Interesse

Unter Interesse (von lat.: inter „zwischen, inmitten“ und esse „sein“)versteht man die kognitive Anteilnahme respektive die Aufmerksamkeit, die eine Person an einer Sache oder einer anderen Person nimmt. Je größer diese Anteilnahme ist, desto stärker ist das Interesse der Person für diese Sache. Auch die Vorlieben oder die Hobbys einer Person werden als Interessen bezeichnet. Etwas ist dann für eine Person interessant, wenn es ihr Interesse weckt, sie sich also dafür interessiert. Das Gegenteil dazu ist das Desinteresse oder, in stärkerer Ausprägung, die (manchmal krankhafte) Apathie. Unter Interesse versteht man weiterhin ein Ziel oder einen Vorteil, den sich eine Person oder Personengruppe aus einer Sache verspricht oder erhofft. So verfolgen etwa Interessengruppen eigene Ziele, oft wirtschaftlicher Art.

Psychologische Interessenforschung

Bei der psychologischen Untersuchung von Interesse gibt es zwei Perspektiven:

  • Aus der prozessorientierten Perspektive werden aktuelle Zustände einer Person untersucht. Die zentrale Frage ist, wie Interesse geweckt wird und welche Auswirkungen gewecktes Interesse auf die Person hat. Hier unterscheidet man situationales Interesse (Entstehung von Interesse nach Reizaufnahme) und aktualisiertes Interesse (Wecken eines bestehenden individuellen Interesses durch Reiz).
  • Aus der strukturorientierten Perspektive werden hingegen dauerhafte Zustände und über längere Zeit konstante individuelle Interessen bei Personen untersucht. Im Rahmen der strukturorientierten Perspektive gibt es verschiedene Interessenmodelle, die sich entweder auf Berufsinteressen oder auf Freizeitinteressen beziehen können. Ein bekanntes Modell, dessen Gültigkeit für beide Bereiche in einer großen Zahl empirischer Studien nachgewiesen wurde, ist das RIASEC-Modell von Holland. Ein wichtiger, darauf aufbauender Berufsinteressentest ist der Allgemeine Interessen-Strukturtest AIST von Bergmann und Eder. Ein entsprechender Freizeitinteressentest der Freizeit-Interessentest FIT von Werner Stangl.

Interesse aus Sicht der pädagogischen Psychologie

Mit Interesse bezeichnet die pädagogische Psychologie eine besonders günstige und deshalb pädagogisch wünschenswerte Form der Lernmotivation, wobei die Forschung über Entstehungs- bedingungen und Effekte von Interessen auf das Lernen und die menschliche Entwicklung immer bedeutsamer geworden ist. Hans Schiefeles Buch mit dem Titel „Lernmotivation und Motivlernen: Grundzüge einer erziehungswissentschaftlichen Motivationslehre“ (1974) fokussierte darauf, dass die pädagogische Psychologie eine auf die pädagogische Belange abgestimmten Theorie der Lernmotivation entwickeln sollte, da die damals vorherrschenden Theorie der Leistungmotivation diesem Anspruch in wesentlichen Punkten nicht gerecht wurde. Ausgehend von kritischen Überlegungen zur Relevanz kognitiv orientierter Leistungsmotivationstheorien wurden genuin pädagogischen Theorie des Interesses entwickelt. Folgende Fragen stehen dabei im Mittelpunkt: Welche Rolle spielen Interessen für die Steuerung des Lernens, sowie die Erklärung von Lernerfolg und Leistung in unterschiedlichen pädagogischen Settings? Wie entstehen und entwickeln sich Interessen im Kontext von Unterricht, Ausbildung und Lehre.

Begriffsbestimmungen

1. Definition
„Interesse(von lat. Inter-esse = dabeisein, von Wichtigkeit sein), soziolog.-sozialpsycholog. Eine zielorientierte, längerfristig-zukunftsbezogene, in stärkerem Maße kognitiv ausgeformte und durch Eigenverantwortung gekennzeichnete motivationale Fixierung von Individuen und Angehörigen sozialer Gruppen, Organisationen, Schichten, Klassen und Gesellschaften. Solche dem Idealtypus des zweckrationalen Handelns nahestehenden motivationalen Fixierungen, die in nutzen- und vorteilsorientierten Einstellungen, Erwartungen, Ansprüchen und Strebungen zum Ausdruck kommen, sind auf je bestimmte Objekte, Güter, Sachverhalte, Ziele, Zustände, Handlungsmöglichkeiten, Rechte, Statuspositionen u. a. m. bezogen, denen in internationaler Weise Wertschätzung entgegengebracht wird“ (Hillmann 2007, S. 388).

2. Definition
„„subjektives“ Interesse, psychologisch die Ausrichtung von „Aufmerksamkeit, Gedanken und Absichten“ (Rubinstein) einer Person auf einen Gegenstand oder Sachverhalt, dem ein subjektiver Wert zugeschrieben wird. Dynamisches, motivierendes Merkmal, das sich als individuelle „Einstellung zum Wertvollen“ (C.F. Graumann) kennzeichnen läßt“ (Fuchs-Heinritz, Lautmann, Rammstedt & Wienold 1994, S 311).

3. Definition
„Aufmerksamkeit, geistige Anteilnahme, Neigung, Vorliebe. 1. in der Psychologie bezeichnet I. allgemein die Tendenz, auf bestimmte Dinge besonders zu achten (selektive Wahrnehmung), ihnen eine gesteigerte Aufmerksamkeit zu widmen, große, emotionale Anteilnahme zu entwickeln und die mit ihnen bestehenden Zusammenhänge zu beobachten. Das I. wird durch → Einstellung und Erwartungen gesteuert, besteht also schon gedanklich, bevor es sich äußert; 2. mit I. werden in der Soziologie solche → Intentionen bezeichnet, die Personen oder → Gruppen entwickeln, um aus deren Realisierung Vorteile zu ziehen; 3. in einem eher makrosoziologischen Sinne bezeichnet I. das in einer → Sozialkategorie oder einem → Kollektiv gemeinsam geteilte und vorhandene Insgesamt an Vorstellungen zur konkreten Lebenssituation und –gestaltung, die auf der Basis gemeinsamer Bedürfnisstrukturen determiniert sind“(Reinhold, Lamnek & Recker 1992, S 277).

4. Definition
„Interesse (von lat. teilnehmen), innere Teilnahme, inhaltliche Gerichtetheit des Geistes- und Willenslebens, in der neueren Seelenkunde bisweilen (im Anschluß an L. Klages) auch Triebfedern genannt“(Hehlmann 1967, S 260).

5. Definition
„Interesse (interesse dabei sein, teilnehmen). Anteilnahme, lebhaftes inneres Gerichtetsein auf ein Objekt. Das Objekt kann aber auch gegen den Willen des Subjekts, oder diesem unbewußt, das I. auf sich ziehen“(v. Sury 1967, S 116).

Literatur

Hillmann, K. (2007). Wörterbuch der Soziologie. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag.
Fuchs-Heinritz, W., Lautmann, R., Rammstedt, O. & Wienold, H. (1994). Lexikon zur Soziologie. Opladen: Westdeutscher Verlag GmbH.
Reinhold, G., Lamnek, S. & Recker, H. (1992). Soziologie-Lexikon. München/Wien: Oldenbourg Verlag.
Hehlmann, W. (1967). Wörterbuch der Pädagogik. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag.
Schiefele, Hans (1974). Lernmotivation und Motivlernen: Grundzüge einer erziehungswissentschaftlichen Motivationslehre. München: Ehrenwirth.
v. Sury, K.(1967). Wörterbuch der Psychologie und ihrer Grenzgebiete. Basel/Stuttgart: Schwabe & Co Verlag.
http://de.wikipedia.org/wiki/Interesse (10-02-04)



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