Gehirnjogging

Gehirnjogging-Programme, die Gedächtnis und Gehirnleistung trainieren sollen, erleben derzeit einen Boom. In Amerika gibt es Fitness-Studios fürs Gehirn, in denen Menschen reihenweise vor Computern sitzen und durch das Spielen verschiedener Programme ihre Intelligenz steigern wollen.

Gehirnjogging wurde von Siegfried Lehrl 1992 erfunden, der damit ein mentales Aktivierungstraining des Gehirns postulierte, um besser und schneller auswendig zu lernen. Ziel ist dabei, mit speziellen Übungen die Merkfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses zu erhöhen, so dass das Lernen schneller stattfindet. Lehrl hatte sich mit den geistigen Fähigkeiten von gesunden und kranken Menschen und der Einflüsse des Alterns auf das Gehirn beschäftigt. Er stellte feste, dass die Merkfähigkeit des Gehirns und damit die Fähigkeit auswendig zu lernen im Präfrontalhirn angesiedelt ist, wobei im Alter und bei geistiger Unterforderung dieser Teil des Gehirns schrumpft. Mit praktischen Übungen sei es jedoch möglich, diesen Prozess zu stoppen und sogar zu revidieren.

So ist es auch kein Wunder, dass heute Gehirnjogging so beworben wird: „Wachsen Sie über sich selbst hinaus: Wie oben geschrieben: Schöner werden Sie durch Gehirntraining nicht. Dafür hat es bemerkenswerte Vorteile: Sie verbessern sich im Multitasking (wollten Sie nicht schon immer gleichzeitig Telefonieren, E-Mails schreiben, Kaffee trinken und Radio hören?), Sie können sich Informationen besser einprägen (z. B. die Telefonnummer Ihres geliebten Chefs) und die Qualität Ihrer Beziehung oder Ehe verbessert sich nachhaltig! Wie das? So mancher Streit wird dadurch ausgelöst, dass der eine Partner dem anderen nicht richtig zuhört, vielleicht kommt das dem einen oder anderen bekannt vor. Mit Gehirntraining können Sie sich besser fokussieren und driften weniger leicht ab. Sie werden feststellen, dass Sie auf die Frage, was Ihr Partner gerade gesagt hat, immer die richtige Antwort kennen!“ Ganz abgesehen davon, dass Multitasking auf Grund der Funktionsweise des menschlichen Gehirns gar nicht möglich ist, können solche Behauptungen nur eines zur Folge haben: ROTFL

In einer britischen Online-Studie mussten knapp 11.500 Erwachsene im Alter zwischen 18 und 60 Jahren sechs Wochen lang Übungen am Computer auf der Wissenschaftsseite der BBC machen. Dabei trainierten sie unter anderem logisches Denken, ihr Gedächtnis, räumliches Sehvermögen und ihre Konzentrationsfähigkeit. Die Gehirnfunktion wurde vor und nach dem Training bewertet, wobei sich zeigte, dass sich die Erfolge bei dem Gehirntraining nicht auf andere mentale Bereiche übertragen ließen.

Die Testpersonen konnten zwar ihre Leistung bei den speziellen Spielen verbessern, was aber vor allem an der Übung lag – in Aufgaben, die sie nicht trainierten hatten, wurden sie nicht besser. Das galt auch für Spiele, die dem ursprünglichen ähnlich waren. Bestimmte Gedächtnisfunktionen lassen sich also sehr gut trainieren. Statt durch Gehirnjogging kann der Kopf auch anderes trainiert werden: durch Fremdsprachen, musizieren oder soziale Kontakte, was für die Lebensqualität wesentlich mehr bringt.

Das Argument, dass sich auch beim Bearbeiten von Denksportaufgaben  im Gehirn Synapsen verbinden ist zwar richtig, doch dieser Effekt tritt bei jeder anderen Aktivität ebenfalls auf. Wichtig ist aber vor allem der Inhalt einer Denkaktivität, denn sinnstiftendes Wissen entsteht nicht durch die bloße Wiederholung  gleicher Schemata, sondern durch die aktive und selbstmotivierte geistige Auseinandersetzung mit immer neuen Ereignissen und Begriffen.

Viel besser als Gehirnjogging ist nach Ansicht von Experten, etwas zu üben, das man im Alltag anwenden kann, etwa Musizieren oder Sprachen lernen. Wenn man sich nach einem Gehirnjogging-Training irgendwelche lange Zahlenreihen, Namen von amerikanischen Präsidenten oder unsinnige chinesische Schriftzeichen besser merken kann, ist das letztlich Zeitvertreib und für die Lebensführung älterer Menschen etwa weitestgehend nutzlos. Sinnvoller ist etwa, im Supermarkt zu versuchen, auf dem Weg zur Kassa die Preise der eigekauften Waren zu addieren … Um im Alter geistig fit zu bleiben, bringen körperliche Bewegung, soziale Kontakte und geistiges Training viel mehr als mehr oder minder einförmige Übungen am Computer. Vor allem die propagierten Computerprogramme mit Denksportaufgaben schulen letztlich nur einen besseren Umgang mit ihnen, wobei solche Programme dann wertvolle Dienste leisten, wenn etwa die Gehirnfunktion gestört sind wie nach einem Schlaganfall oder einer Schädelverletzung.

Siehe dazu im Detail Gehirn-Jogging


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