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Schuldgefühl

Das Schuldgefühl ist eine oft als negativ wahrgenommene soziale Emotion, die bewusst oder unbewusst, einer Fehlreaktion, Pflichtverletzung oder eines anderen Fehlverhaltens folgt. Körperliche Reaktionen sind dabei Erröten, Schwitzen, eventuell sogar depressive Verstimmungen oder körperliche Symptome wie eine Magenverstimmung, die vergleichbar mit denen bei Scham oder Angst sind, meist aber schwächer ausgeprägt auftreten. Dabei können beim Betrachter Schuld, Scham und Verantwortungsgefühl leicht verwechselt werden, d. h., eine Abgrenzung ist häufig schwierig.

Nach amerikanischen Untersuchungen von Sozialpsychologen wirken Menschen, die besonders zu Schuldgefühlen neigen, vertrauenswürdiger, denn sie übernehmen oft mehr Verantwortung, und nutzen dieses Vertrauen seltener aus. Das liegt vermutlich daran, dass diese Menschen oft im Vorhinein über Schuld nachdenken, die sie auf sich nehmen, wenn sie falsch handeln. So sind MitarbeiterInnen vor allem dann vertrauenswürdig, wenn sie eine starke Verantwortung für ihr Handeln empfinden und sich bei Fehlentscheidungen schuldig fühlen.

Ein Schuldgefühl ist für die Betroffenen in der Regel äußerst wenig hilfreich, denn es macht das Verhalten ja nicht ungeschehen, führt nicht unbedingt zu einer Wiedergutmachung und auch nicht zur Vermeidung zukünftigen Fehlverhaltens. Daher ist es besser, neben der Verantwortung wenn möglich tätige Reue zu zeigen. Ein schlechtes Gewissen macht Menschen auch anfällig für Manipulationen durch andere, denn Schuldgefühle und Selbstvorwürfe machen oft gefügig.

Vor allem in der Partnerschaft und in der Erziehung werden Schuldgefühle gerne und häufig als Druckmittel und zur emotionalen Erpressung eingesetzt. Dies führt oft zu einer weiteren und oft lang andauernden emotionalen Belastung, denn viele Menschen erleben Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen als eine kaum bewältigbare Form der Selbstbestrafung.

Ein eklatantes Beispiel für eine solche Manipulation durch Schuldgefühle ist die Erfindung der Erbsünde durch die katholische Kirche. Vor allem Augustinus formulierte auf Grund eigener misslungener Beziehungserfahrungen im fünften Jahrhundert eine Lehre von der ererbten Sündhaftigkeit aller Menschen. Das Konzil von Trient stellte schließlich fest, dass alle Menschen in Nachfolge des Adam, kurioserweise mit Ausnahme der Muttergottes Maria als neuer Eva, von der Erbsünde betroffen sind. Durch diesen dogmatischen Akt werden Menschen in Abhängigkeit gehalten, und auf perfide Weise bietet man ihnen dazu auch noch die einzige Möglichkeit an, sich von diesem Schuldgefühl, das meist in jungen Jahren den Menschen im Religionsunterricht eingetrichtert wird, wieder zu befreien.

Auch heute noch pocht die Kirche darauf, dass nur sie, die einzige Verwalterin und Vermittlerin göttlicher Gnade, die Sünde Adams, seinen Ungehorsam gegen Gott, durch den alle Menschen schuldig würden, tilgen könnte. Man lese dazu nur den Katechismus der katholischen Kirche, die sich in diesem fast schon wahnhaft vor allem in die Sexualität verkrallt, wodurch sie dadurch vermutlich den eigenen Untergang nur beschleunigt, denn solche abstrusen Versuche, Menschen beinahe nur über die Sexualität Schuldgefühle einzuimpfen, kann letztlich in einer aufgeklärten Zeit nur scheitern, da in den letzten Jahrzehnten die Institution vor allem durch den eigenen Umgang mit der Sexualität ihrer Protagonisten (Missbrauch, Zölibat, Frauenpriestertum, Vertuschung) sich jeden moralischen Anspruch mehr oder minder verwirkt hat. Siehe dazu auch Religion, Schuldgefühle und Angst (Stangl, 2017).

Für Friedrich Heer, ist die Erbsünde die Rechtfertigung für ein „Heilskollektiv“, das den „Sündensklaven Mensch“ vor den „Ausschweifungen des Leibes und des Geistes schützt“. Man muss diesem „elenden Menschen ein Höchstmaß an Sicherheit“ schaffen: „Sicherheit gegen sich selbst, Sicherheit gegen seine Freiheit, die für den Sohn Adams nur ein Mißbrauch von Freiheit sein kann, … Heil außerhalb der Kirche ist nicht“.  So kommt es heute auch, dass kaum ein Theologe mehr bereit ist, die das Erbsünde-Dogma begründende biblische Erzählung vom Sündenfall Adams als historisches Protokoll ernst zu nehmen, und dass die meisten von ihnen die traditionelle Erbsündenlehre schlicht für einen Anachronismus halten. Dennoch halten Traditionalisten wir Robert Spaemann unveränderlich an diesem unsinnigen Dogma fest und generalisieren praktisch alles schuldhafte Verhalten als Folge der Erbsünde!


Die Emotionstheorie sieht in Schuldgefühlen eine wichtige Empfindung, die auf die evolutionsbiologische Grundlagen zurückzuführen ist. So sollen Schuldgefühle Verhaltensweisen, welche die Art gefährden verhindern und auch eventuelle Opfer schützen (vgl. ohne Autor, 2003, S. 958).

Im historischen Wörterbuch der Philosophie sind viele Interpretationen vertreten, so erklärt Nietzsche das ein Mensch sich durch das Schuldgefühl gegen sich selbst richten soll und sich durch das Schuldgefühl selbst bestraft. Freud analysiert das Schuldgefühl auf psychoanalytischer Ebene. Nach Freud resultiert das Schuldgefühl aus einer Angst vor Autorität, es verdeutlicht die „Spannung zwischen dem gestrengen Über-Ich und dem ihm unterworfenen Ich“ (vgl. ohne Autor, 1992, S. 1460).

„Schuldgefühle resultieren aus dem Unbedingtheits- und Wirklichkeitscharakter der sittlichen Forderung deutlich als Mahnung des Gewissens“ (ohne Autor, 1998, S. 766).

Schuldbewusstsein beschreibt eine Belastung der Seele, die durch Schuld auf einen Menschen geladen wird. Jemand der Schuldbewusstsein empfindet sehnt sich nach Sühne, um eine instabile moralische Ordnung wieder herzustellen (vgl. ohne Autor, 1956, S. 497).

„Laut Freud ist Schuld eine Folge von Wünschen, die aus dem Ödipuskomplex resultieren. Die einfache Aussage eines Sohnes, dass er seine Mutter heiraten wollte, führe zu dunklen, Vergewaltigungen und Mord streifende Fantasien. Die Folge sei ein tiefes Schuldgefühl des Kindes. Freud und seine Schüler sahen in dieser Schuld einen Antrieb für den einzelnen, gesellschaftlich anerkannten Zielen zuzustreben“ (Cohen, 1990, S. 264).

Literatur

Baumann, U. (1970). Erbsünde? Ihr traditionelles Verständnis in der KRise heutiger Theologie. Freiburg: Verlag Herder.
Ohne Autor (1998). Schuldgefühl. In Häcker, H. & Stapf, K. H. (Hrsg.), Dorsch Psychologisches Wörterbuch (S. 766). Bern: Verlag Hans Huber.
Ohne Autor (2003). Schuld. In Städter, T. (Hrsg.), Lexikon der Psychologie (S. 958). Stuttgart: Alfred Kröner Verlag.
Ohne Autor (1992). Schuld. In Ritter, J. & Gründer, K. (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, achter Band (S. 1455-1463). Basel: Schwabe & Co AG Verlag.
Ohne Autor (1956). Schuldbewusstsein. In Verlag F. A. Brockhaus (Hrsg.), Der große Brockhaus, zehnter Band (S. 497). Wiesbaden: Verlag F.A. Brockhaus.
Cohen, D. (1990). Schuld. In Lexikon der Psychologie (S.264). München: Wilhelm Heyne Verlag.
Stangl, W. (2018). Religion, Schuldgefühle und Angst. Werner Stangls Psychologie News.
WWW: http://psychologie-news.stangl.eu/158/religion-schuldgefuehle-und-angst (2017-07-22).
https://de.wikipedia.org/wiki/Schuldgef%C3%BChl (16-09-12)
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43732490.html (16-09-12)

 



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