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sensorische Integration

Sensorische Integration bezeichnet einen Prozess der Wahrnehmungsverarbeitung, bei dem Sinneseindrücke  vom Gehirn geordnet und verarbeitet werden. Als sensorische Integration bedeutet aber auch, dass das Verhalten eines Menschen sinnvoll und für ihn bedeutsam werden kann. Die sensorische Integration ermöglichen einem Kind motorisch sinnvolle Handlungen und emotional angepasstes Verhalten. Integration im Sinn von Entwicklung bedeutet auch, dass nicht eine Fähigkeit isoliert entwickelt wird, sondern immer mehrere Kompetenzen gleichzeitig. So wird etwa nicht nur der Umgang mit der Schere gelernt, sondern auch das genaue Schauen, Kreativität und andere motorische Funktionen. Eine gut funktionierende sensorische Integration ist die Voraussetzung für effektives Lernen in allen Entwicklungsphasen.

Sensorische Integration ist somit die Fähigkeit des menschlichen Gehirns, Sinnesinformationen aus den verschiedenen Sinnessystemen zu einer ganzheitlichen Wahrnehmung zu verarbeiten, damit Menschen sich rasch und automatisch anpassen und zweckmäßig handeln können. Bei einem geringen Prozentsatz von Kindern funktioniert dieser Prozess nicht richtig, wobei die Ursachen weitgehend ungeklärt sind, aber eine erbliche Komponente vorhanden sein dürfte. Wenn die Integration des sensorischen Inputs gestört ist, spricht man von einer Wahrnehmungs- und damit Integrationsstörung, bei der fehlerhafte Abläufe trotz der Intaktheit der Sinnesorgane im Wahrnehmungsprozess entstehen. Dabei finden sich Störungen der visuellen Wahrnehmung, Hör- Sprachprobleme, Störung der Verarbeitung von Sinnesreizen (Autismus) oder eine entwicklungsbedingte Dyspraxie. Hat etwa ein köperbehindertes Kind mit Entwicklungsdefiziten Probleme mit der Handmotorik, lernt es in der Physiotherapie, seine Hand besser zu bewegen. Wenn diese Kompetenz nun integriert wurde, kann die Physiotherapeutin mit dem Kind auch das Zähneputzen oder das Schreiben üben.

Manche Kinder sind auch taktil oder vestibulär überempfindlich, wobei eine solche Überempfindlichkeit auf eine Modulationsstörung hindeutet, bei der das Nervensystem eines Kindes die ankommenden Reize nicht ausreichend modulieren bzw. filtern oder hemmen kann. Eine weitere Bezeichnung dieser Form ist daher taktile Abwehr, wobei im Falle der taktilen Defensivität  das Kind vor allem unerwartete Berührungen durch andere Menschen oder Materialien mit einer diffusen Reizqualität wie Schaum, Wolle oder Kleister meidet. Es reagiert dann auf solche Berührungen einem entwicklungsgeschichtlichen Muster folgend aggressiv oder defensiv. Häufig versuchen Betroffene die Begegnung mit anderen Menschen zu kontrollieren oder meiden generell Situationen, in denen es zu unerwarteten Berührungen kommen kann, wie etwa in Warteschlangen, Diskotheken oder bei U-Bahn-Fahrten. Auf diese Weise kann es zu sozialen Ängsten und Verhaltensauffälligkeiten kommen.


Pianisten und andere Musiker müssen bekanntlich gleichzeitige Reize verschiedener Sinne im Gehirn verarbeiten, wobei Pianisten offensichtlich ein besonders feines Gespür dafür besitzen, wie Tastenbewegungen und Töne zusammenhängen, denn das MRT bei ihnen zeigte bei falschen Tönen verstärkte Fehlersignale in den koordinativen Schaltkreisen des Gehirns, der sich durch das eigene Spiel mit der Zeit besonders ausbildet. Pianisten besitzen vergrößerte Areale in den für koordinative Leistungen wichtigen Hirnbereichen und haben dickere Nervenstränge in einer Struktur, die die beiden Gehirnhälften miteinander verbindet, und haben daher entsprechend stärkere Verbindungen zwischen den Strukturen, die für die Koordination der Hände und das Erlernen von Bewegungsabläufen zuständig sind.

Der Vergleich (Bianco et al., 2018) von professionellen Klavierspielern, von denen eine Hälfte seit mindestens zwei Jahren auf Jazz, die andere auf klassische Musik spezialisiert war, zeigte sich, dass selbst dann, wenn sie das gleiche Musikstück spielten, jeweils andere Gehirnprozesse ablaufen. Diese Unterschiede wirkten sich auch auf die Leistung aus, denn als man Jazzpianisten während einer logischen Abfolge von Akkorden plötzlich einen harmonisch unerwarteten Akkord spielen ließ, begann ihr Gehirn schon viel früher die Handlung umzuplanen als bei klassische Pianisten, d. h., entsprechend sie konnten schneller auf die unerwartete Situation reagieren und ihr Spiel fortsetzen. Umgekehrt konnten die Klassikpianisten ungewöhnliche Fingersätze besser nutzen, denn ihr Gehirn zeigte stärkere Aufmerksamkeit für den Fingersatz und entsprechend weniger Fehler. Man vermutet, dass die Ursache dafür in den unterschiedlichen Fähigkeiten liegen könnte, die die beiden Musikstile von den Musikern fordern, denn klassische Pianisten konzentrieren sich bei ihrem Spiel besonders darauf, ein Stück technisch einwandfrei und persönlich ausdrucksstark wiederzugeben, wofür die Wahl des Fingersatzes mitentscheidend ist. Im Jazz geht es hingegen um Improvisation, d. h.,  Jazzpianisten können sich offenbar gut und flexibel an überraschende Harmonien anpassen.

Literatur

Bianco, R., Novembre, G., Keller, P. E., Villringer, A. & Sammler, D. (2018). Musical genre-dependent behavioural and EEG signatures of action planning. A comparison between classical and jazz pianists. NeuroImage, 169, 383-394.



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