fluide Intelligenz

Kurzdefinition: Die fluide Intelligenz ist als eine Art Handwerkszeug zu verstehen, das Menschen befähigt, den Anforderungen des Alltags gerecht zu werden und ihnen etwa erlaubt, logische Rückschlüsse zu ziehen, die Ähnlichkeit einer Situation zu einer bereits erlebten zu erkennen und flexibel auf auftretende Problem zu reagieren. Die fluide Intelligenz befähigt Menschen auch, Informationen für kurze Zeit zu speichern, was eine wesentliche Grundlage von Lernen bildet. Die fluide Intelligenz erreicht ihren Höhepunkt mit Mitte 20, danach setzt ein langsamer aber stetiger Abwärtstrend ein.

Das Intelligenzmodell von Cattell unterscheidet zwei Komponenten der Intelligenz: Die fluide  und die kristalline Intelligenz. In der Intelligenzforschung versteht man dabei unter fluider Intelligenz die Fähigkeit eines Menschen, schnell und abstrakt zu denken, wobei diese Fähigkeit tendenziell im späten Erwachsenenalter abnimmt. Fluide Intelligenz ist somit die eher allgemeine, weitgehend angeborene Leistungsfähigkeit und spiegelt die Fähigkeit wider, sich neuen Problemen und Situationen anzupassen, ohne dass es dazu umfangreicher früherer Lernerfahrungen bedarf. Fluide Intelligenz lässt Menschen also Probleme lösen, konzentrierter lernen und logisch denken, während die kristalline Intelligenz erworbenes Wissen und Fähigkeiten umfasst, etwa Vokabelwissen oder Fahrradfahren. Zur fluiden Intelligenz zählen unter anderem eine schnelle Auffassungsgabe und damit verbunden auch ein gutes Gedächtnis, denn mit deren Hilfe gelingt es manchen Kleinkindern, erstaunlich schnell sprechen zu lernen und sich auch ohne explizites Vokabellernen einen großen Wortschatz zu erwerben.

Bei der fluiden Intelligenz sind vor allem der präfrontale Cortex und der mediale Temporalcortex gefordert, wobei diese Areale vergleichsweise stark vom Abbau im Alter betroffen sind, sodass bei dieser Intelligenzleistung junge Menschen und besonders Kinder in Vorteil sind, denn diese lernen dadurch leicht, mit neuen Geräten wie Smartphones und Computern umzugehen. Allerdings zeigten auch Untersuchungen, dass die fluide Intelligenz sich mit einem kognitiven Training des Arbeitsgedächtnisses bei Erwachsenen noch steigern lässt (siehe unten). Studien zeigen, dass die fluide Intelligenz maßgeblich durch die Stärke des Arbeitsgedächtnisses bestimmt wird.  Wer das Arbeitsgedächtnis übt, trainiert daher die fluide Intelligenz, denn diese ist zwar genetisch determiniert, jedoch nur zu etwa vierzig Prozent. Das Arbeitsgedächtnis besitzt die Besonderheit, dass es durch zielgerichtetes Training gesteigert werden kann.

Fluidität im Denken zeigt sich im Alltag in Verhaltensweisen wie schnellem Schalten, sofort Im-Bilde-Sein, instinktiv in einer neuen Situation das Richtige zu tun, ohne Zögern das Unwichtige vom Wichtigen zu trennen, viele Zusammenhänge zwischen Informationen auf einen Schlag zu erfassen und zu ordnen. Diese Fähigkeiten und Verhaltensweisen lassen sich mit geeigneten psychologischen Testverfahren relativ kulturfrei („culture fair“ oder „culture reduced“) erfassen. Ohne fluide Intelligenz wären Menschen in allen Alltags- und Arbeitssituationen relativ hilflos, aber Menschen, bei denen die fluide Intelligenz besonders ausgeprägt ist, können mitunter hochbezahlte Jobs ergattern.

Neuere Untersuchungen (Godwin et al., 2017) zeigen auch, dasss die fluide Intelligenz mit der Funktion eines speziellen Netzwerkes im Gehirn zusammenhängt, dem Default Mode Network (Teile des präfron­talen Cortex, des parietalen Cortex und des limbischen Systems). Dieses Netzwerk wird vor allem während des Tagträumens im Gehirn aktiv, d. h., es ist bei der Lösung von Aufgaben deaktiviert, ermöglicht jedoch bei Aktivität ein reizunabhän­giges Denken. In diesem Status können Menschen etwa auf Gedankenreisen gehen, Situationen im Kopf durchspielen oder auch die Zukunft planen. Auch wenn man seinen Blick auf einen Punkt an der Wand konzentriert, wird dieses Netzwerk im Gehirn aktiv. Möglicherweise ist bei manchen Menschen eine vermehrte Tagträumerei auch Ausdruck eines besonders effizient arbeitenden Gehirns, das mehr kognitive Reserven für die Tagträumerei und somit Kreativität besitzt.

Die fluide Intelligenz spielt übrigens auch eine entscheidende Rolle bei Lernvorgängen und wurde lange Zeit als unveränderbar angesehen, doch ein Forscherteam der Universität Michigan ließ Personen ein spezielles Übungsprogramm absolvierten, um ihr Arbeitsgedächtnis zu trainieren. Je länger und intensiver das Gedächtnistraining dauerte, desto höher stieg die Problemlösefähigkeit der Probanden. Ein besseres Arbeitsgedächtnis hilft Personen laufend ihre Leistung zu kontrollieren, irrelevante Eindrücke zu ignorieren, mehrere Informationen gleichzeitig zu verarbeiten und Zusammenhänge zu finden. All das sind Fertigkeiten, die der Problemlösefähigkeit zugute kommen.

Literatur

Godwin, Christine A., Hunter, Michael A., Bezdek, Matthew A., Lieberman, Gregory, Elkin-Frankston, Seth, Romero, Victoria L., Witkiewitz, Katie, Clark, Vincent P., Schumacher, Eric H. (2017). Functional connectivity within and between intrinsic brain networks correlates with trait mind wandering. Neuropsychologia, 103, 140-153.
Jaeggi, S.M., Buschkuehl, M., Jonides, J. & Perrig, W.J. (2008). Improving fluid intelligence with training on working memory. PNAS, 105, 6029-6022.
Stangl, W. (2012). test: klassische intelligenzmodelle.
WWW: http://www.stangl-taller.at/TESTEXPERIMENT/testintelligenzmodelle.html (12-11-21)





Falls Sie in diesem Beitrag nicht fündig geworden sind, können Sie mit der folgenden Suche weiter recherchieren:


Das Lexikon in Ihren Netzwerken empfehlen:

  1. One Response to “fluide Intelligenz”

  2. Die fluide Intelligenz ist das Handwerkszeug des Gehirns, das Menschen befähigt, den Anforderungen des Alltags gerecht zu werden. Sie erlaubt etwa logische Schlüsse zu ziehen, die Ähnlichkeit einer Situation zu einer bereits erlebten zu erkennen und flexibel auf auftretende Problem zu reagieren. Sie befähigt Menschen auch dazu, Informationen für kurze Zeit zu speichern, was die Grundlage des Lernens bildet. Die fluide Intelligenz erreicht ihren Höhepunkt bei einem Alter von Mitte 20, danach setzt ein langsamer aber stetiger Abwärtstrend ein. Die fluide Intelligenz wird maßgeblich durch die Stärke des Arbeitsgedächtnisses bestimmt, das für eine Vielzahl wichtiger geistiger Funktionen verantwortlich zeichnet. Es nimmt Informationen auf, speichert diese für kurze Zeit und hält sie abrufbereit. Das Arbeitsgedächtnis kann bis zu einem gewissen Grad durch zielgerichtetes Üben gesteigert werden.

    By Definierer on Mai 25, 2016

You must be logged in to post a comment.

Diese Seiten sind Bestandteil der Domain www.stangl.eu

© Werner Stangl Linz 2017