Graphologie – Schriftpsychologie

Anfang des 20. Jahrhunderts kam vor allem durch Ludwig Klages die Charakterologie in Mode, die sich auch mit Graphologie neben dem menschlichen Gesicht- und dem sprachlichen Ausdruck beschäftigte. Die Graphologie wird oft auch Schriftpsychologie genannt, ist jedoch nicht  gleichbedeutend mit dieser, denn diese beschäftigt sich mit der Analyse der Handschrift von Individuen zum Zweck der psychologischen Diagnostik und Beratung. Dazu werden Schriftproben verwendet, die das „normale“ Schriftbild des Probanden wiedergeben (z. B. Briefe, Notizen, Aufzeichnungen, Abschriften), keine Kalligraphien oder verstellte Schriften (z. B. Anonymschreiben). Die Sinhaftigkeit der Graphologie ist seit langer Zeit umstritten, da Metaanalysen in den meisten wissenschaftlichen Studien keinen Beweis für die behaupteten Zusammenhänge zwischen Handschrift und Persönlichkeitsmerkmalen zeigen. In mehr als zweihundert Studien zeigte sich zwar hin und wieder die eine oder andere signifikante Korrelation zwischen Handschrift und Persönlichkeitsmerkmalen, allerdings fallen die Zusammenhänge sehr gering aus und sind angesichts der überwältigenden Menge gegenteiliger Befunde ohne wirklichen Aussagewert. Hinzu kommt, dass bevorzugt dann signifikante Zusammenhänge gefunden werden, wenn die Graphologen handschriftliche Lebensläufe deuten. Die Validität sinkt allerdings auf einen sehr kleinen Wert, wenn man den Graphologen ein handschriftliches Dokument ohne biografischen Inhalt vorlegt. Die Graphologie ist wohl neben der Astrologie die wahrscheinlich am besten widerlegte Pseudowissenschaft.

Allerdings: Auch heute noch rekrutieren noch manche große Unternehmen ihre wichtigsten Mitarbeiter mit Hilfe von Handschriftanalysen, auch wenn die Graphologie bei der ­jüngeren Generation von Personal­managern und Berufsberatern deutlich weniger gefragt ist als noch vor zwanzig Jahren. Durch den Bedeutungs­verlust der Handschrift ergibt sich für die Graphologie darüber hinaus das Problem, dass es kaum noch entwickelte Handschriften gibt, sondern das das Schreiben mit der Hand meist nur für spontane ­Notizen genutzt wird, auch wenn diese Schriftform einen ­höheren Ausdrucksgehalt als etwa eine ordentliche oder ­schön ­wirkende Schrift aufweist. Die neuere Graphologie versteht sich daher eher als Schriftpsychologie und orientiert sich an erfahrungswissenschaftlichen Prinzipien, denn sie untersucht Handschriften auf Größe, Weite, Regelmässigkeit, Druck, Rhythmus und Schriftrichtung, wobei aber bei der Interpretation noch immer Erfahrung und Intuition gefordert werden, was aber den allgemein akzeptierten psychologischen Teststandards widerspricht, die rationales, streng analytisches und standardisiertes Auswerten verlangt. Es gibt aber nach wie vor Bemühungen, die Grapho­logie zu standardisieren und rationalisieren, denn so wurden Computerprogramme entwickelt, um die Analyse einer Schrift zu quantifizieren, etwa in Bezug auf Größe oder Richtung, allerdings sind fast alle Handschriftmerkmale meist mehrdeutig. Die Graphologie wird heute eher zur Kontrolle und als ein Testinstrument unter anderen verwendet, denn kommen die verwendeten Tests zum gleichen Schluss, verringert sich etwa im Personalbereich das Risiko einer Fehl­besetzung. Übrigens ist das Verfahren in einigen Ländern wie Frankreich, wo die moderne Graphologie  begründet wurde, anerkannter als etwa in Deutschland, was vermutlich damit zusammenhängt, dass im Dritten Reich militärische Führungskräfte mit Hilfe von Graphologen rekrutiert wurden.

Anmerkung: Die Handschrift ist eine komplexe motorische Aufgabe, denn bei der Schreibschrift bewegt die Hand den Stift auf und ab und gleichzeitig von links nach rechts, wobei diese Auslenkungen fein moduliert werden müssen, d. h., das Gehirn ist dabei stärker gefordert, als wenn der Stift immer neu angesetzt und der Buchstabe aus einzelnen Strichen zusammengesetzt wird, wie es bei der einfachen Grundschrift der Fall ist. Das Erlernen der Schreibschrift ist daher eine gute Übung für das Gehirn und ein Leben lang von Vorteil. In einer amerikanischen Untersuchung ließ man Kinder, die noch nicht schreiben und lesen gelernt hatten, Buchstaben auf drei Arten reproduzieren: das Bild auf Papier anhand einer gepunkteten Linie nachzeichnen, es auf einem weißen Blatt freihändig zeichnen oder auf einem Computer tippen. Kinder, die die Vorlagen frei nachzeichneten, zeigten messbare Hirnaktivitäten in drei Bereichen, die auch bei Erwachsenen aktiv sind, wenn sie lesen und schreiben, und zwar in der linken Spindelwindung, der unteren Stirnwindung und dem posterioren parietalen Cortex. Bei Kindern, die nur Punkte verbanden oder die Buchstaben tippten, war kein vergleichbarer Effekt erkennbar. vor allem die Unordnung der mit der Hand geschriebenen Buchstaben vergrößert den Lerneffekt, denn jedes handschriftliche A sieht ein wenig anders aus, sodass es einen großen Lerneffekt hat, wenn Kinder in diesen Variationen immer dasselbe Buchstabensymbol erkennen, was bekanntlich im Alltag notwendig ist. Studien belegen außerdem, dass beim Schreiben mit der Hand das Gehirn ganzheitlich aktiviert wird, während das Schreiben auf einer Tastatur keine oder nur wenige Spuren im Ablaufgedächtnis bzw. dem motorischen Gedächtnis hinterlässt. Kinder, die mit der Hand schreiben, können auch ihren Unterrichtsstoff viel besser erlernen und verstehen, denn ihr Gehirn wird insgesamt stärker stimuliert. Das wirkt sich apäter auch dann besonders fatal aus, wenn in der Schule gefordert wird, Arbeiten einmal mit der Hand zu schreiben (Stangl, 2017).

Literatur & Quellen

Stangl, W. (2017). Schreiben vs Tippen. Werner Stangls Lerntipps.
WWW: http://lerntipps.lerntipp.at/schreiben-vs-tippen/ (2017-09-29).
https://www.choices.de/hirnlose-digitalisierung (17-09-30)





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