort eine psychologisch beratende Funktion, aber auch in der Verwaltung sind sie zu finden, indem sie beratend bei der Gestaltung von Lebensräumen mitarbeiten, die auch älteren Menschen eine Teilhabe am öffentlichen Leben erlauben.

    Wann wendet man sich an eine Psychologin oder einen Psychologen mit dem Schwerpunkt Gerontopsychologie?

    • Ein Familienmitglied leidet an einer Demenzerkrankung und man möchten sie bzw. ihn bestmöglich unterstützen.
    • Man möchte die Lebensbedingungen älterer Menschen in einem ganz konkreten Kontext analysieren lassen und verbessern.
    • Man arbeitet mit älteren Menschen zusammen und möchte Alterungsprozesse, Altersdefizite und -ressourcen besser verstehen.
    • Man ist selber eine ältere Person und möchten seine persönlichen Leistungsressourcen erhalten und verbessern.

    Forschungsbeispiel

    Bellingtier & Neupert (2019) haben in einer Tagebuchstudie 116 ältere und 107 jüngere Erwachsene die Aussage untersucht, dass man nur so alt sei wie man sich fühlt. Doch es ist komplexer. Ältere Erwachsene fühlen sich an Tagen mit einem größeren Gefühl der Kontrolle als sonst deutlich jünger, doch dieser Effekt fehlt bei jüngeren Erwachsenen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine höhere tägliche Kontrolle mit einem geringeren subjektiven Alter bei älteren Erwachsenen verbunden ist, während andere Faktoren eine zentralere Rolle bei den täglichen Schwankungen des subjektiven Alters jüngerer Erwachsener spielen. Ältere Menschen fühlen sich daher nur dann jünger, wenn sie der Überzeugung sind, dass sie Kontrolle über ihren Alltag haben, und zwar unabhängig von Stress oder Gesundheitproblemen. Menschen unter Dreißig hingegen kommen sich älter vor als sie sind, wenn sie unter Druck stehen oder gesundheitliche Probleme haben, wobei aber Kontrolle oder Autonomie das gefühlte Alter bei ihnen nicht beeinflussen. Damit sich älteren Menschen jung fühlen, sollte man diesen möglichst viel Autonomie ermöglichen.

    Literatur

    Bellingtier, Jennifer A. & Neupert, Shevaun D. (2019). Feeling Young and in Control: Daily Control Beliefs Are Associated With Younger Subjective Ages. The Journals of Gerontology, doi:10.1093/geronb/gbz015.

     

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