Psychose

Eine Psychose (psychotische Störung) ist eine meist schwere psychische Störung, die zu einer Veränderung der Persönlichkeit und des Erlebens führt. Während die meisten Menschen  die Gefühle kennen, die ein Neurotiker hat, liegt das, was ein Psychotiker erlebt, meist jenseits dessen, was ein Mensch normalerweise kennenlernt bzw. nachvollziehen kann. Ein Psychotiker halluziniert oder hört Stimmen, entwickelt Wahnideen und der Bezug zur Realität geht zeitweise verloren. Zu den Symptomen psychotischer Störungen zählen Halluzinationen, Wahnvorstellungen und abnormes Verhalten wie zum Beispiel Erregungs- oder Hemmungszustände. Man unterscheidet Organische und Affektive Psychosen.

Organische Psychosen haben eine organische Ursache und sind akute (reversible) oder chronische (irreversible) Erkrankungen des Zentralen Nervensystems (Infektionskrankheiten, Demenz, Tumore, Durchblutungsstörungen des Gehirns) oder Folgen der Einwirkungen von außen (Medikamente, Drogen).

Affektive Psychosen sind nicht willentlich kontrollierbare Extremschwankungen der Stimmung, wobei man Manie, Depression und bipolare Störungen unterscheidet. Manien sind mindestens eine Woche anhaltende Phasen einer Hochstimmung, verbunden mit Erregung, Rastlosigkeit und Unruhe, die sich in gesteigerter Aktivität, motorischer Ruhelosigkeit, Rededrang, Ideenflucht, kurzen Schlafzeiten, Größenwahn, leichtsinnigem Verhalten und Reizbarkeit äußern. Bei der Depression stehen Symptome wie der Verlust des Selbstwertgefühls, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, Unfähigkeit, Freude zu empfinden, Konzentrationsstörungen, Appetitlosigkeit, Suizidgedanken, Selbstvorwürfe im Mittelpunkt.

Bei der Bipolaren affektiven Störung, auch manisch-depressive Störung genannt, kommt es zu einem Wechsel zwischen Phasen von Manie und Depression, wobei die Intervalle dazwischen von wechselnder Dauer sind und meist mit der Zeit kürzer werden. Unbehandelt kann diese Krankheit chronisch verlaufen, die Intervalle können sich verkürzen und die Problematik kann sich aufgrund von Folgeproblemen (Abbruch von Beziehungen, Verlust des Arbeitsplatzes, Geldprobleme, Drogenabhängigkeit) verschärfen. Mit zunehmendem Alter werden Depressionsphasen häufiger und länger, so dass das Suizidrisiko steigt. Als Ursache werden genetische Disposition und biologische Faktoren im Zusammenhang mit Umweltfaktoren vermutet.

Siehe dazu auch Aggression bei psychisch Kranken.

Einige Definitionen aus der Literatur:

1. Definition
„Sammelbegriff für Erkrankungen, bei denen wichtige psych. Funktionen erheblich gestört sind. Dabei treten meist offenkundige Fehleinschätzungen der Realität (z.B. durch Wahn, Halluzinationen, schwere Gedächtnis- oder Affektstörungen bedingt) sowie unmotiviert erscheinende Verhaltensänderungen auf. Häufig erleben die Betroffenen nicht sich selbst, sondern ihre Umgebung als verändert und haben im akuten Stadium meist keine Einsicht in die Krankhaftigkeit ihres Zustandes.“ […] „Die Behandlung der P. ist seit Einführung der syndromspezifisch wirksamen Psychopharmaka (1952) wesentlich erfolgreicher geworden. Vielfach sind rein ambulante Behandlungen möglich; die Dauer stationärer Aufenthalte hat sich erheblich verkürzt“ (Der Brock Haus, Elfter Band, 1999, S. 227).

2. Definition
„Psychose, ein Begriff, der die schwersten Formen geistiger Erkrankungen (etwa – Schizophrenie) abdeckt. Psychotische Patienten haben in der Regel – Halluzinationen und verfügen über keine Einsicht. Es ist für sie schwieriger als für Neurotiker, den Anschein zu erwecken, daß sie normal funktionieren. Ärzte sprechen von psychotischen Schüben“ (Cohen, 1995, S. 240).

3. Definition
„Psychose, zusammenfassende Bezeichnung für verschiedene psychische Krankheiten. Ihr Krankheitsbild ist gekennzeichnet durch einen gestörten Bezug zur Realität, fehlende Einsicht in die Krankhaftigkeit des eigenen Zustandes und mangelnde Fähigkeit, soziale Normen und praktische Lebensanforderungen zu erfüllen, im Extremfall auch durch völligen Persönlichkeitszerfall.“ […] „Einige P. bilden sich nach einmaligem akutem Auftreten zurück, andere treten in Phasen auf, zwischen denen Zeiten völliger Normalität liegen, wieder andere führen schubweise oder schleichend zum totalen Persönlichkeitsabbau“ (Lexikon-Institut Bertelsmann, 1995, S. 389).

4. Definition
„Die Psychose ist allgemein definiert als „psychiatrische Erkrankungen“, in denen die Beeinträchtigung der psychischen Funktionen ein so großes Ausmaß erreicht hat, dass dadurch Einsicht und Fähigkeit, einigen der üblichen Lebensanforderungen zu entsprechen, oder der Realitätsbezug bzw. die Realitätskontrolle erheblich gestört sind.“ […] „Psychosen bedürfen einer fachärztlichen Behandlung, in der Regel ist auch eine stationäre Behandlung notwendig. Eine akute Form kann primär nur medikamentös behandelt werden, häufig müssen sich jedoch daran, vor allem bei den endogenen Psychosen, psychotherapeutische, soziotherapeutische und rehabilitative Maßnahmen abschließen (Tewes &Wildgrube, 1992, S 273f).

5. Definition
„Psychose, Geisteskrankheit, seelische Krankheit. Beeinträchtigung bis Aufhebung des normalen und zweckmäßigen Seelenlebens. Es werden unterschieden: Erschöpfungspsychosen (Kollapsdelirium, akute Verwirrtheit), Infektions- und Intoxikationspsychosen (P. bei Infektionen und Vergiftungen), Neuropsychosen (Epilepsie), Degenerationspsychosen, Organpsychosen, epochal Psychosen (die in Übergangsperioden auftreten wie in Adoleszenz und Menopause). Die beiden ersten Formen faßt man als exogene P. zusammen, weil die äußeren Krankheitsursachen überwiegen und stellt sie den übrigen Formen als endogene P. gegenüber, die wesentlich durch Anlagen und erbliche Belastung bedingt sind“ (Dorsch, 1976, S. 481).

Das AMDP-System zur Symptombeschreibung bei Psychosen

Das System wurde von der Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentation in der Psychiatrie (AMDP) erarbeitet, die von Schweizer und deutschen Psychiatern gegründet, der sich auch eine Gruppe aus Österreich anschloss. Mit dem AMDP-System kann die Ausprägung einzelner psychopathologischer Symptome erfasst werden, bei der in einem Fremdbeurteilungsverfahren das Vorhandensein von Symptomen in verschiedenen Schweregraden klassifiziert wird. Dabei werden folgende Indikatoren für psychische Auffälligkeiten erfasst:

  • Bewusstseinsstörungen: Beeinträchtigungen der Wachheit und des Bewusstseins bzw. der Daueraufmerksamkeit, als Fähigkeit zur adäquaten Reaktion auf Ereignisse in der Umgebung (Vigilanz). Beispielsweise können hier eine Reduktion der Wahrnehmung auf wenige Inhalte oder Reaktionsverzögerungen relevant sein.
  • Orientierungsstörungen: Störungen der Fähigkeit zur gedanklichen Wahrnehmung (Perzeption), Verarbeitung und Realisation von Informationen, die sich etwa auf den Ort (örtliche Desorientierheit), die aktuelle Zeit, die momentane Situation oder die eigene Person beziehen (z.B. Nicht-Wissen eo man sich befindet, welche ungefähre Tageszeit es ist).
  • Aufmerksamkeits- oder Gedächtnisstörungen: Beeinträchtigungen der Informationsverarbeitung/ kognitiven Verarbeitung bezüglich Umweltreizen sowie eine Verminderung der Funktion von Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis (Reduktion der Merkfähigkeit).
  • Formale Denkstörungen: Ein gestörter Denkablauf, sodass gedankliche Zusammenhänge (Kohärenz) und zielgerichtetes Denken nur eingeschränkt oder nicht mehr möglich sind bzw. die Geschwindigkeit der Verarbeitung deutlich reduziert ist (Verlangsamung). Beispiele sind hier unlogisches oder bruchstückhaftes Denken (Zerfahrenheit) oder die Einschränkung auf wenige Themen, die situational nicht angemessen sind (Zentrierung).
  • Befürchtungen oder Zwänge: Ängste, die nicht situationsangemessen bzw. übersteigert sind und sich aufdrängende Gedanken sowie Handlungsimpulse, die vom Betroffenem als unerwünscht angesehen werden, aber aufgrund eines empfundenen Zwangs dennoch wiederholt ausgeführt werden. Diese Merkmale werden den Angst- oder Zwangsstörungen zugeordnet.
  • Wahn: Überzeugungen, die als irrational anzusehen sind und auch nicht mit tatsächlichen Gegebenheiten übereinstimmen, die aber trotz der Widerlegung ohne Zweifel geglaubt und als richtig erachtet werden (z.B. Beeinflussungswahn – der Wahn, von anderen gesteuert zu werden).
  • Sinnestäuschungen (Halluzinationen): Fehlwahrnehmungen, d.h. die Wahrnehmung von nicht vorhandenen akustischen (Töne, Musik, Stimmen), optischen (Erscheinungen) oder haptischen Reizen.
  • Ich-Störungen: Eine gestörte Abgrenzung zwischen der eigenen Person und der Umwelt. Beispiele sind das Gefühl der Entfremdung vom eigenen Ich bzw. der eigenen Person (Depersonalisation), die Empfindung, nicht im Hier und Jetzt zu sein (Derealisation) und die mangelnde Abgrenzung zu äußeren Einflüssen (z.B. Fremdbeeinflussungserleben, empfundene Gedankeneingebung).
  • Störungen der Affektivität: Länger bestehende (persistierende) unangemessen gesteigerte Stimmungslage (Manie) oder Depression. Diese wird typischerweise den affektiven Störungen zugeordnet, kann aber auch im Rahmen von wahnhaften bzw. psychotischen Phasen auftreten.
  • Antriebs- und psychomotorische Störungen: Abweichungen von angemessenen und für die jeweilige Person als typisch geltenden Reaktionsmustern, im Sinne einer Verminderung oder auch unangemessene Steigerung des Antriebs (z.B. psychisch verursachte Bewegungsarmut, immer gleiche Handlungen/ Stereotypien).
  • Circadiane Besonderheiten: Verschiebungen der Tag-Nacht-Rhythmik (z.B. pathologische Schwankungen des Befindens im Tagesverlauf) .

Literatur
Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentation in der Psychiatrie (2000). Das AMDP-System. Manual zur Dokumentation psychiatrischer Befunde. Göttingen: Hogrefe.
Der Brock Haus (1999). Der Brock Haus – Lexikon. Leipzig-Mannheim: Verlag F.A. Brockhaus GmbH.
Cohen, D. (1995). Lexikon der Psychologie. München: Wilhelm Heyne Verlag.
Fähndrich, E., Eich, P. & Dietzfelbinger, T. (1995). Das AMDP – System. Allgemeine Einführung und historische Entwicklung. TW Neurologie Psychiatrie, 9, 176-180.
Lexikon-Institut Bertelsmann (1995). Lexikon der Psychologie. Gütersloh: Bertelsmann Lexikon Verlag.
Tewes, U. & Wildgrube, K. (1992). Psychologie-Lexikon. München: R. Oldenbourg Verlag GmbH.
Dorsch, F. (1976). Psychologisches Wörterbuch. Bern: Verlag Hans-Huber.




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